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Neue Nationalgalerie : Gräben zwischen Gräbern, Brücken über Lücken

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Mit einer guten Sammlung kann man eben auch Programm machen. Die Neue Nationalgalerie in Berlin zeigt ihre Kollektion in einer Neupräsentation als Paarlauf zwischen Ost und West.

          Blicken wir zurück auf das zwanzigste Jahrhundert, dann öffnen sich vor unseren Augen Gräben. Von der Weimarer Republik zum Nationalsozialismus; dann marschiert ein bisschen Kommunismus durchs Land, die Ostdeutschen wedeln mit Fähnchen, der Wohlstand breitet seine Arme im Westen aus, die RAF beginnt zu morden, Europa entdeckt seine Einigkeit, die Demokratie schlägt auch im Osten zaghaft Wurzeln. Inzwischen hängen wir alle gemeinsam in etwas fest, das sich Kapitalismus nennt und auch nicht gerade mit Schwierigkeiten spart. In diesem Deutschland hat auch die Kunst kein homogenes Bild gezeichnet.

          Die Berliner Neue Nationalgalerie versucht sich an einer Ausstellungsreihe, die zeigen soll, was die Kunst im zwanzigsten Jahrhundert anstrebte, erreichte und auch woran sie scheiterte. Dazu gehört Mut, auch wenn das Museum seine Trilogie explizit einschränkt: Ihre Quelle ist „die Sammlung“ der Nationalgalerie. Trotzdem strebt sie eine gewisse Programmatik an. Denn die Trilogie reicht von 1900 bis 2000, durch alle Jahrzehnte hindurch. Udo Kittelmann beweist damit, wie man ein Museum in Bewegung hält, die Spannung zwischen wahrlich kompliziertem deutschem Erbe und internationalem Anspruch nutzt.

          Von bedrohlicher Düsternis umfangen

          Im Frühjahr 2010 wagte er unter dem Titel „Moderne Zeiten“ eine Präsentation, die auch die nationalsozialistischen dreißiger und vierziger Jahre einbezog. Angesichts der aktuellen Diskussion um den Umgang mit der Kunst jener Jahre muss diese Entscheidung als wegweisend aufgefasst werden. Jetzt also folgt der zweite Teil: „Der geteilte Himmel“ - benannt nach Christa Wolfs Erzählung von 1963 - zeigt Kunst von 1945 bis 1968, endet also in dem Jahr, da der Mies-van-der-Rohe-Bau der Nationalgalerie vollendet war. Auch diesmal wird Mut bewiesen. Die Ablehnung des Ostens durch den Westen war nach der Wiedervereinigung meinungsbildend. 1994 noch scheiterte die Einbeziehung, als das Monumentalgemälde „Leuna“ von Willi Sitte erst gezeigt, dann abgehängt wurde. Jetzt hängt es wieder. In Berlin, dem akutesten Vermischungsort der beiden Deutschlandteile, findet sich endlich auch im Museum wieder, was 1990 zusammenkam.

          Nachdem oben im Glasbau Taryn Simons Fotos zu gegenwärtigen politischen Betrachtungen einladen, steigen wir hinab ins Untergeschoss: Wirtschaftswunder, Bau der Mauer, Kuba-Krise, Vietnam-Krieg, Beatles, Kennedy und Mao - hochpolitische Zeiten, aber der neuralgische Punkt ist das Jahr 1945. Werner Haftmann behauptet in seiner „Malerei des 20. Jahrhunderts“: „Es war die totale Freiheit möglich, weil die Ordnung sowieso zerbrochen war.“ Von dieser Befreiung ist zunächst nicht viel zu spüren. Schwer lastet der Krieg auf der Kunst. Den Besucher umfängt eine Düsternis, die durch die Fülle der Exponate, die an langen Metallstreben neben-, vor- und hintereinander im Raum schweben, bedrohlich wirkt. Dort strahlt ein Kriegsgewitter Franz Radziwills; sein Gemälde „Flandern“ von 1940/50 ist ein wildes Gemisch aus vorzeitiger Flowerpower und dramatischen Bomberszenen, Gräbern, Skeletten, Ruinen und zum Himmel fahrenden Wesen.

          Verblassende Ost-West-Europamischung

          Wenige Schritte weiter klacken die Glieder der allzumenschlichen Puppe von Wilhelm Lachnit. Der Maler wurde von den Nationalsozialisten als entartet verfemt, fast sein gesamtes Frühwerk verbrannte in Dresden, 1954 musste er seinen Lehrauftrag an der Dresdner Kunsthochschule aufgeben, denn seine Malweise gefiel auch den Sozialistischen Realisten nicht. Jetzt erfährt seine strenge „Gliederpuppe“ von 1948 eine Würdigung. Wifredo Lams dramatisches „Les Noces“ von1947 nimmt es mit Picassos harmloser „Femme couchée au bouquet“ aus dem Jahr 1958 auf. Das Wohlige an Picasso wirkt nebensächlich angesichts von Lams bösen, grauen Kräften. Harald Metzkes „Abtransport der sechsarmigen Göttin“ von 1956 schaut schockiert herüber und Tübkes „Lebenserinnerungen des Dr. jur. Schulze III“ von 1965 vervollständigen dieses explosive Gemisch.

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