06.09.2009 · Wären keine Wolkenkratzer aus dem Boden gewachsen, wäre Manhattan zum Kronjuwel der amerikanischen Nationalparks geworden - behauptet eine Ausstellung in New York. Und wagt einen Blick auf die nächsten 400 Jahre, in denen die Großstadt ums Überleben kämpfen muss.
Von Jordan Mejias, New YorkAls Henry Hudson am Nachmittag des 12. September 1609 den später nach ihm benannten Fluss hinaufsegelte, vorbei an der Insel, die später Manhattan heißen sollte, gab es Holz und Laub, wo heute Stein und Stahl, Asphalt und Glas das Bild bestimmen. Ansonsten hat sich New York in den folgenden vierhundert Jahren kaum verändert: Artenvielfalt und ein prickelndes Zusammenspiel von Dichte und Offenheit waren und sind die Kennzeichen.
Im Jahr 1609 waren es, verteilt über 573 Hügel, 55 unterschiedliche ökologische Nischen, prall gefüllt mit 627 Arten von Pflanzen, 233 Arten von Vögeln, 85 Arten von Fischen, 32 Arten von Reptilien und Amphibien und 24 Arten von Säugetieren in Wäldern, auf Wiesen und gerodeten Flächen, um Teiche und in Bächen. Im Jahr 2009 prägt ein mit Zahlen nicht mehr einzufangendes ethnisches, kulturelles, ökonomisches, soziales Gemisch die Stadt. New York, vom beständigen Wandel gezeichnet, hat offenbar auch eine ganze Menge Beständigkeiten anzubieten.
No place like Mannahatta!
So jedenfalls verkündet es Eric W. Sanderson, der New Yorker Landschaftsökologe, der im aparten Einklang von 1609 und 2009 keinen Zufall erkennen will. Und dabei keiner billigen Laune zum Opfer fällt. Sanderson hat die vergangenen zehn Jahre damit verbracht, die Naturgeschichte der Stadt geradezu detektivisch zu erforschen, von den Tagen, als die Lenape-Indianer Manhattan noch Mannahatta nannten, was die weißen Eindringlinge sich als „Insel mit vielen Hügeln“ übersetzten, bis in unsere umweltbewusste Gegenwart und ansatzweise über sie hinaus. Um die naturgegebenen Voraussetzungen fürs Wachstum und Gedeihen dieses seltsamen Gewächses namens New York korrekt zu beschreiben, stützt er sich auf historische Berichte und Landkarten, vor allem aber auch auf ökologische Gesetzmäßigkeiten und Computermodelle. Sein „Mannahatta Project“, bei dem ihm Markley Boyer mit Computersimulationen beistand, hat sich jetzt in einem reichbebilderten Buch und einer Museumsschau niedergeschlagen. Beides versetzt uns in die Lage, wie in einer Zeitmaschine vier Jahrhunderte zu überfliegen, um schließlich auf einer Insel zu landen, der schon damals so etwas wie Extravaganz und Einzigartigkeit anhaftete.
Die paar hundert Lenape-Indianer, die dort zu Hause waren, konnten sich schon als vom Schicksal handverlesene Erdenbürger fühlen. No place like Mannahatta! Gleichsam ein sanfter Hochsitz in einem verwirrenden Mündungsgebiet, wo sich Salz- und Süßwasser mischten, bot ihnen das malerisch begrünte Eiland klima- und versorgungsmäßig die besten Voraussetzungen für ein ausgesprochen angenehmes Leben. Um uns eine Vorstellung davon zu machen, brauchen wir uns jetzt nur ortsuntypisch zu verhalten und ein bisschen Gespür fürs Vergangene walten zu lassen. Mannahatta und die von Menschen entfesselten Kräfte, die damals und in den folgenden Jahrhunderten auf die Insel einwirkten, sind nämlich auch im derzeitigen Manhattan noch zu ahnen. Das Wolkenkratzergebirge hat die Natur nicht vollständig besiegt und verdrängt. Nein, vom Central Park, wo die Natur von Frederick Law Olmsted und Calvert Vaux kunstvoll gebändigt wurde, soll nicht die Rede sein. Statt dessen kurz ein vielsagender Hinweis auf die zahlreichen Bäche, deren Gesamtlänge mit insgesamt verblüffenden hundertsechs Kilometern angegeben wird. Zu verfolgen ist ihr Lauf noch an Straßenschlenkern im Finanzviertel und, zum Entsetzen der Eigentümer, im Keller manch eines Wohn- und Bürogebäudes. Die strenge Geometrie, wie sie das erste Straßenraster von 1811 der Stadt auferlegt, beschränkt sich oft bloß auf die Oberfläche.
Die Zukunft klarer sehen
Zum Staunen aber ist immer wieder das Band, das die Zeiten verknüpft. Nehmen wir nur den Times Square. Dem heutigen Tohuwabohu entsprach der Naturspielplatz mit Biberteich, Rotahornsumpf und zwei Bächen, ein magnetisches Revier für alle Arten von Arten. Wären keine Wolkenkratzer aus dem Boden gewachsen, hätte die Insel nun keine Mühe, in ihrer Artenvielfalt den Yellowstone Park zu übertreffen, ja sie wäre das Kronjuwel der amerikanischen Nationalparks, versichert uns Sanderson. Dem von der Natur verliehenen Reichtum ist der nicht einfach gefolgt, er hat sich daraus entwickelt. Wasser, Landschaft und Klima, diese drei grundlegenden Gegebenheiten formten die Stadt, ihr äußeres Bild und inneres Wesen. Mannahattas Prinzipien sind dieselben, die für Manhattan gelten.
Und doch bezeichnet Sanderson die unveränderliche Insel auch als einen Ort, der sich wie kaum ein anderer auf dem Erdball verändert hat. In einem solchen Widerspruch kommt die Stadt erst zu sich. Sie widersetzt sich noch den Lehren der Vergangenheit, aber sie wird sich auch immer deutlicher bewusst, dass der Blick zurück ihr helfen kann, die Zukunft klarer zu sehen. Das „Manhattan Project“ hat sich nichts anderes zum Ziel gesetzt. Die Erkenntnisse, die das Jahr 1609 für uns bereithält, sollen Manhattan und ganz New York für 2409 fit machen. Sie müssen es sogar, wenn die Stadt überleben will. In ihrer gegenwärtigen Version vermag sie das nicht. Ist sie nicht zukunftsfähig.
Sanderson dagegen hat klare Vorstellungen vom neuen New York. Wo unter bepflanzten Dächern Wind und Sonne Energie spenden. Wo durch U-Bahnschächte der Müll entsorgt und die Einwohnerschaft versorgt wird, während oberirdisch Fahrräder und öffentliche Verkehrsmittel die Autos ersetzt haben. Wo Avenues zum Flanieren unterm Laubdach einladen. Wo zwölf Millionen Einwohner sich so zusammendrängen, dass die Natur, gezähmt und ungezähmt, wieder Einzug hält, dass Bäche sich wieder vom Central Park in den Hudson und den East River schlängeln, dass in Brooklyn und Queens sich wieder Felder und Wiesen erstrecken, dass wieder Platz ist für Wildnis, für Flora und Fauna ohne Gatter und Gitter. Der Zukunft, kurz und gut, bleibt nichts anderes übrig, als an der Vergangenheit Maß zu nehmen. Die alte Insel, wie F. Scott Fitzgerald in „The Great Gatsby“ rhapsodierte, war einst als frische, grüne Brust der Neuen Welt vor den Augen holländischer Seefahrer erblüht. Die neue Insel wird das wieder lernen müssen.