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Veröffentlicht: 28.03.2013, 16:43 Uhr

Neuordnung der Dresdner Gemäldegalerie Die Vermählung der Meister

Dürer neben Raffael? Dresdens Gemäldegalerie wagt den Bruch mit der klassischen Ordnung. So könnte das Museum zum Vorbild für die Sammlung Alter Meister in Berlin werden.

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Am Anfang stand der Sachzwang. Undichtes Dach, nasse Wände, Schimmel im Gebälk, so lautete die Diagnose der Experten zum Semperbau am Dresdner Zwinger, in dem die Gemäldegalerie Alte Meister residiert. Die weltberühmte Sammlung, das war schnell klar, sollte dennoch geöffnet bleiben. Die Sanierung erfolgt deshalb in zwei Schritten: Zuerst wird der Ost-, dann der Westflügel jeweils für zwei Jahre umgebaut, im Jahr 2018 soll die Wiedereröffnung sein. Das bedeutet, dass die Gemäldegalerie vier Jahre lang mit knapp der Hälfte ihres üblichen Platzes auskommen muss, immer in dem Flügel, der gerade geöffnet ist. Andere Museen hätten sich in dieser Not wohl auf ihren Kernbestand in engst möglicher Hängung zurückgezogen. Die Dresdner dagegen haben die Gelegenheit zu einem Experiment genutzt, das zum Beispiel für viele werden könnte.

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Dreihundertneunzig von zuvor siebenhundert Gemälden werden jetzt, dichter als sonst, auf drei Etagen in den westlichen Räumen des Semperbaus präsentiert. Aber sie sind nicht, wie in allen großen Museen üblich, nach Schulen und Ländern sortiert, sondern nach neuen Kriterien: nach Einflüssen, Gleichzeitigkeiten, Genres, stilistischen und thematischen Bezügen. Man wolle den „Zauberwald“ der europäischen Malerei zeigen, sagt Museumsdirektor Bernhard Maaz. Und ein Zauberwald ist es, der in Dresden zu sehen ist, ein Labyrinth, in dem man sich auf faszinierende Weise verlaufen kann.

Es geht auch ohne Statuen und Preziosen

Schon der erste Raum im Parterre, der frühere Gobelinsaal, setzt einen Knalleffekt. Raffaels „Sixtinische Madonna“, aus der Beletage heruntergestiegen, prangt an der Stirnwand des Saals, flankiert von zwei dramatischen Hochformaten - einem „Hl. Georg“ und einem „Erzengel Michael“ - der Dossi-Brüder. An der linken Längsseite ist die Kunst der deutschen Renaissance versammelt: Dürers „Sieben Schmerzen Mariä“ und sein „Dresdner Altar“, Joos van Cleves „Anbetung der Könige“, Cranachs Katharinenaltar. Und gegenüber die Italiener: Botticelli, Lorenzo di Credi, Cima da Conegliano. Auf einmal blicken Bilder einander ins Gesicht, die sonst in streng getrennten Abteilungen untergebracht sind. Die gleiche Wirkung ergibt sich im linken Seitenkabinett, in dem Porträts von Holbein senior und junior, Dürer, Aertsen, Bronzino und Pinturicchio nebeneinanderhängen. Die Handels-, Denk- und Kunstwege, die um 1500 kreuz und quer durch Europa liefen - hier kann man sie sehen.

Im Obergeschoss dann die ästhetische Vermählung der Barockmeister: Rembrandt, Velazquez und Ribera im ersten, Rubens, Jordaens, Tintoretto und Guercino im zweiten, Correggio, Veronese, Murillo und Zurbarán im dritten Saal. Einer der stärksten Einfälle der Kuratoren ist der Seitensaal mit den Caravaggisten, in dem ein ganzes Dutzend Meisterwerke (darunter Vermeers „Kupplerin“ und Rubens’ „Alte mit dem Kohlenbecken“) das in Dresden fehlende Caravaggio-Original umspielt, beschwört, bespiegelt. Oder die Kabinette im Ober- und Dachgeschoss, in denen Van Eycks Marientriptychon mit Werken der italienischen Frührenaissance kombiniert und Vermeers „Briefleserin“ zwischen Kleinformate von Watteau, Gabriel Metsu, Gerrit Dou und Ter Borch gehängt ist: Affinitäten, innere Verwandtschaften werden da sichtbar, von denen die gewöhnliche Museumsdidaktik nichts ahnt.

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Es gibt, wie Bernhard Maaz eingesteht, bei der neuen Hängung ein paar schmerzliche Verluste: Zu ihnen gehören die Selbstbildnisse Anton Graffs und zwei große Tafeln von Veronese, für die in den Barocksälen kein Platz mehr war. Aber als Ganzes ist das Dresdner Interim ein Vorbild, das man anderen Museen ans Herz legen möchte. In Berlin soll die Gemäldegalerie, wenn es nach dem Willen ihres Direktors geht, aus ihrem Gebäude ausziehen, auf zwei neue Häuser verteilt und mit Skulpturen durchmischt werden. Die Dresdner Kuratoren haben nun bewiesen, dass man klassische Malerei auch ohne die Hilfe von Statuen und Preziosen neu zum Sprechen bringen kann. Es sind dieselben Bilder. Und doch entsteht ein ganz anderes, aufregendes Bild.

Quelle: F.A.Z.

 

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