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Neunzig Jahre Bauhaus Quadratisch, praktisch, besser

22.07.2009 ·  Offenheit nach allen Seiten, Veränderungswille, utopischer Mut: Im Berliner Martin-Gropius-Bau wird das Bauhaus-Jubiläum in einer umfassenden Ausstellung gefeiert. Aus dem Aufbruch in die Moderne ist das Symbol für ein ewig reform-freudiges Deutschland geworden.

Von Wolfgang Pehnt
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Es ist, als setzte die verführerische Titelmelodie im Vorspann eines weltweiten Kino-Klassikers ein: „The fundamental things apply / As time goes by“, sang Dooley Wilson in „Casablanca“, und, ja, so kennen und lieben wir auch unser Bauhaus, deutsch und weltoffen zugleich. Man betritt die Raumfolge im Berliner Martin-Gropius-Bau, den ein Großonkel von Walter Gropius entworfen hat, durch ein inneres Portal aus Kreis, Quadrat und Dreieck. Der Kreis ist blau, das Quadrat rot, das Dreieck gelb, hat Bauhausmeister Wassily Kandinsky ein für allemal festgestellt. Und schon auf der Einladungskarte kippt die zweitschönste Ecke des Dessauer Werkstattgebäudes dynamisch in die Diagonale, wie sie es seit den berühmten Aufnahmen der Fotografin Lucia Moholys tut. Nur vor Ort, in Dessau, bewahrt die verglaste Stahlbetonkonstruktion Haltung. Sieht dafür auch wesentlich weniger dynamisch aus.

Mehr als tausend Gegenstände werden nun zu diesem neunzigjährigen Jubiläum des Bauhauses gezeigt; nichts oder kaum etwas fehlt, was schon zum fünfzigsten Bauhaus-Geburtstag in der großen Stuttgarter Retrospektive zu sehen war und in der wirtschaftlich erstarkten Republik Wiedergutmachung für die Vertreibung des Bauhauses und der Bauhäusler leisten sollte. So groß sei bisher keine Bauhaus-Präsentation gewesen, sagen die Berliner Veranstalter. Wirklich? Der Stuttgarter Katalog von 1968 und der Weimarer aus diesem Frühjahr weisen jeweils mehr als 1100 Nummern aus.

Doch obwohl sich seit langem Hunderte von Kunst- und Designhistorikern über dieses Mirakel an Kreativität gebeugt haben, sind noch immer Entdeckungen zu machen: Studien aus dem Vorkurs, teilweise rekonstruiert, Schülerarbeiten aus den Meisterklassen, Lothar Schreyers enigmatischer Entwurf für den Sarg seiner Frau oder Lis Volgers dezent gestreiftes Bauhaus-Kleid bieten neues Anschauungsmaterial. Die Weimarer Vorgänger-Ausstellung war den Anfängen der berühmten Schule gewidmet. Teile davon übernahm die Berliner Schau, ergänzt, erweitert, vervollständigt durch die zweite, Dessauer und Berliner Hälfte der Institutsarbeit.

Quadratisch, praktisch, besser: „Modell Bauhaus“ in Berlin

Ein expansives Prinzip

Was aber genau feiern wir im Jahr 2009, wenn wir des Bauhauses gedenken? Das Bauhaus ist auf dem besten Wege, nach vorübergehenden Image-Schwächen zur weltweit akzeptierten Instanz fürs fortschrittliche Weltverständnis zu werden. Wechselnden Kulturschichten hat es zur Selbstdarstellung gedient und sogar triviale Bedürfnisse befriedigt. Zum Beleg für den populären Erfolg durfte die amerikanische Konzeptkünstlerin Christine Hill im zentralen Lichthof eine Art Baumarkt aufschlagen, auf dem sich Do-it-yourself-Werkzeugkästen mit Vogelhäuschen, T-Shirts und Urnen im Bauhausstil ein Stelldichein geben. Unter Glas hängt, als Reliquie, der Vierkantschlüssel, mit dem man Ikeas Billy-Regal zusammenschraubt. Aktualisiertes Baukastenprinzip.

Durchzusetzen ist also nichts mehr. Eher wäre der Mythos zu stutzen, bevor er jede Fasson verliert und das Bauhaus endgültig als ein anderes Wort für neuzeitliche Kunst und Architektur durchgeht. Als Ausweis eines besseren Deutschland gilt es schon seit fünf, sechs Jahrzehnten. Auch die Veranstalter der neuen Schau rühmen seine identifikatorische Bedeutung fürs Selbstverständnis der Nation. Nie konnte das Bauhaus es selbst sein. Immer stand es für etwas anderes.

Im Widerstand formiert

Vor neunzig Jahren, im Sommer 1919, sah es nicht danach aus, ganz im Gegenteil. Firmengründer Walter Gropius hatte seinen ersten Krach im Haus. Schon die frühen Berufungen von Lehrern - etwa die des Bildhauer-Humanisten Gerhard Marcks und des charismatischen Künstlerpädagogen Johannes Itten - erregten Ärgernis; auf wenig Gegenliebe stieß ebenso das Bauhaus-Manifest mit der anstößigen Kathedrale des Sozialismus als Titelholzschnitt oder die utopistische Architekturausstellung des Arbeitsrats für Kunst, die Gropius nach Weimar geholt hatte. Als rätselhafte Wahngebilde galten ihre Exponate in der bürgerlichen Klassiker-Stadt.

Es war der Beginn einer ununterbrochenen Folge politischer, ökonomischer und ideologischer Auseinandersetzungen, die zu den Vertreibungen des Bauhauses aus Weimar und später Dessau und schließlich zu seiner Auflösung 1933 in Berlin führten. Die radikalen Formulierungen, zu denen Kunst und Design am Bauhaus gelangten, erklären sich auch aus dem Widerstand, dem sie abgerungen werden mussten. Wo man beschimpft, verleumdet und verjagt wird, muss man die Fahne besonders hoch halten.

Verheißung eines reformierten Lebens

Damals wirkten die vermeintlich oder tatsächlich zweckmäßigen Geräte, die spartanisch-eleganten Interieurs, die Baukästen im Kleinen und Großen als Verheißung eines reformierten Lebens, an dem alle teilhaben sollten. Die Leidenserfahrungen des Krieges schienen bewältigt, jetzt sollte die Bühne bereitet werden für ein Dasein im Offenen, licht, transparent, sportiv, die Technik vernünftig nutzend, Rationalität, Produktivität und Spiel miteinander verknüpfend.

Kunst sei die restlose Verwandlung der Welt ins Herrliche hinein, zitierte Oskar Schlemmer einen Rilke-Brief. In seinem magisch-meditativen Gemälde „Bauhaustreppe“, einem frühen Ankauf des Museum of Modern Art, scheinen die auf- und absteigenden Figuren sich wie im Traum aufzulösen, ein Reigen seliger Geister. Das Bild blieb in New York, schon einmal sollte es im Auftrag eines der untereinander zerstrittenen Schlemmer-Erben in Deutschland beschlagnahmt werden. Nun muss man sich in Berlin mit einer großen Kohleskizze begnügen.

Irritation, Monotonie, Verdüsterung

Die Exponate wurden in der Ausstellung einer elaborierten Raum- und Farbdramaturgie unterworfen, die sich im Katalog fortsetzt. In den achtzehn engbestückten Kabinetten wechseln die Objektträger von Stelen zu Rauminseln und Wandfassaden, trüben sich die Farben vom lichten Gelb zu dunklem Violett und Grün. Schließlich münden sie in der Ära Mies van der Rohes in verspiegeltes Schwarz, das Eleganz und gleichzeitig - in einer sehr aufdringlichen Symbolik - die Verdüsterung der Diktatur suggerieren soll.

Der Katalog schlägt einen anderen Weg ein, das Material aufzufrischen. Er hebt einige Dutzend exemplarischer Werke heraus, bekannte wie weniger bekannte, und lässt sie von ebenso vielen Autoren kommentieren. Da findet sich eine Steinstele, halb Idol, halb Art déco, ein frappierend verkasteltes Sperrholzmöbel für neuzeitliche Nomaden, eine gemalte Irritation zwischen Neusachlichkeit und Surrealität, oder eine städtebauliche Studie von Bandstädten, die in ihrer gnadenlosen Monotonie schon wieder etwas Großartiges hat - zumal sie glücklicherweise nie verwirklicht wurde.

Utopischer Mut

Die Vielheit und Individualität der Ansätze treten auf diese Weise hervor. Denn trotz aller Stilisierung durch Insassen wie Außenstehende: Das Bauhaus war immer viele Bauhäuser. Wenn es ein gültiges Vermächtnis gibt, so ist es seine Offenheit nach allen Seiten, seine Veränderungsbereitschaft, sein Kraft, innere Widersprüche auszutragen, sein utopischer Mut bei gleichzeitiger Verpflichtung auf Praxis und Gebrauch.

In neuneinhalb Jahren steht im übrigen das nächste Jubiläum an, dann ein richtig rundes Datum, nämlich die Hundert-Jahr-Feier. Was sollen wir dann feiern? Play it again, Walter? Dagegen ließe sich eine Ausstellung denken, die das Bauhaus aussparte und um diese Leerstelle jene bedeutenden Schulen zwischen Breslau und Frankfurt, Barcelona und Moskau, Mailand und Stockholm, Prag und Rotterdam gruppierte, die nicht minder engagiert am Projekt der Moderne gearbeitet haben. Eine Bauhaus-Ausstellung ohne Bauhaus: Das wäre eine Probe auf die Vorrangstellung des gefeierten Ideenlabors. Denn nicht die ganze Welt war Bauhaus, sondern das Bauhaus eine sehr besondere Welt in der Welt.

Modell Bauhaus. Im Martin-Gropius-Bau in Berlin bis zum 4. Oktober. Der im Hatje Cantz Verlag erschienene Katalog kostet in der Ausstellung 29,80, im Buchhandel 39,80 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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