08.08.2008 · Die Heinrich-Böll-Stiftung baut eine neue Zentrale in Berlin, die auch für einen ideologischen Wandel steht. Vorbei die Zeiten, in denen die Ökologen die technische Moderne ablehnten und sich in eine kleinteilige Kiez-Ästhetik zurückzogen.
Von Niklas MaakEs gab eine Zeit, in der Bauten für die Politik vor allem Symbole sein sollten, gebaute Bilder der Gesellschaft, die in ihnen erfunden, regiert oder verwaltet wird. Sepp Rufs berühmter Kanzlerbungalow, der nach 1945 ein elegantes, offenes, bescheidenes Deutschland in Szene setzte, war ein Beispiel dafür – aber natürlich wurden nicht alle Politbauten derart gelungene architektonische Zeichen, wovon man sich in Berlin überzeugen kann. Die dortige SPD-Zentrale strahlt den trüben Charme von amibitoniert designten Aktenordnern aus, und der Kran-Arm, der über den stumpfen Bug des Hauses ragt, als wolle dieses sich selbst demontieren, liefert auch eher ein unfreiwillig passendes Bild von der Lage der Partei.
Die CDU-Zentrale am Tiergarten ist architekturikonographisch ebenso rätselhaft; das eigentliche Gebäude sitzt wie eine aufgedonnerte Praline in einem Laufstall aus Glas, was immer das nun bedeuten mag. Von den Grünen war architektonisch bisher fast nichts zu sehen, was vielleicht auch parteihistorische Gründe hat – schließlich waren die Grünen und ein großer Teil des Milieus, das sie wählte, eher antimodernistisch eingestellt und bevorzugten es, sich aus der „unwirtlichen“ Stahl-und-Glas-Moderne, die ihnen als Ausdruck eines kapitalistisch entseelten, zweckrationalisierten Lebens erschien, in vormodern kiefernhölzerne Müslicracker-Idyllen zurückzuziehen.
Postideologisches Öko-Tech
Aber die Zeiten, in der auf der einen Seite die kühlen, ressourcenzerstörenden Technokraten mit ihren Hochgeschwindigkeitszügen, Überschallflugzeugen und anderem Teufelszeug saßen und auf der anderen die verschreckten Ökos, die ihre Autos durch Hollandräder und die Geschäftsviertel durch Obstgärten ersetzten wollten: diese Zeiten sind vorbei. Wenn nun ausgerechnet eine den Grünen nahestehende Stiftung in einen Bau zieht, der eine Hommage ist an jene elegante, kühle, stahlgläserne Moderne der sechziger Jahre, die ihnen lange als der Feind galt, dann ist das vielleicht auch ein Zeichen für einen grundlegenden Wandel im Verhältnis der ökologischen Bewegung zur modernistischen Technologiebegeisterung. Gerade Deutschland ist mit seiner Kompetenz bei Wind- und Solarenergie, Bluetech-Automobilen und energiesparenden Bauten ein Beispiel dafür, dass sich ultramodernes Hightech und Ökologie nicht mehr ausschließen – und man kann, egal, was man nun von der architektonischen Ausführung im Detail hält, den neuen Sitz der grünennahen Böll-Stiftung durchaus auch als Fanal für dieses neue, postideologische Öko-Tech lesen.
Den Wettbewerb für den 14 Millionen Euro teuren Bau gewann das junge Schweizer Architekturbüro Eckert & Eckert, kurz E2A. Ihr Entwurf greift eine formale Tradition auf, die von Mies van der Rohe geprägt wurde, und man kann in der vertikal gegliederten Aluminium-Glas-Fassade deutlich das Genmaterial von Seagram Building, Lever House und anderen ikonischen Hochhäusern der fünfziger und sechziger Jahre erkennen – nur dass in Berlin, was bedauerlich und der Eleganz des Baus nicht unbedingt zuträglich ist, nicht annähernd so hoch gebaut werden durfte, wie es die Architekten gern getan hätten.
Eine Bühne für die grüne Diskursgesellschaft
Betritt man das neue Haus, fällt zunächst die Weitläufigkeit des rundum verglasten Foyers auf: Wenn hier abends Veranstaltungen stattfinden, sieht es aus, als fände unter dem Haus eine kleine Demonstration oder ein öffentlicher Auflauf statt, ein Effekt, der den Betreibern einer politischen Stiftung natürlich gefallen muss. Von diesem ins Haus hineingezogenen öffentlichen Platz führt eine elf Meter breite Treppe zur Beletage hinauf, und diese Treppe ist vieles: ein Amphitheater, auf dessen Stufen man sitzt, Vorträge hört, Filme anschaut oder diskutiert; ein Kunstwerk (denn der quietschgrüne, eine Schafwiese darstellende Läufer ist ein Unikat des Berliner Künstlers Via Lewandowsky); schließlich der Zugang zur rundum grün verglasten, über den Platz auskragenden Beletage, die als Konferenzzentrum für dreihundert Personen dient. Man kann diesen großen Sitz-, Diskutier- und Flanierraum auch als politische Ansage verstehen – als Ort für eine utopische Diskursgesellschaft: Auf solchen Treppen erträumen sich Architekten und Bauherren die „Schule von Athen“ des ökologischen Zeitalters.
Es macht die Qualität des Baus aus, dass er nicht nur optisch ein grünes Signal setzt: Der Raumwärmebedarf unterbietet die gesetzlich vorgeschriebenen Werte der Energiesparverordnung um die Hälfte, auf dem Dach thront eine Photovoltaik-Anlage, und sogar die Abwärme der Server wird genutzt: Die befinden sich in sogenannten Cool-Racks, in denen Wasser mit einer Temperatur von 23 Grad fließt; die Server erwärmen dieses Wasser auf 30 Grad, dann wird es ins Heizsystem eingespeist.
Eine Architektur für das postfossile Zeitalter
Bei der Treppe, die wie eine Rampe das Straßenleben aus der Horizontale auf die nächste Ebene befördert; bei der ruppigen bis eleganten Nonchalance der Materialien – dem rohen Beton, dem Aluminium, dem grün und orange getönten Glas, durch das man wie durch eine utopische Sonnenbrille in eine leuchtendere Welt schaut – zeigt sich der Einfluss des holländischen Architekten Rem Koolhaas, in dessen Büro die 1968 und 1969 geborenen Büropartner Piet und Wim Eckert ein paar Jahre lang arbeiteten. In der Verarbeitung, etwa bei den fein gelochten Metallpaneelen im Innenhof und den ökologischen Details des Baus, der von September an 185 Stiftungsmitarbeiter beherbergen wird, macht sich dann aber die Detailversessenheit bemerkbar, die für Absolventen der ETH Zürich typisch ist. Ihr Böll-Haus zeigt, wie eine Bauästhetik, die mit der Aufbruchseuphorie der jungen Bundesrepublik verbunden ist, in eine Architektur für den Alltag im postfossilen Zeitalter überführt werden könnte.