Home
http://www.faz.net/-gsa-71cuq
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Olafur Eliassons Lampe „Little Sun“ Spirituelle Sonne, funktionale Sonne

 ·  Kann Plastik die Welt verändern? Eine Fragestunde mit Olafur Eliasson über seine neue Lampe „Little Sun“ - die bis 2020 50 Millionen mal verkauft werden soll.

Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (3)
© Mihret Kebede Wenn es gut läuft, soll „Little Sun“ bald auf allen Märkten Afrikas zu finden sein

Wie genau ein Kunstwerk zu seinem Endverbraucher gelangt, wie erfolgreich, wie nachvollziehbar und zu welchem Preis, das lässt seinen sogenannten künstlerischen Wert normalerweise mehr oder weniger kalt. Am Ende muss jeder selbst wissen, wie er es findet, wenn Jeff Koons erzählt, mit seinen Milliardärssammlern könne er auch persönlich ganz gut, oder wenn Gerhard Richter mal wieder sagt, wie „absurd und eigentlich lächerlich“ er die Preise findet, die Leute für seine Bilder bezahlen.

Bei Olafur Eliasson, der es in Sachen Breitenbekanntheit inzwischen mit beiden durchaus aufnehmen kann, ist das anders. Im „Studio Eliasson“, wo wir uns treffen, achtet man sehr genau darauf, wann und wie über Geld geredet wird. Als Eliasson vor vier Jahren im Hudson River die „New York City Waterfalls“ anschaltete, da soll er etwa dem New Yorker Bürgermeister Bloomberg vertraglich verboten haben, in „quantifizierbaren Begriffen“ über sein Werk zu sprechen. Bloomberg durfte also beispielsweise nicht erwähnen, dass das Ganze schätzungsweise 15 Millionen Dollar gekostet hatte und sich die Stadt 50 Millionen Dollar zusätzlicher Tourismuseinnahmen davon versprach.

Bei Eliassons neuestem Projekt verhält es sich umgekehrt. Zusammen mit dem dänischen Ingenieur Frederik Ottesen hat der Künstler eine kleine, tragbare LED-Lampe aus gegen alles Mögliche resistentem Acrylnitril-Styrol-Acrylat-Kunststoff geschaffen. Und weil die Lampe mit einer Solarzelle auf dem Rücken fünf Stunden Sonnenlicht in fünf Stunden LED-Licht verwandeln kann und ein bisschen aussieht wie eine Sonne oder Sonnenblume, haben die beiden ihr den schönen Markennamen „Little Sun“ gegeben. Diesmal darf das Publikum nicht nur quantifizieren, hier soll es das bitte schön sogar. Denn dem neuesten Werk von Eliasson kommt eine weitaus noblere Aufgabe zu als nur Fremdenverkehrswerbung: „Little Sun“ soll den 1,6 Milliarden Menschen helfen, die in Afrika und anderswo an Orten leben, an denen es kein funktionierendes Stromnetz gibt.

Ausdrücklich profitorientiert

Wenn zum Beispiel die Kinder in Äthiopien, Kenia, Simbabwe und später auch in anderen Ländern der Welt eine von Eliassons Lampen haben, so der Gedanke, dann können sie auch noch nach Einbruch der Dunkelheit weiter lesen und schreiben lernen, ohne dem gesundheitsschädlichen Ruß der ortsüblichen Kerosinlampen ausgesetzt zu sein oder ständig neuen Lampentreibstoff kaufen zu müssen.

Das Ziel ist, wenig überraschend bei jemandem, der sonst Wasserfälle und künstliche Sonnen baut, nicht gerade bescheiden. Bis zum Jahr 2020 will die „Little Sun GmbH“ ihr Produkt 50 Millionen mal verkauft haben - genau: verkauft. Denn was sich zunächst wie Wohltätigkeitsarbeit anhört, ist ein ausdrücklich profitorientiertes Unternehmen. Und wer sich wundert, warum sich dann die Rhetorik und das Aussehen der Website so nach NGO anfühlen, dem erklärt Eliasson ungeduldig, dass an diesem Gefühl nicht er, sondern man selbst und die eigenen Vorurteile schuld seien. Er habe da einen „ganzheitlichen Ansatz“, sagt er: „Das Geschäftsmodell ist genauso wichtig wie das Objekt. Es ist ein unverzichtbarer Teil des Kunstwerks.“

Zusammen mit der Londoner Marketingfirma Wolff Olins (die haben auch das Olympia-Logo 2012 verbrochen) hat Eliasson ein rein marktwirtschaftlich orientiertes Geschäftsmodell entwickelt, das er „profit to the point“ nennt. Das bedeutet: Produziert wird in China, zum derzeitigen Stückpreis von etwa 5,50 Dollar. Später, wenn die Mengen größer werden, sollen es vielleicht nur noch drei Dollar sein. Über einen beispielsweise in Nairobi ansässigen Großhändler, einen Einzelhändler und schließlich einen „Mikro-Einzelhändler“, also jemanden, der vielleicht mit dem Fahrrad von einem Dorf zum nächsten fährt, wird das Produkt schließlich für etwa elf Dollar unter die Leute gebracht. Das, erklärt Eliasson vorsichtshalber gleich, mache „Little Sun“ auf lange Sicht „zehnmal erschwinglicher“ für die Leute, als ständig neues Kerosin zu kaufen.

„Geld zu verdienen, dafür interessieren sie sich in jedem Fall“

Dass es natürlich trotzdem sehr optimistisch ist zu vermuten, dass die Leute in Ländern wie Tansania, wo laut Weltbank fast 70 Prozent der Bevölkerung von weniger als 1,25 Dollar am Tag leben, genug Geld für eine Lampen übrig haben, erwähnt Eliasson nicht. Das Tolle an diesem Teil des Businessplans, sagt er und skizziert auf einem herumliegenden Stück Papier schwungvoll ein Koordinatensystem mit steil aufsteigenden Profitkurven, sei, dass hier eben nicht wie sonst der Hersteller am meisten vom Kuchen abbekäme, sondern der Gewinn pro Lampe größer werde, je näher sie ihrem Endverbraucher kommt. Die sechs Mitarbeiter des Projekts etwa würden allein mit dem Gewinn bezahlt, der abfalle, wenn die Lampe zum mehr als doppelten Preis (20 Euro) auch übers Internet und in europäischen Museumsshops verkauft werde.

Will er Geld verdienen mit einem Projekt für Leute, denen es am Nötigsten zum Leben fehlt? „Nun ja, wir hoffen natürlich, dass wir irgendwann einen gesunden, attraktiven Betrieb haben, der auch Gewinn abwirft. Wenn wir sagen, wir seien profitorientiert, dann heißt das nicht, dass wir erwarten, mit der Sache reich zu werden. Aber wir müssen uns auch über das Ausmaß unserer Aufgabe im Klaren sein. Ich selbst könnte mir vielleicht leisten, 500 Lampen zu bauen und sie an eine Schule zu schicken. Wir können aber nur dann wirklich 500 000 Lampen verkaufen, wenn jeder Teil der Geschäftskette einen soliden Profit macht. Unsere Erfahrung ist, dass unsere Geschäftspartner vor Ort zwar auch daran interessiert sind, bedürftigen Schulkindern Leselampen zu liefern. Aber Geld zu verdienen, dafür interessieren sie sich in jedem Fall.“

Kunst als Wettbewerbsvorteil

Und überhaupt: Bei den Testläufen im vergangenen Jahr in Äthiopien habe er immer wieder die Erfahrung gemacht, dass man es in Afrika langsam leid sei, nur Almosenempfänger zu sein. Selbstverständlich sei es den meisten Leuten lieber, die Lampe zu kaufen, als sie geschenkt zu bekommen. Das sei auch der Punkt, an dem ihm die Leute von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), die anfangs eigentlich sehr geholfen hätten, einen schlechten Rat erteilt hätten: „Die von der GIZ haben uns gesagt: ,Super, was ihr da macht, eine Lampe für Afrika, eine Lampe für arme Leute!’ und ,Macht euch nicht zu viele Gedanken um das Design, in Afrika muss die Lampe vor allem funktionieren und nicht kaputtgehen.’“ Dann aber habe er in Äthiopien mit einer Mutter von drei Kindern gesprochen und ihr einen frühen Prototyp gezeigt, erzählt Eliasson. „Das Erste, was sie sagte, war: ,Eine Lampe für arme Leute, das interessiert mich nicht. Ich habe ein wunderschönes Haus, und als ich heute in der Kirche war, da habe ich dem Bettler vor der Kirchentür eine Münze zugesteckt. Ich bin reich!’ Und das Zweite: ,Und so besonders schön habt ihr sie ja auch nicht hinbekommen, diese Lampe, oder?’“ Idealerweise, findet Eliasson, müsse die Lampe zu einer Art Statussymbol werden, „so wie für andere ein Hemd von Prada“.

Und damit sind wir angekommen bei der Frage, was genau denn jetzt eigentlich das Besondere an dieser Lampe sein soll. Eigentlich ist es ja keine sehr originelle Idee, mit einer kleinen, tragbaren Solar-LED-Lampe den Lebens- und den Bildungsstandard in kenianischen Dörfer erhöhen zu wollen. Die Weltbank hat sich vor fünf Jahren das Projekt „Lighting Africa“ ausgedacht. Auf der zugehörigen Internetseite werden 31 verschiedene zertifizierte Lampen mit ähnlichen technischen Eigenschaften und zu ähnlichen Preisen wie „Little Sun“ vorgestellt. Auf kleinerer Ebene finden sich zudem Leute wie der 25-jährige Evans Wadongo, der in Kenia das Projekt „Just One Lamp“ ins Leben gerufen hat und die Lampen immer gerade da herstellt, wo sie auch gebraucht werden. Eliassons Wettbewerbsvorteil all diesen Projekten gegenüber ist natürlich, dass er seine Lampe Kunst nennen kann. Erst kürzlich, erzählt er stolz, sei er in Addis Abeba auf einem Treffen lokaler Wirtschaftsgrößen gewesen, bei dem es eine strikte „No Logo“-Regelung gab: „Ich sprach mit dem offiziellen Coca-Cola-Abfüller der Region. Er schaute mich an und sagte: ,Warum darfst du mit deiner >Little Sun< um den Hals eigentlich hier reinlaufen, und ich muss meine Cola draußen lassen?’ Und ich habe geantwortet: ,Tja, es ist eben keine Cola, es ist Kunst.’“

Offengebliebene Fragen

Aber was genau macht „Little Sun“ zur Kunst? Nun ja, sagt Eliasson, erst mal habe er, wie er das immer bei seinen Kunstwerken tue, sehr intensiv an einem Design gearbeitet. Die Lampe sollte so aussehen, dass sie einem elfjährigen Videospieler, aber auch einer 45-jährigen Hausfrau gefällt. Doch zuerst einmal, das dürfe man nicht vergessen, sei er nun einmal Künstler: „Ich mache nur Kunst, ich interessiere mich nur für Kunst. Aber ich finde eben zufälligerweise auch, dass Kunst überall sein kann und alles.“

Eliasson hat keine Zeit mehr, er eilt davon, muss ins nächste Meeting. Die Frage, ob er mit seinem Projekt nicht vielleicht einen ganz ähnlichen Mechanismus fördert wie jenen, der dazu führt, dass man auf westafrikanischen Märkten dank EU-Subventionen französisches Gemüse oft viel billiger bekommt als einheimisches, muss offenbleiben.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Regen in Paris

Von Nils Minkmar

Acht Monate lang durfte Regisseur Patrick Rotman den französischen Präsidenten Hollande begleiten. Entstanden ist ein Film über Regen und Depression. In Frankreichs Kinos scheint er zu floppen. Mehr 1 6