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Kommentar zum Obeliskenstreit : Mahnmal politischer Verhinderung in Kassel

Blumen in der Baustellenabsperrung: Hier stand bis zum Tag der deutschen Einheit der Kasseler Obelisk. Bild: dpa

Der Kasseler Obeliskenstreit ist ein Lehrstück dafür, wie Kunst ohne Not unter die Räder des Populismus geraten kann. Ein neuer Vorschlag für den künftigen Standort des Werks birgt ungeahntes Potential.

          Wie wenig der Chef der Documenta, Kassels Oberbürgermeister Christian Geselle von der SPD, von Bildpolitik versteht, zeigte sich einmal mehr am Mittwoch, als vor Morgengrauen am zentralen Königsplatz Baufahrzeuge anrückten und das letzte verbliebene Kunstwerk der Documenta 14 abräumten: den sechzehn Meter hohen Beton-Obelisken des amerikanischen Künstlers Olu Oguibe, an dessen Seiten in Deutsch, Englisch, Arabisch und Türkisch ein Zitat aus Matthäus 25,35 prangt: „Ich war ein Fremdling und Ihr habt mich beherbergt“.

          Am Tag der Deutschen Einheit ging von Kassel ein Bild der Spaltung aus. Der Abriss des „Fremde und Flüchtlinge-Monuments“ geschah gegen den Willen von Geselles Koalitionspartner, die Grünen, gegen die Initiative der kaltgestellten Kulturdezernentin Susanne Völker, gegen den Rat des Documenta Forums und des Kassel-Beirats und gegen das Votum von 629 Kasseler Bürgern und Stiftungen, die auf Vermittlung der Stadt für den Ankauf des Werks gespendet hatten und jetzt ihr Geld zurückerhalten sollen.

          Er geschah auf Beschluss von SPD und CDU, auf die Fahnen schreibt ihn sich aber die AfD. Der Kasseler Obeliskenstreit ist ein Lehrstück dafür, wie Kunst ohne Not unter die Räder des Populismus geraten kann. Nicht nur gab Geselle die Documenta-Geschäftsführerin Annette Kulenkampff zum Abschuss durch die AfD frei, als er kurz nach Amtsantritt vom drohenden Defizit erfuhr. Die AfD stellte gegen Kulenkampff und Kurator Adam Szymczyk Strafanzeige (im August wurden die Ermittlungen eingestellt). Geselle widersprach der AfD auch nicht, als deren kulturpolitischer Sprecher von der „Deutschen Welle“ mit den Worten zitiert wurde, der Obelisk sei „entstellte Kunst“. Zwar war nur gemeint, dass er den Königsplatz entstelle (was nicht stimmt), doch war das Werk damit politisch gekapert und zum Symbol der Willkommenskultur verflacht.

          Noch während die Spenden eingingen, empfahl Stadtbaurat Christof Nolda von den Grünen die Versetzung ans geplante Documenta-Institut an der Universität, mit dem hanebüchenen Argument, der Obelisk schränke die Freiheit künftiger Documentas ein. Oguibe, der sich vom demonstrativ hohen Preis von einer Million letztlich auf die gesammelten 126.153,27 Euro herunterhandeln ließ, besteht darauf, dass eine Versetzung vom zentralen Barockplatz sein Werk verändere. Zu Recht: Anderswo wäre der Obelisk nur sein eigenes Dokument. Gerade deshalb sollte Oguibe jetzt Geselles neuestem Vorschlag zustimmen, den Obelisken auf der Treppenstraße aufzubauen. Denn da stünde er wirklich im Weg, und Geselles Verhinderungspolitik hätte ihr eigenes Monument.

          Kolja Reichert

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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