03.09.2010 · Die neuerrichtete Synagoge von Mainz ist ein Bau von höchster Qualität. Nach verzögertem Baubeginn und architektonischer Konkurrenz in Dresden und München verfügt die Stadt jetzt über einen faszinierenden Solitär voller symbolischer Bezüge.
Von Dieter BartetzkoDie jüdische Religion und Kultur war mit der Diaspora endgültig ganz auf das Wort gestellt. Jahrhundertelang gleichsam ohne festen Wohnsitz, wurde den Juden die Schrift zur eigentlichen Behausung, war die Tora und nicht die Synagoge der feste Ort der Identität. Deshalb hat Manuel Herz, der Architekt der neuen Synagoge von Mainz, seinem Gebäude den Begriff „Kaduscha“ unterlegt, als Heiligung oder Erhöhung die Grundformel der feierlichsten jüdischen Gebete.
Um die solcherart vage Stellung von Sakralarchitektur im Judentum zu veranschaulichen, erzählt Herz vom skurrilen mittelalterlichen Disput Schriftgelehrter über die – nach monatelangen Debatten bejahte – Frage, ob man Laubhütten auch aus den Knochen von Elefanten bauen dürfe. Das wunderliche Problem wurde mittels verzwicktester Gedankenfolgen buchstabengetreu zur Heiligen Schrift gelöst. Wer heute, ob Jude oder Nichtjude, die Mainzer Synagoge anschaut, dürfte sie ohne Wortklauberei nicht selten mit den allbekannten Laubhütten verbinden, die zum Sukkot-Fest, dem Gedenken an den Auszug der Israeliten aus Ägypten, errichtet wurden und werden.
Die Assoziation wird von der Großform und der Farbe des Ensembles hervorgerufen. Mit gezackten Konturen, die in einer schräg steilen, maßvoll hohen Turmform gipfeln, und mit zahllosen reliefierten Stab-Keil-Strukturen erinnert der Außenbau an das Gestänge von Hütten. Den Eindruck von dicht verflochtenem Laub strahlt die Majolikaverkleidung der Fassaden aus, hochglänzend gebrannt, in vielfältigen Grüntönen flirrend, die je nach Standpunkt des Betrachters bis in spiegelndes Schwarz oder leuchtendes Weiß übergehen können.
Abkömmlinge des hebräischen Alphabets
Von weitem verschmilzt die Synagoge mit dem Grün alter Bäume, die ihren Vorplatz und die Allee säumen, an der sie inmitten eines leidlich erhaltenen, noch immer vornehm wirkenden Gründerzeitviertels am Rand der Mainzer Innenstadt steht. Manuel Herz hat trotz aller Exzentrik die städtebauliche Situation berücksichtigt: West- und Nordseite seiner Architektur nehmen das Blockrandgefüge der Altbauten auf, der Turm setzt ein markantes Zeichen, ohne die Quartier-Silhouette zu erschlagen, der Vorplatz entspricht, wenn auch großzügiger angelegt, den Vorgärten der alten Bürgerhäuser.
Laubhütte also? Mag sein. Doch das eigentliche Fundament des Entwurfs, betont Herz, ist die Schrift, das Wort, die Tora. So sind die allgegenwärtigen Dreiecksformen der Fassaden, die rampenartig schrägen Zinkdächer, die dreieckigen Fenster und der angeschrägte Haupteingang Abkömmlinge des hebräischen Alphabets. Zudem in alle Richtungen strebende Perspektiven suggerierend, verweisen sie auf die unendlichen Deutungsmöglichkeiten der Heiligen Schriften.
Erhabene hebräische Buchstaben sind denn auch der Schmuck des Hauptportals aus silbrigem Aluminium. Sie formen die Schriftzüge „Das Licht der Diaspora“ und „Die Synagoge von Mainz“. Das Wort vom Licht, das den Juden in der Diaspora leuchte, stammt aus dem frühen Mittelalter, als Mainz mit einer der wichtigsten jüdischen Gemeinden Europas eine Hochburg des Geistes barg. Ihre Wurzeln dürften bis in die Spätantike reichen, als Mainz, neben Trier und Köln, eine bedeutende Stadt im germanischen Teil des Römischen Reiches und damit sicher auch bereits Sitz einer jüdischen Gemeinde war. Darauf spielte der Vorgänger der heutigen Synagoge an, dessen Hauptbau von 1912 ein Zitat des römischen Pantheons war, flankiert von einem Nebentrakt, der in unverkennbarem Mainzer Barock die Verbundenheit der Gemeinde mit der Stadt und deren Traditionen bekundete.
Ein zwischen Bronze- und Goldtönen changierendes Gespinst
Zum Gedenken an das 1938 in der „Reichskristallnacht“ gebrandschatzte und dann gesprengte Bauwerk stehen auf dem neuen Vorplatz die wuchtigen dorischen Säulen des einstigen Vorhofs: Erinnerung an das Pogrom, aber auch an die bis in die Antike reichende Geschichte der Juden in Mainz. Manuel Herz integrierte diese mahnenden Spolien. Doch die Botschaft seines Neubaus überspannt größere Zeiträume: Auf den Schofar, das Widderhorn, das an höchsten Feiertagen geblasen wird, und damit auf die Uranfänge jüdischer Religion verweist der Umriss des Turms. Dieser überspannt den Gebetssaal, dessen Volumina abstrahierend den Schofar und damit auch die Erinnerung daran wiederholen, dass die Opferung Isaaks durch Abraham auf göttliche Weisung durch das Opfern eines Widders ersetzt wurde. Diesen ersten Schritt vom Numinosen ins Spirituelle veranschaulicht der Gebetssaal, dem der Turm als alles beherrschende Lichtquelle dient, die das Vorlesepult in der Mitte aufleuchten lässt. So die traditionelle zentralisierende Tendenz der Synagogenarchitektur aufgreifend, kombiniert Herz sie mit der ebenso altehrwürdigen Ostung, der Ausrichtung des Raums auf den Toraschrein und die aufgehende Sonne.
Diese Synthese aus Neoexpressionismus und Traditionalismus wird von Wänden mit feingliedrigen Stuckreliefs umschlossen. In monatelanger Arbeit haben Kunsthandwerker ein zwischen Bronze- und Goldtönen changierendes Gespinst aus hebräischen Buchstaben geschaffen, von dem sich partiell Schriftzüge abheben. Sie entstammen teils den „Piotim“, um das Jahr 1000 in Mainz entstandenen religiösen Dichtungen, die in Stil und Leidenschaft das „Hohe Lied Salomos“ aufnehmen, teils geben sie zeitgenössische Berichte über das Mainzer Pogrom während des ersten Kreuzzugs wieder.
Dennoch sind die Leiden der Juden nicht das Zentralthema dieser Synagoge. Sie ist mit einem Kindergarten, Jugendräumen, Seniorentreffs und einem wunderschönen, baumbestandenen intimen Garten dem (Gemeinde-)Leben gewidmet. Form aber gibt der architektonische Dialog zwischen Geschichte und Gegenwart, Gebet und Gespräch, Alltag und Schabbat. Deswegen haben Herz und die Gemeinde eine Bibliothek in die umlaufende Galerie des Gebetssaals integriert, und deshalb öffnet sich das Foyer nicht nur auf ihn, sondern auch zum gegenübergelegenen Veranstaltungssaal.
Vieldeutig wie das Alte Testament
Wer diese von Licht- und Baukeilen überkreuzte Halle samt dem weißleuchtenden Vestibül mit schwindelerregend geschrägter Treppe ins Obergeschoss sieht, der denkt unwillkürlich an die vibrierenden Kulissen des expressionistischen Stummfilmklassikers „Das Kabinett des Dr. Caligari“. Oder an die Magie von Daniel Libeskinds Berliner Jüdischem Museum. Letzteres könnte für den Neubau ein Fallstrick sein. Denn im Licht der rasant wechselnden Architekturtrends könnte der Werdegang der neuen Mainzer Synagoge sich so lesen: 1999, als alle noch im Bann von Libeskinds spektakulärem Zackenbau standen, war der Wettbewerbssieg des zerklüfteten Mainzer Entwurfs programmiert. Doch nun, nach acht Jahren finanzbedingter Verzögerung und einer Rekordbauzeit von nur knapp zwei Jahren, hat er sich den neuen Synagogen von Dresden und München zu stellen, deren kubisch-stoische Formen aktuelles Leitbild sind.
Das naheliegende Urteil, Mainz sei damit der unfreiwillige Nachzügler eines längst überholten Neoexpressionismus, geht aber fehl. Entstanden ist das faszinierende Paradoxon eines rücksichtsvollen Solitärs. Proteus aus dem Ozean der Buchstaben, wandelt er sich je nach Erwartung des Betrachters, ist Hütte oder Festzelt, Studierstube oder Diskussionsforum, Skulptur oder (selten) Mahnmal. Immer aber ist dieses oszillierende Ensemble ein Gedankengebäude, vieldeutig wie das Alte Testament – und als Architektur so mutig, wie es viele Neubauten in Mainz oder sonstwo bei uns sein wollen, doch nicht sind.
Am Ende siegt die Lobby
Susanne Hermann (FraeuleinHermann)
- 03.09.2010, 23:33 Uhr
@Frau Hermann
Heinz M (Het_One)
- 04.09.2010, 02:02 Uhr
Was ich bei der Errichtung von Gotteshäusern sehr vermisse, ist ein Funken von
Sukrija Jusufbegovic (Sukrija)
- 04.09.2010, 13:09 Uhr
Finanzierung
Horst Griepenstroh (knackebusch)
- 04.09.2010, 14:47 Uhr