Ein kleiner Junge hat sich unter die Könige und Feldherren in und um den Trafalgar Square geschlichen. Auf dem großen Platz, der mit Nelsons Säule in seiner Mitte wie kein anderer das imperiale Selbstverständnis Britanniens im neunzehnten Jahrhundert versinnbildlicht, wippt das arglose Kind auf seinem bronzenen Schaukelpferd munter vor der National Gallery.
Die gut vier Meter hohe Figur des dänisch-norwegischen Künstlerpaares Elmgreen & Dragset ist der jüngste Beitrag zum Wettbewerb um den vierten Sockel, der sich wie der jährliche Sommerpavillon der Serpentine Gallery als belebendes Element der Londoner Kunstszene etabliert hat. Bei der Umgestaltung des Platzes in der frühviktorianischen Zeit war diese Plinthe in der nordwestlichen Ecke für ein Reiterstandbild Wilhelms IV. bestimmt, das jedoch nie zur Ausführung gelangte. Als dann hundertfünfzig Jahre später die Diskussion über ein bleibendes Denkmal aufkam, konnte man sich nicht auf eine Figur einigen - die Königinmutter etwa oder Nelson Mandela - und so wird der leerstehende Sockel seit 1999 in unregelmäßiger Folge von eigens für diesen Platz konzipierten Kunstwerken bespielt.
Pointierter Gegensatz
Den Anfang machte der aschfahle „Ecce Homo“ von Mark Wallinger. Seine lebensgroße Plastik wirkte in dem imposanten Umfeld geradezu liliputanisch, als verkörpere sie in pointiertem Gegensatz zu den pompösen militärischen Standbildern die Gebrechlichkeit des Menschen. Elmgreen & Dragset, die in Berlin das Denkmal für die homosexuellen Verfolgten des Nationalsozialismus entworfen haben, schlagen in die gleiche Kerbe.
Sie treten mit „Machtlose Strukturen, Fig.101“, das achte Werk für den Sockel, die Nachfolge von Yinka Shonibares beliebtem Buddelschiff an, das das National Maritime Museum in Greenwich gerade durch einen Spendenaufruf zu erwerben hofft. Während Shonibare mit seinem in glasähnlichem Kunststoff gehüllten Modell von Nelsons Flaggschiff „H.M.S. Victory“ dazu animierte, über das historische Vermächtnis des Seeherrn und die wechselseitige Beziehung von Weltmacht und Kolonialbevölkerung nachzudenken, untergräbt Elmgreen & Dragsets ironisch verkitschte Bronze in Form und Aussage soldatische Vorstellungen von Glanz und Gloria.
Spöttische Distanzierung
Nackt, bis auf eine kurze Lederhose mit straff sitzenden Trägern, äfft der Junge die autoritäre Geste des kapitolinischen Mark Aurel mit kindlichem Unverständnis nach. Der Bezug zu diesem Prototyp des klassischen Reiterbildes unterstreicht die spöttische Distanzierung von allem, wofür die Heldendenkmäler auf dem Platz stehen. Mit seiner weichen Anmut stellt der Junge den süßlich überhöhten Inbegriff der Unschuld dar. Männer müssen sich nicht durch Maskulinität behaupten; auch zartere Seelen können Erfolge erringen und auf gebrechlichere Weise Helden sein; die Machtlosen sind von der Leistungsgesellschaft nicht gleich als Versager abzustempeln, wollen Elmgreen & Dragset damit sagen.
Der goldene Knabe wird die nächsten achtzehn Monate auf dem Sockel schaukeln. Danach kommt eine blauer Hahn von Katharina Fritsch, der wiederum das männliche Imponiergehabe auf die Schippe nimmt und britischen Patrioten zudem ein französisches Nationalsymbol vor die Nase setzt.