24.11.2003 · Der Bildhauerkunst hat der Architekt Renzo Piano ideale Bedingungen geschaffen: Das neue Nasher Sculpture Center in Dallas ist ein fabelhaftes kleines Museum, das die Transparenz feiert.
Von Heinrich Wefing, DallasAusgerechnet in Texas! möchte man ausrufen. Ausgerechnet dort, wo nach landläufiger Ansicht nur Büffelherden, Ölbarone und Bibelprediger zu finden sind und alles zwei Nummern größer ist als anderswo, ist jetzt ein fabelhaftes kleines Museum eröffnet worden, das Maßstäbe setzt für die Präsentation von klassisch-moderner Bildhauerei: Im Zentrum von Dallas hat der italienische Architekt Renzo Piano für die Skulpturensammlung des Bauunternehmers Raymond Nasher ein Haus mit Garten errichtet, das fast ideale Bedingungen bietet, Plastik des zwanzigsten Jahrhunderts zu betrachten. Es ist ein gebauter Versuch über das Licht, ein Essay über Transparenz, eine architektonische Abhandlung über die heikle Balance von Festigkeit und Entmaterialisierung, Glashaus und steinerner Wand, Kunst und Architektur.
Das Konzept des Baus ist denkbar einfach. Am südlichen Ende eines leicht abfallenden Grundstücks, gleich neben dem "Dallas Museum of Art", hat Piano sechs mächtige Mauerscheiben aus römischem Travertin errichtet, zwischen denen sich fünf langgestreckte Räume öffnen; in den beiden Außenflügeln wurden Büros, ein Restaurant, eine Bibliothek sowie ein übersichtlicher Museumsladen untergebracht. In den drei Mittelschiffen stehen die zarteren Stücke von Nashers gut dreihundert Objekte umfassender Kollektion, darunter Arbeiten von Max Ernst, Giacometti, Matisse, Picasso, Mobile von Alexander Calder, mehrere Werke von Raymond Duchamp, dem Bruder von Marcel. Die Schmalseiten der fünf wunderbar schlichten Säle sind haushoch verglast, und über ihnen wölben sich flache Glastonnen mit einem eleganten Sonnenfilter aus Aluminiumröhren, der direktes Sonnenlicht ausblendet, aber reichlich Tageslicht einläßt und so die Skulpturen in sanfte, gleichmäßige Helligkeit taucht. Im Untergeschoß befindet sich ein Auditorium sowie ein Ausstellungsraum, in dem Arbeiten gezeigt werden können, die kein Tageslicht vertragen. Derzeit sind dort mehrere der fragilen Wachsskulpturen des italienischen Bildhauers Medardo Rosso zu sehen.
Schamloses Selbstzitat
Natürlich ist die zugrundeliegende Idee des "Nasher Sculpture Center" ein ziemlich schamloses Selbstzitat Pianos. Unverstellt variiert er sein Konzept für die Fondation Beyerle bei Basel. Die Ausplünderung des eigenen Werks aber tut dem Vergnügen an dem Bau in Dallas keinen Abbruch. Im Gegenteil, fast möchte man sagen, für die Skulpturensammlung sei die offene Struktur der parallel geführten Pavillons noch besser geeignet als für die Präsentation von Gemälden. Die steinernen Wandscheiben definieren klare, übersichtliche, wohlproportionierte Räume und bieten den Exponaten zugleich einen warmgetönten Hintergrund, der ihnen optisch Halt gibt. Nichts lenkt von der Betrachtung der Ausstellung ab, und doch wandelt der Besucher durch ein offenes, beinahe durchsichtiges Haus.
Der Bau ist, im vollen Sinne des Wortes, transparent. Passanten, die am Eingang des Museums vorbeispazieren, können durch dessen Ausstellungssäle hindurch bis zum Ende eines strengen Gartens sehen, und wer in diesem Park steht, unter Eichen, Zedern und riesigen Exponaten, kann, wann immer er mag, den Blick zurückwenden, die Objekte in den Pavillons aus der Distanz betrachten und dahinter, als bewegtes Schattenspiel, das Auf und Ab der Fußgänger auf der Straße.
Transparenz und Kontinuität
Die Anlage des Parks, entworfen von dem kalifornischen Gartenarchitekten Peter Walker, unterstreicht noch den Gedanken von Transparenz und Kontinuität: Streng achsial ausgerichtete Baumreihen, Hecken und Wege nehmen die Linearität der Wandscheiben auf und verlängern sie ins Grüne. Zwischen diesen Gliederungselementen erstrecken sich Rasenkorridore, auf denen die größten Stücke aus Nashers Kollektion in wechselnden Gruppen arrangiert werden.
Die Ersteinrichtung wird von Mark di Suveros monumentalem "Eviva Amore" beherrscht, dessen weit ausgreifende Stahlarme sich geradezu querstellen zu dem optischen Sog in die Tiefe des Ensembles. Andere Exponate jedoch hat Museumsdirektor Steven Nash sorgsam auf Linie gebracht. Die beiden Reihen kopfloser Körper aus Magdalena Abakanowicz' "Bronze Crowd" etwa stehen ebenso auf Achse wie die sanft geschwungenen Stahlflächen von Richard Serras tonnenschwerer Arbeit "My Curves Are Not Mad".
Ironisches Lächeln
Man mag diese Aufstellung als Ehrbezeugung des Nutzers für die Architekten betrachten, dargebracht mit einem ironischen Lächeln, als anfängliche Folgsamkeit, die in späteren Inszenierungen größerer Freiheit weichen wird. Aber was immer Nashs Intention war, seine Bespielung des Gartens betont anschaulich die Einheit von Park, Pavillon und Kunstwerken, und zwar so sehr, daß man sich zu fragen beginnt, ob die Grünanlagen tatsächlich bloß eine Verlängerung des Gebäudes darstellen oder ob nicht vielmehr das Museum eines der Ausstellungsstücke im Garten ist, selbst eher minimalistische Skulptur denn Bauwerk.
Noch ein anderes Objekt spielt mit dieser Doppelkonnotation - ein wuchtiger, düsterer Granitwürfel von James Turrell, aufgeschichtet am Nordende des Parks gleich einem klassischen point de vue. Ein mit violettem Licht ausgeleuchteter niedriger Gang führt hinein in den schwarzen Kubus, der unweigerlich an ein Mausoleum denken läßt, an eine verwaiste Grablege für Helden und Könige. Im Innern der Installation "Tending, (Blue)" öffnet sich ein quadratischer Idealraum mit schweren, angeschrägten Natursteinbänken ringsum und einer strahlend weißen, schier entmaterialisierten Decke, in die ein offenes Viereck eingeschnitten ist, ein Fenster zum texanischen Himmel. Es ist ein Kultraum, entfernt an Heinrich Tessenows Vorschläge für die Neue Wache in Berlin erinnernd, freilich nicht dem Andenken an Gefallene gewidmet, vielmehr ein Heiligtum des Lichts, pathetisch, kalt, zur Stille zwingend.
Ganz nebenbei, vielleicht unbeabsichtigt, erinnert Turrells dramatisches Wolkenobservatorium aber auch dran, wie leicht, wie freundlich und bescheiden Renzo Pianos Räume am entgegengesetzten Ende der Anlage sind. Pianos Kunst erweist sich in Dallas gerade darin, daß er seine Architektur hinter die Exponate zurückzunehmen weiß, ohne je dem Banalen auch nur nahe zu kommen. Seine Pavillons sind raffiniert, aber sie prahlen nicht mit ihrem Raffinement. Sie haben es nicht nötig. Wer sie betritt, kann sich ihrer Faszination ohnehin nicht entziehen.