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NS-Kunst Ein Tabu wird gebrochen

 ·  Elftausend Werke wurden auf den „Großen Deutschen Kunstausstellungen“ der Nationalsozialisten gezeigt - danach nie wieder. Jetzt werden viele davon online gestellt. Darf man das?

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© Zentralinstitut für Kunstgeschichte, München Josef Thorak: Francesca da Rimini, 1943 ausgestellt

Was denken Sie, wenn Sie die Ausstellungsansicht unten in der Bilderstrecke sehen? Große Kunst? Großer Mist? Oder vielleicht einfach nur: Was ist das überhaupt? Die oberflächliche Antwort lautet: Das große Gemälde trägt den Titel „Der Kampf des Arztes mit dem Tod“, gemalt hat es Thomas Baumgartner, der es 1941 auf der Großen Deutschen Kunstausstellung im Münchner Haus der Kunst zeigte. Gesehen haben es etwa siebenhunderttausend Deutsche. Sie kamen, um die Kunst zu sehen, die von einer Jury der Nationalsozialisten ausgewählt worden war, um die Spitzenleistungen des Deutschen Reiches auf dem Feld der schönen Künste vorzuführen. Adolf Hitler persönlich hatte 1937 die erste sogenannte Große Deutsche Kunstausstellung eröffnet; bis 1944 wurde sie jährlich veranstaltet.

Damit ist auch schon klar, auf welche Fragen man viel dringender Antworten braucht: Was nämlich ist an diesem Bild nationalsozialistisch? Und öffnet man rechter Ideologie Tür und Tor, wenn man solche Gemälde, die auf einer Propagandaschau zu sehen waren, heute zeigt?

„Geballte Banalität“

Tatsache ist zunächst, dass sie im Internet vom 20. Oktober an gezeigt werden. An diesem Tag wurde die Datenbank zu den Großen Deutschen Kunstausstellungen freigeschaltet und kann von jedem eingesehen werden. Grundlage der Datenbank sind sechs Fotoalben, die zwar schon lange in der Bibliothek des Zentralinstituts für Kunstgeschichte standen, von der Forschung aber bisher kaum genutzt, geschweige denn ausgewertet wurden. Dabei enthalten die Alben eine einzigartige Dokumentation der jährlichen Großausstellungen: Zwischen 1938 und 1943 fertigte das Fotostudio Jaeger und Goergen im Auftrag des Hauses der Kunst von jedem Saal mehrere Aufnahmen an, eine Prozedur, die wiederholt wurde, wenn ein Werk aus der Schau einen Käufer fand und durch ein neues ersetzt werden musste. 11.000 Werke wurden insgesamt gezeigt, nur ein Zehntel davon war bisher durch Abbildungen bekannt. Die Mehrzahl steht nun von übermorgen an online.

„Es macht einen Unterschied, ob man die Bilder und Skulpturen in einem Ausstellungssaal sieht oder nur den Titel kennt“, sagt der Kunsthistoriker Christian Fuhrmann vom Zentralinstitut für Kunstgeschichte, der zusammen mit Stephan Klingen das Datenbankprojekt leitet. Zu den Großen Deutschen Kunstausstellungen erschien zwar jedes Jahr ein Katalog, doch darin wurden die Werke nur gelistet; Abbildungen gab es kaum. Welchen Unterschied es macht, führt Fuhrmeister ebenfalls aus: „Der Eindruck der geballten Banalität. Fünfzig Prozent sind Stillleben oder Landschaften.“

Ansichten einer Reichsautobahn

Das bedeutet natürlich nicht, dass das Datenmaterial harmlos wäre. Im Gegenteil. Wer die Datenbank benutzt, steigt in den Giftschrank der Kunstgeschichte, der toxische Substanzen enthält, die aus den Archiven des Deutschen Historischen Museums und dem Haus der Kunst stammen; beide Institutionen waren im Rahmen einer Kooperation an der Erstellung der Datenbank beteiligt. Die Raumansichten aus den Alben, die dazugehörigen Werktitel und Künstlernamen, sind erst die Oberfläche. Durch wenige Klicks erfährt man danach, wer, was, wann gekauft hat und für welchen Preis.

Eine Raumansicht von 1941 zeigt etwa das Gemälde Nr. 717 (unser großes Bild): Auf den ersten Blick eine Landschaft. Die Sonne scheint ins Tal, blauer Dunst zieht über die Berge. Erst auf den zweiten Blick bemerkt man den Kran, die Kolonie von winzigen Arbeitern, die in dem hoch aufragenden Massiv Steine herausschlagen und davontragen. Baustellen bildeten ein Lieblingsgenre der Nationalsozialisten; in der Ausstellung hing auch Bild Nr. 717 neben der Ansicht einer Reichsautobahn. Was dieses Gemälde allerdings zeigt, sind die „Granitbrüche Flossenbürg“, gemalt von Erich Mercker. Die Arbeiter sind Häftlinge aus dem gleichnamigen Konzentrationslager, die unter mörderischen Bedingungen das Baumaterial für die ehrgeizigen Projekte des Deutschen Reiches liefern mussten. Der Käufer steht in der Datenbank: Adolf Hitler. Der Preis auch: viertausend Reichsmark.

Ausstellung der NS-Kunst als „Verführung der Öffentlichkeit“

Wer das Stichwort „Hitler“ in das Suchfenster eintippt, kann auch sehen, was dieser sonst noch erworben hat - beispielsweise den albernen Akt „Badende“. Sechstausend Exponate wurden zwischen 1938 und 1944 verkauft, gut ein Sechstel davon an Hitler, der sieben Millionen Reichsmark dafür ausgab. Die Partei zog mit. Albert Speer war der Käufer einer der teuersten Kunstwerke der Schau, Josef Thoraks „Francesca da Rimini“, eine verschlungene Aktgruppe aus Marmor, für 200.000 Reichsmark.

Die Datenbank sprengt natürlich eine Übereinkunft, die bis in die Gegenwart Gültigkeit hatte: Nationalsozialistische Kunst wurde nach 1945 von deutschen Kunstmuseen nicht gezeigt. Als Christoph Vitali, damals Direktor am Haus der Kunst, 1995 den Versuch unternahm, in der Schau „Ernste Spiele. Der Geist der Romantik 1790 bis 1990“ Werke aus der Zeit des Nationalsozialismus zu zeigen, wurde ihm von der Presse die „Verführung der Öffentlichkeit“ vorgeworfen. Der übliche Ausstellungsparcours deutscher Kunstmuseen endet daher sicherheitshalber um 1930, um 1945 wie aus dem Nichts wieder neu anzusetzen; dazwischen klafft ein Loch.

Kleinkunstkitsch und Tinnef, Stillleben und Erotika

Der deutsche Museumsbesucher wurde bisher wie ein Süchtiger behandelt, der droht, sofort rückfällig zu werden, wenn er in die Nähe seiner Droge gerät. In diesem Sinne verfuhren im Übrigen auch die amerikanischen Besatzer nach dem Zweiten Weltkrieg, die dafür sorgten, dass die Alben zur Großen Deutschen Kunstausstellung gereinigt wurden, bevor man sie den Deutschen übergab. Fotografien mit Werken, die Führungspersonen des Regimes verherrlichten, fehlen - sie wurden vorsorglich herausgerissen und vernichtet.

Wie gefährlich ist nun also diese Kunst, die online gestellt wurde? Natürlich gibt es sie, die Gemälde, die Krieg, Deutschtum oder den Nürnberger Parteitag verherrlichen - oder die berühmt gewordenen monumentalen Übermenschskulpturen, die Arno Breker oder Josef Thorak schufen. Sie bilden allerdings nur einen kleinen Ausschnitt dessen, was ausgestellt wurde. Die Werke mit eindeutig nationalsozialistischem Inhalt sind umstellt vom Geschmäcklerischen, Biedermeierlichen, vom Kleinkunstkitsch und Tinnef, Papageien aus Porzellan und tonnenweise Erotika - badende, liegende, stehende Nackte, mythologisch verquast oder in realistischer Manier mit kleinen Fältchen. Es ist die gleiche Massenware, die bereits das neunzehnte Jahrhundert liebte. Man findet außerdem Absonderliches, wie Baumgartners unfreiwillig komische Allegorie des Arztes, der offenbar keine Zeit mehr hatte, sich einen Kittel anzuziehen, um dem verrückten Knochencowboy die Beute abzuknöpfen; oder surrealistische Malerei von Edmund Steppes, deren Propagandawert wohl eher gering ausfiel. Kurzum: Die Datenbank zeigt die Kunst der Nationalsozialisten als ein Potpourri, das sich schwer auf einen Nenner bringen lässt.

Die Wirkung der Kunst wurde maßlos überschätzt

Warum aber eilt nationalsozialistischer Kunst der Ruf voraus, verführerisches Teufelswerk zu sein? Vielleicht aus ebendiesem Grund: weil ihr ein Ruf vorauseilt und sie selbst nach 1945 unsichtbar blieb. Die Datenbank könnte daher einen nüchterneren Umgang mit Kunst einläuten - und zwar nicht nur mit der des Nationalsozialismus. Die Dämonisierung nationalsozialistischer Kunst ist nichts als die Kehrseite des Ablasshandels, der nach 1945 mit der Kunst der Moderne betrieben wurde. Moderne Kunst wurde von Kultur, Wirtschaft und Politik gekauft, gesammelt und ausgestellt - Jahrzehnte bevor die Industrie Zwangsarbeiter entschädigte, die Banken ihre Firmengeschichte aufarbeiteten oder Museen Gemälde restituierten.

Die Rehabilitierung der Avantgarden, die der Nationalsozialismus als „Entartete Kunst“ diffamiert hatte, war die Form der Wiedergutmachung, auf die sich alle einigen konnten. Die Kunst wurde damit zum symbolischen Austragungsort der Vergangenheitsbewältigung. Moral schien eine Stilfrage, das Böse ein Geschmacksurteil. Was der Anblick von Kunstwerken bewirkt, im Guten wie im Schlechten, wurde maßlos überschätzt.

Dass Kunst aber nur so gut oder böse sein kann, wie das, was sich hinter der Leinwand abspielt, diese Erkenntnis dürfte noch für einige unangenehme Überraschungen sorgen. Da wäre etwa der Fall Lothar-Günther Buchheim. Dem Autor von „Das Boot“ und Sammler expressionistischer Kunst, der 2007 starb, wurde noch ein Jahr vor seinem Tod eine Ausstellung im Bernrieder Museum gewidmet, in der auch die Bilder zu sehen waren, die er im Zweiten Weltkrieg als Marinesoldat geschaffen hatte. Von „bisher wenig beachteten Bildern“ war die Rede. Die Datenbank weiß es besser. 23 Werke reichte Buchheim erfolgreich bei den Großen Deutschen Kunstausstellungen ein, darunter das Porträt „Eichenlaubträger Kapitänleutnant Endraß“. Gekauft hat es 1943 Joseph Goebbels. Für 2400 Reichsmark.

Seit dem 20. Oktober ist die öffentlich zugängliche Datenbank unter spkkunstbibliothek-cdm.gbv.de freigeschaltet. Die Freischaltung wird von der Tagung „Die Großen Deutschen Kunstausstellungen 1937-1944/5“ in München begleitet.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1974, Redakteurin im Feuilleton.

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