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Nationalmuseum München Schwupps, da hat ihn der Wal verschluckt

28.08.2007 ·  In der Weltwirtschaftskrise verkaufte das ehemalige Königshaus Hannover seinen mittelalterlichen Reliquienschatz - zum Teil nach Ohio. Jetzt zeigt das Cleveland Museum of Art den Welfenschatz und weitere Meisterwerke in München.

Von Brita Sachs
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Der Wal verschlingt Jonas in einem Stück, nur die nackten Beine schauen noch aus seinem Maul. Drei Tage später speit er den Propheten unversehrt und mit unzerstörter Lockenpracht wieder aus. So zeigen es zwei spätrömische Skulpturen, die um das Jahr 280 nach Christus ein Bildhauer aus Marmor schlug, dem es am Naturvorbild fehlte, nicht aber an Phantasie: Sein Wal ist ein Monster mit Wolfskopf, Löwentatzen und einem nixenartigen Unterleib, den das Vieh wellenschlagend emporschnellen lässt. Die außergewöhnlichen Stücke geben früheste Beispiele dafür, wie spätantike Kunst die alten Götter fallenließ, um biblische Geschichten zu erzählen.

Heute gehören die „Jonah Marbles“ dem Museum of Art in Cleveland, Ohio, das seinen Ruf, eine der bedeutendsten Sammlungen Amerikas zu besitzen, dem eisernen Grundsatz verdankt, nur höchste künstlerische Qualität zu erwerben. Hellwach war das damals noch junge Haus auch zur Stelle, als der unermesslich wertvolle „Welfenschatz“ auf den Markt kam: 1930, auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise, verkaufte das ehemalige Königshaus Hannover den mittelalterlichen Reliquienschatz für acht Millionen Reichsmark an ein Konsortium deutscher Händler, das den Tesoro auf Werbetour bis nach Amerika und auch nach Cleveland schickte. Vorsorglich war der dortige Mittelalterkurator - und baldige Direktor - William M. Milliken schon zur ersten Station der Tour nach Frankfurt gereist, um sich die Paradestücke zu sichern. Darunter den mit goldenen Figuren, Perlen und Edelgestein glänzenden Tragaltar, den Gräfin Gertrudis von Braunschweig um 1045 in Auftrag gab; er zählte zum Grundstock des kostbaren Schatzes, der im siebzehnten Jahrhundert als Geschenk an die Welfen ging.

Wein aus fratzigen Wasserspeiern

Jetzt ist der Altar der Gertrudis in München zu bewundern. Während das 1916 gegründete Cleveland Museum renoviert und vergrößert wird, gastieren Highlights im Bayerischen Nationalmuseum und laden ein zu einem Streifzug durch eintausendzweihundert Jahre europäische Kunst auf den Spuren einer Historie von eklatanten Machtverschiebungen. Als Kaiser Konstantin seine Hauptstadt von Rom an den Bosporus verlegte und dem Christentum freie Entfaltung erlaubte, ging der Stern der byzantinischen Kunst auf. Weit strahlte er, bis nach Ägypten. In trockenen Wüstengräbern überdauerten dort prachtvolle Textilien wie die gewebte Ikone der thronenden Maria mit Kind und blonden Erzengeln, die im sechsten oder siebten Jahrhundert einer Ikonographie folgte, die auch in Zukunft gültig blieb. So konnte sich ein Konstantinopler Künstler, der das gleiche Motiv vierhundert Jahre später in Elfenbein schnitzte, ganz auf exzellente Ausführung konzentrieren, Innovation war erst mal nicht das Thema.

Schwupps, da hat ihn der Wal verschluckt

Schmuck der Völkerwanderungszeit zeigt Europa regelrecht als Schmelztiegel: Antike Figürlichkeit verquickten begabte Schmuckmacher mit Tierplastik der Skythen und abstrakter Ornamentik der Germanen; die diffizilen Techniken wiederum stammten aus Rom oder aus Südrussland. Später entwickelt Frankreich, durch die Kapetinger zur Großmacht aufgestiegen, mit der Gotik den europäischen Erfolgsstil schlechthin. Sogar ein höfischer Tischbrunnen aus Silber baut auf raffinierte Spitzbogenarchitektur, und zu Glöckchengeklingel sprudelte Wein oder Rosenwasser aus fratzigen Wasserspeiern, die denen der großen Kathedralen Konkurrenz machen. Nicht sattsehen kann man sich am Realismus dreier Alabaster-Gestalten in weiten Umhängen, die einst in der Kartause von Champmol den Tod Herzog Philipps des Kühnen von Burgund beklagten. Ob wohl der Künstler dafür Gefolgsleute des Herzogs nach der Natur porträtierte? Italiens Kunstreichtum zitieren skulpturale Kleinode, Buchmalerei und nicht zuletzt Giovanni di Paolos goldstrotzende „Anbetung der Könige“ als Exempel für die Verfeinerungen der „internationalen Gotik“ um 1400.

Museumsbestände eindrucksvoll ergänzt

Das Gastspiel aus Cleveland ergänzt die Bestände des Nationalmuseums auf das eindrucksvollste. Zum Beispiel lässt es in unmittelbarer Nachbarschaft zu Tilman Riemenschneiders Schnitzwerken eine seiner raren Alabasterfiguren betrachten - es ist ein heiliger Hieronymus, der vorsichtig dem Löwen einen Dorn aus der Pranke zieht.

Die bedeutende Rolle der Stahlindustrie in Cleveland diente dem Museum einst als Grund zum Erwerb einer umfangreichen Kollektion historischer Waffen und Rüstungen. Auch eine Armbrust der Kurfürsten von Sachsen ist dabei. Jetzt liegt sie neben einer fröhlichen Jagdszene, auf der Hofmaler Lucas Cranach 1540 zeigt, wie Kurfürst Johann Friedrich I. und seine Jäger darauf brennen, mit ebensolchen Waffen auf die vielen Hirsche zu halten. Doch zuvor muss Kurfürstin Sibylle den traditionellen ersten Schuss abgeben. Sie hat die Armbrust schon angelegt.

The Cleveland Museum of Art. Meisterwerke von 300 bis 1550. Bis 16. September im Bayerischen Nationalmuseum in München. Der Katalog kostet in der Ausstellung 38 Euro.

Quelle: F.A.Z., 28.08.2007, Nr. 199 / Seite 36
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