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Neo Rauch wird gefeiert Jünger werden

14.04.2010 ·  An diesem Sonntag wird der deutsche Maler Neo Rauch fünfzig Jahre alt. Gleich zwei Ausstellungen feiern seinen Geburtstag. Wir hier feiern ihn zur Abwechslung mal als Literaten mit eigenem Sound - und zugleich als besten Erklärer seiner selbst.

Von Peter Richter
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Ihr alle kennt die wilde Schwermut, die uns bei der Erinnerung an entweder Ernst Jüngers „Auf den Marmorklippen“ oder die Bilder des Neo Rauch ergreift.

Der Maler jedenfalls schätzt und empfiehlt Jünger und seinen Roman sehr, wie er einmal in einem Interview erklärte - „diese Aufwirbelung der Pöbel-Massen, die schauderhaften Vorgänge im Unterholz menschlicher Perversionen, denen er sein parfümiertes Zurückgezogensein auf die Marmorklippe und in die darunterliegenden Sedimente der Kultur und des Wissens entgegensetzte“. Seine Malerei, besonders das Rhapsodische daran, ist oft genug mit der Stilistik Jüngers in Beziehung gesetzt worden. Gerade solche Interviews zeigen jedoch, dass Rauch auch verbal ein erstaunlich würdiger Stellvertreter auf Erden ist.

Nächsten Sonntag, am 18. April, wird Neo Rauch fünfzig Jahre alt. Gleich zwei große Ausstellungen werden ihm zu diesem Anlass ausgerichtet, eine in Leipzig, eine in München. Und zu diesen Ausstellungen wird es mit Sicherheit auch wieder Interviews geben, die ein ästhetisches Erlebnis eigener Klasse sind. Wieder wird, dies ist ein Topos der Neo-Rauch-Literatur, der Aufstieg durch leere Fabrikhallen beschrieben werden, das Atelier in den Industrieruinen von Leipzig-Plagwitz, der Punkrock, der beim Malen läuft, das Konzert der Leinwände, die nebeneinanderher entstehen, und schließlich der Maler, der gutaussehend und höflich eine druckreife Sentenz an die andere schmiegt. Und dann wird auch wieder viel von Zuströmungen und Einschleichungen die Rede sein - und von den offenstehenden Schleusentoren des Unbewussten.

Vorne Zu-, hinten -ung

„Diese halbwachen Momente, in denen sich das Treibgut in meinen Schleusenkammern verfängt und zu neuen Ordnungen fügt, sind die Essenz meines malerischen Schaffens“, wird Rauch im Katalog zu den Ausstellungen zitiert. „Ich arbeite ja ganz bewusst nicht konzeptionell“, sagte er vergangenes Jahr der „Zeit“, „ich reagiere auf Zuströmungen.“ Er malt nicht, wie das die Surrealisten von sich behaupteten, ungefiltert seine Träume, „aber Zureichungen gibt es aus dieser Sphäre definitiv“, so Rauch in dem Interviewmagazin „Galore“. Er könne „nur darauf setzen, dass sich auf diesem mir hinlänglich vertrauten Wege der organischen Zufütterung irgendetwas niederschlägt“. Diesen Vorgang wird man sich nicht unbedingt als Schlaf vorzustellen haben, auch die Wachheit bekommt schlafwandlerische Züge: Auf die Frage, woher sich seine Bilderwelten speisten, erklärte Neo Rauch vor vier Jahren dem „Tagesspiegel“: „Aus allem, was mir im Lauf der Jahre zugespült wird. Wenn sich eine solche Zureichung einmontieren lässt, dann ist sie willkommen, ganz gleich, woher. Das können sogar polynesische Einflüsse sein; es hängt davon ab, was aus der Dielenritze vor mir emporquillt, welche Art Film heraufbeschworen wird zwischen mir und der Realität. Ich bin zwar Regisseur mit stählerner Faust, aber bis ich die zum Einsatz bringe, bin ich ein Somnambuler. Einer, der eher gleitet und schwebt, als dass er energisch dazwischenfährt.“ Solche Sätze wiederum beschreiben am Ende sogar das besser, was man auf den Bildern sieht, als alle noch so detaillierten Bildbetrachtungen. Verglichen mit Rauchs eigener Diktion bleiben selbst die einfühlsamsten Beschreibungsversuche leere Ekphrasendrescherei.

Denn Neo Rauch, das sind eben nicht nur Bilder, das ist vor allem auch ein Sound, und aus diesem Sound formt sich so etwas wie eine Theorie, auch wenn er das vermutlich niemals so nennen würde, schon weil dazu eben ausdrücklich der Moment gehört, „in dem die zerebralen Anteile zurückgefahren werden müssen, in dem der planerische Zustrom gekappt werden muss“. Vielleicht könnte man pathetischer Passivismus dazu sagen. Es ist jedenfalls deutlich: Dieser Künstler ist keiner, der aktiv in die Welt hinausgeht; die Welt kommt zu ihm, er bleibt zu Hause in Leipzig: „Mir wachsen hier die besten Einfälle zu.“

Mir. Mich. Fast niemals: Ich. Und ohne die Vorsilbe „zu-“ passiert kaum etwas. Es ist eine Künstlerexistenz im Dativ, die da entworfen wird, und das spricht einerseits natürlich für das Selbstbewusstsein desjenigen, der sich selbst im Zentrum der Dinge weiß; auf der anderen Seite ist es ein eigentümlich mechanistisches Bild vom Künstler als einem Apparat, der an den Fäden seiner Ein- und Zuflüsse zittert: eigentlich das genaue Gegenteil dessen, was normalerweise denen vorgeworfen wird, über die das Verdikt des Malerfürstentums gefallen ist, dass sie nämlich pausenlos, die eine goldberingte Hand im Schritt und in der anderen einen dicken Pinsel, mit ihrem Ego roh die Welt penetrierten. Es wird die Kritiker der Malerei als solcher aber vermutlich nicht versöhnen, dass Rauch in seinen Selbstzeugnissen mitunter regelrecht vegetabile Vorstellungen evoziert: der Künstler als feinfühlige Pflanze, die zum Beispiel den Beginn der Finanzkrise als „atmosphärische Aufladung“ verspürt: „Es zieht etwas herauf, das selbst involvierte Köpfe überfordert.“ Denn das ist natürlich ein grundsätzlich anderer Ton als in Organen wie beispielsweise den „Texten zur Kunst“, wo die Malerei nicht ein störanfälliger Strahlungsraum zwischen Künstler und Leinwand ist, sondern, wenn überhaupt, ein „Dispositiv“, wie es bei Foucault im Buche steht, und wo dementsprechend auch nichts geahnt, gespürt und gewittert wird, sondern allenfalls „exploriert“, „verwiesen“ oder, wie auf dem Postamt, neuerdings auch „adressiert“. Der Jargon markiert die Differenzen vielleicht genauer als alles andere.

Wo bleibt das Dispositive?

Wer Neo Rauchs Malerei schon nichts abgewinnen kann, wird mit seinen Äußerungen erst recht nicht warm werden. Der wird sie vermutlich für ein rechtes Raunen halten und der wird sich vielleicht sagen, dass einer, der so auf das Reagieren besteht, schon aus Gründen der Grammatik ein Reaktionär genannt werden müsse. Dem würde jedenfalls entsprechen, dass Neo Rauch den Vorwurf des Raunens schon längst ins gegnerische Feld zurückgespielt hat, und zwar wieder in Bild wie Wort. Der „Rauner“ trägt bei Rauch die Züge von Marx und Engels gleichzeitig. Und in einem hochschulpolitischen Interview mit der F.A.Z. hieß es 2008: „Ich kenne dieses Geraune, es hätte sich in Leipzig ausgeraucht. All denen kann ich nur sagen: Herrschaften, freut euch nicht zu früh. Ihr habt euch lange noch nicht ausgeekelt vor dem, was ihr beschlossen habt, nicht zu mögen, weil es für euch eine lästige Konkurrenz ist! Da zieht noch manches am Horizont herauf, was euch noch das Fürchten lehren wird. Da ist vieles im Busche und wird auch ohne mein direktes Mitwirken weiterhin zu erwarten sein.“ Und: „Der Erdkern saugt, es ist noch so ungeheuerlich viel zu tun, und das Beste kommt erst noch. Ich habe das Gefühl, dass es jetzt losgehen und ich Blöcke auf Kiel legen kann, die für Freund und Feind Bedeutung haben. Im Guten wie im Bösen. Da darf es keinen Verzug geben, keine Hinderung, keine Abirrung. Das ist jetzt Chefsache.“

Wenn es um Freund und Feind geht, ist Neo Rauch Ernst Jünger grundsätzlich am nächsten. Bei vielen seiner Bilder, vor allem aus der ersten Hälfte der nuller Jahre, fielen einem für Personal und Setting im Grunde noch ganz andere literarische Referenzen ein, von der Ankunftsliteratur einer Brigitte Reimann über Wolfgang Hilbig bis zu Werner Bräunigs Bergbauprosa. Aber sobald es um die Sache an sich geht, um das Malen figurativer Bilder, kommt sofort wieder der Geist der „Marmorklippen“ ins Spiel, manchmal sogar die „Stahlgewitter“: „Ich selber wollte diesen Kampf gar nicht mehr führen“, sagte Rauch vor einigen Jahren im „Spiegel“, „aber ich musste in den späten Neunzigern feststellen, dass ich von jüngeren Kollegen, die abstrakt malten, heftig angegriffen wurde. Also musste ich plötzlich doch wieder die alte Schützengrabenmontur anlegen und zurückfeuern, obwohl ich gleichzeitig neben der Situation stehe und mich frage: Worauf lässt du dich hier ein?“

Das Fell und der Westen

Ein ganzer Strang in der Kunst Neo Rauchs ist der Situation des figurativen Malers inmitten stirnrunzelnder Kritiker gewidmet. Diese Bilder haben oft die Note einer bitteren Selbstironie. Seit ein Kritiker nach einem Rundgang durch die Leipziger Hochschule Ende der Neunziger geschrieben hatte, bei den Malern rieche es immer noch nach Fellwesten und Rotwein, gehören rotweinselige Gestalten in Fellwesten zum festen Repertoire bei Rauch, sie haben kleine Köpfe, aber dafür dicke, standfeste Beine. Wenn er das Thema mit Worten behandelt, merkt man aber, dass die Verletzungen offenbar wesentlich tiefer reichen. Er sehe sich „Anwürfen und Dackelbissen ausgesetzt“, sagte Rauch dem „Spiegel“: „Ich nehme manche Attacke als feindlichen Übergriff wahr und würde im Bedarfsfall auch adäquat reagieren.“

Das war vor vier Jahren. Und schon mit einem weniger stark ausgeprägten Sensorium für atmosphärische Umschwünge lässt sich voraussagen, dass die wirklichen Wolken womöglich erst jetzt beginnen, am Horizont aufzuziehen. Die Abgesänge auf gegenständliche Malerei werden augenblicklich wieder lauter intoniert. An der intellektuellen Aufmunitionierung einer neuen Abstraktion wird gearbeitet. Auch im Rückwärtigen, auf den Auktionen, gelten nun nicht mehr die Symbolisten als Geheimtipp, sondern die karge Kunst der Gruppe Zero. Das ist die Großwetterlage. Und was Neo Rauch betrifft, artikulieren plötzlich sogar bisherige Fürsprecher Zweifel oder sogar Überdruss. „Ich war so ein Fan, aber ich beginne mir Sorgen zu machen“, antwortete Jerry Saltz vom „New York Magazine“, als die Zeitschrift „Art“ unter den Chefkritikern der internationalen Presse die Frage stellte, ob Rauch in eine Reihe mit Raffael, Courbet, Picasso und Warhol gehöre, was, so als Geburtstagsgruß, natürlich ein bisschen perfide ist. Es wird interessant sein, zu hören, was Neo Rauch dazu zu sagen haben wird.

Und auf welche Seite sollen wir uns nun schlagen? Zu dem bekennenden Konservativen? Oder zu den „Vorsichtsgemaßregelten“, wie er sie nennt, den „Agitatoren“ und „Politkommissaren“?

Antwort: Zu Ernst Jünger natürlich. Rotwein eingießen, zurücklehnen und die Schlachten betrachten. Denn jetzt wird das mit Neo Rauch eigentlich erst interessant. Jetzt kommt das Werk dahin, wo die Worte immer schon waren.

Die Ausstellungen ab 18. 4. in Leipzig, ab 20. 4. in München, Hatje Cantz hat einen Katalog für beide.

Quelle: F.A.S.
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