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Olympia-Ausstellung im Martin-Gropius-Bau Auf den Schwingen des Agon

 ·  Bei den Griechen gab es keine zweiten Sieger: Eine große Ausstellung im Martin-Gropius-Bau erzählt die Geschichte der antiken Olympischen Spiele und ihrer Wiederentdeckung durch die moderne Archäologie.

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© Katalog Frauen waren in Olympia nicht zugelassen, Göttinnen schon: Kopf der Athene (490 vor Christus), gefunden im Stadion

Wer etwas über die Einstellung der alten Griechen zum Sport begreifen will, muss sich nur klarmachen, dass die heute erfolgreichste Sportart, der Fußball, bei ihnen undenkbar gewesen wäre. Ein Spiel mit verteilten Rollen, mit Angreifern und Verteidigern, bei dem am Ende nicht Individuen, sondern Mannschaften gewinnen, widersprach dem griechischen Weltgefühl. Im Tal von Olympia, wo sich seit etwa 700 vor Christus alle vier Jahre die Athleten der Stadtstaaten versammelten, um sich zu messen, gab es nur Einzelne: den Läufer, den Wagenlenker, den Faust- oder Fünfkämpfer. Als Gewinner ging immer nur einer vom Platz; wer Zweiter wurde, hatte verloren, Silber wurden nicht vergeben.

Darin war Olympia ein Spiegelbild der antiken Städtekriege: Polis kämpfte gegen Polis, Stamm gegen Stamm, Zweier-, gar Dreierbünde waren selten. Erst im Widerstand gegen die Perser entstanden größere Bündnisse; bald rangen sie miteinander um die Macht in Griechenland. Eine solche Koalition, der Arkadische Bund, war es auch, die 364 vor Christus den Tempelbezirk in Olympia besetzte und die Vertreter der Stadt Elis, des traditionellen Ausrichters der Spiele, daraus vertrieb. Die Elier kehrten mit Waffenmacht zurück, es kam zu Blutvergießen im Heiligtum des Zeus. Schließlich verzichteten die Arkader auf ihre Ansprüche mit der Begründung, sie wollten nicht den Fluch der Götter auf ihre Kindeskinder herabrufen. Als steinernes Symbol der Verständigung entstand damals womöglich jener Hermes des Praxiteles mit dem Dionysosknaben, der von deutschen Ausgräbern 1877 gefunden wurde und heute das wichtigste Ausstellungsstück des Archäologischen Museums von Olympia ist.

Ende des heidnischen Spektakels

In der Ausstellung im Berliner Gropiusbau, die mit mehr als fünfhundert Exponaten den „Mythos Olympia“ durchleuchten will, kann man die Hermesstatue jetzt in einem erstklassigen Gipsabguss betrachten. Der Gott trägt das Kind des Zeus und der Semele auf dem Arm, um es vor der Eifersucht derHera zu beschützen. Als der römische Reiseschriftsteller Pausanias das Kunstwerk um 160 nach Christus sieht, steht es bereits im Heraion, dem ältesten Tempel von Olympia. Der Mythos des Dionysos ist offenbar ebenso in Vergessenheit geraten wie der Herakult, das Heiligtum dient jetzt als Museum, auch Elis ist nur noch ein verschlafenes Landstädtchen.

Aber der Betrieb geht weiter, die Spiele, von Nero - er wurde zum Sieger im Wagenrennen erklärt, obwohl sein Gespann gestürzt war - und Hadrian gefördert, blühen noch lange; bis ins Jahr 385 reicht die bronzene Siegerliste, die im Gropiusbau gezeigt wird. Erst im fünften Jahrhundert ist endgültig Schluss mit dem heidnischen Spektakel; im siebten Jahrhundert entsteht zwischen Zeustempel und Südhalle eine byzantinische Festung, im achten, nach Erdbeben, Überschwemmungen und Slawensturm, wird der Ort aufgegeben.

Ruhende Objekte

Es gibt viele solche Geschichten von Um- und Nachnutzung, von Krieg, Bestechung, Triumphen ohne Kampf, tragischen Siegern und rachsüchtigen Verlierern rings um Olympia und seine tausendjährige Tradition. Die Stärke der Berliner Ausstellung besteht darin, dass sie für fast jede dieser Geschichten Anschauungsmaterial bietet, von mykenischen Tonkrügen bis zu römischen Kapitellen, von Bronzeschilden und -statuetten bis zu den Abgüssen der Giebelfiguren und Metopen des Zeustempels.

Ihre Schwäche liegt darin, dass sie zu wenig erzählt. Die Objekte ruhen, exzellent ausgeleuchtet, in den Vitrinen, die Statuen streicheln das Auge, aber der Fluss der Geschichte, der die Landschaft an der Mündung des Kladeos in den Alpheios durchströmt hat, wird selten fassbar, zu starr, zu unerbittlich ist die Ordnung der Kuratoren. Nur einmal, in dem Ausstellungsteil, der dem Bild und Kultus des Zeus gewidmet ist, springen sie über den Schatten ihres Wissens. An Stelle der verlorenen Sitzstatue aus Gold, Holz und Elfenbein, die in der Spätantike nach Konstantinopel geschafft wurde und dort verbrannte, zeigen sie eine Rekonstruktionsskizze in einem Spiegelkabinett, das dem Besucher seinen eigenen neugierigen Blick zurückwirft.

Kunst, Krieg und Kult

Genauso gern hätte man gesehen, wie sich etwa die Nike des Paionios auf ihrem hohen Pedestal den Blicken der Spartaner dargeboten haben muss, deren Niederlage in einer Schlacht des Peloponnesischen Krieges sie im Auftrag der Messener und Naupaktier verherrlichte. Die Spartaner gewannen am Ende den Krieg, ließen die Nike aber stehen - anders als ihre späteren römischen Patrone ehrten die Griechen auch die Kunstwerke der Besiegten.

Im Agon, dem sportlichen Wettkampf, trafen Kunst, Krieg und Kult zusammen. Der erste Altar des olympischen Zeus entstand neben einem Tumulus aus mittelhelladischer Zeit. Dieses „Grab des Pelops“, das noch Pausanias gesehen hat, markierte die Verbindung der dorischen Griechen zu einer Welt, die lange vor den untergegangenen Palästen von Tiryns und Mykene lag. Die Streitwagen der Pelopiden und Atriden wurden in Olympia zu Spielzeugen der reichen Städter, so wie ihre Kriege zur Sage bei Homer.

Bis heute ein Rätsel

Es gab Rennställe und Gymnasien, die wie moderne Medaillenschmieden betrieben wurden. Am Anfang aber stand der Wettlauf der Jünglinge zu Ehren des Zeus. Die Ikone der Ausstellung, eine Kleinbronze aus dem fünften Jahrhundert, zeigt einen Läufer mit ausgestreckten Armen. „Ich gehöre Zeus“ steht auf seinem Schenkel. Der Sieger, vermutlich ein Pentathlet, weihte seinen Triumph dem Gott. Durch ihn wurde die Polis, der er entstammte, als Ganze ausgezeichnet. Die griechischen Kolonien in Italien, Gela, Selinus, Metapont, errichteten in Olympia eigene Schatzhäuser für den Herrn des Ortes, der ihre Gründung gesegnet und ihre Sportler beflügelt hatte.

1829 wurden die Ruinen des Zeustempels von einer französischen Expedition wiederentdeckt. Aber erst seit 1875 wird Olympia unter deutscher Leitung systematisch freigelegt. Die erste Grabung war ein Prestigeprojekt des Kaiserreichs und zugleich der Beginn der modernen Archäologie. Anders als bis dahin üblich wurde keine Fundteilung, sondern der Verbleib des antiken Erbes in Griechenland vereinbart. Um so genauer hielten die Ausgräber in Tagebüchern und Modellen, auf Zeichnungen und Fotografien das Aussehen ihrer Funde und die Topographie des Geländes fest. Diese Philhellenen, denen wir letztlich die großzügigen Leihgaben aus Olympia und damit den Glanz der Berliner Ausstellung verdanken, hatten ihren Pausanias gelesen, sie wussten genau, wo sie die Palästra, das Philippeion, das römische Gästehaus zu suchen hatten.

Die Unklarheiten des antiken Baedeker konnten aber auch sie nicht beseitigen. Bis heute rätselt die Forschung über die genaue Ordnung der Figuren im Ostgiebel des Zeustempels, der das mythische Wagenrennen zeigt, bei dem Pelops die Herrschaft über die nach ihm benannte Peloponnes gewann. „Rechts und links von Zeus“ hätten der Held und sein Widersacher gestanden, schreibt Pausanias vieldeutig. In dem Abguss, der im Gropiusbau zu sehen ist, hat der Gott den Recken nun zur Linken. Aber das ist nur ein Zwischenstand.

Mythos Olympia - Kult und Spiele. Martin-Gropius-Bau Berlin, bis 7. Januar 2013. Der Katalog ist im Prestel-Verlag erschienen und kostet in der Ausstellung 25 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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