27.02.2010 · Mit Rutschen aus Edelstahl, die er 2006 in die Turbinenhalle der Londoner Tate Modern einbaute, wurde er zu einem Star der Kunstwelt. Jetzt hat Carsten Höller das Museum Boijmans Van Beuningen in Rotterdam zu einem Hotel umgerüstet.
Von Julia VossWas würden Sie denken, wenn Sie durch die Altmeister-Sammlung eines ehrwürdigen Museums gingen, plötzlich ein Wärter auf Sie zuträte und fragte: „Möchten Sie ein Bad nehmen?“ Sie würden entweder tippen, Sie hätten sich verhört. Oder Sie müssten annehmen, Sie wären versehentlich in eine Ausstellung des Künstlers Tino Sehgal geraten, der ja bekanntermaßen das Museumspublikum mit merkwürdigen Fragen traktiert - derzeit etwa im New Yorker Guggenheim Museum, wo Teenager die Besucher mit der Frage überraschen, ob diese wüssten, was Fortschritt sei. Niemals aber kämen Sie auf die Idee, dass Sie nichts weiter als „ja, gerne“ zu sagen brauchen, um dann in den Keller geführt zu werden, wo eine Besuchertoilette zum Privatbadezimmer umgerüstet wurde. Sie können dort in eine Wanne steigen (eine himmelblaue Wanne auf Rollen des Designers Christoph Seyferth) und mit Blick auf sieben identische Waschbecken und vier identische Toilettenkabinen dann ein weltweit einzigartiges Bad genießen.
Das alles ist kein Witz, auch kein Traum, sondern wirklich eine Ausstellung von Carsten Höller. In Deutschland kennt man den 1961 geborenen Künstler spätestens seit seiner Teilnahme an der Documenta X, als er mit Rosemarie Trockel das „Haus für Schweine und Menschen“ baute; zu einem internationalen Star wurde er 2006, als er die Turbinenhalle der Tate Modern mit Edelstahlrutschen ausstattete, auf denen man bis zu fünfundfünfzig Meter in die Tiefe sausen konnte.
„Möchten Sie Eier zum Frühstück?“
Das klingt zuerst einmal nach sehr unterschiedlichen Projekten, aber sie haben doch immer eines gemeinsam. Ein Stall, ein Haus, ein Museum wird von Höller durch ein paar wenige Eingriffe auf den Kopf gestellt: Zweckbauten für Tiere werden zum Ausstellunghaus umgerüstet, Museen zu futuristischen Spielplätzen - oder eben zu einem Hotel. In Rotterdam, im berühmten Museum Boijmans Van Beuningen, hat Höller für die Dauer der Ausstellung „Divided Divided“ einige Regeln erfunden, die ihm erlauben, Dinge und Ereignisse ins Museum zu holen, die eigentlich nicht ins Museum gehören: Museumsbesucher, die um Mitternacht baden zum Beispiel - oder riesige Pilzmodelle und lebende Kanarienvögel. Für die Museumswärter lautet die Regel, dass sie Anweisung haben, den Besucher wie einen Hotelgast zu behandeln. Bis zum Ende der Schau können sich jede Nacht zwei Besucher als Hotelgäste einbuchen: Bereit steht für sie der „Revolving Hotel Room“, ein von Höller entworfenes Minimalzimmer, das auf drei rotierenden Glasplatten installiert ist. Vor zwei Jahren gastierte der „Revolving Hotel Room“ im New Yorker Guggenheim Museum. Nun wurde er im Museum Boijmans Van Beuningen mit Blick auf den Innenhof aufgestellt.
Jeden Abend beginnt sich nach Geisterart nun das Museum zu verwandeln. Die letzten Besucher verlassen kurz vor 17 Uhr die Säle, dann gehen die Mitarbeiter, die Türen, Gatter und Tore werden verschlossen, die Lichter gelöscht, nur der Raum des Wachpersonals leuchtet noch und die Überwachungsbildschirme. Das Haus liegt jetzt im Dunkeln. Ein kleines Schildchen klebt an einem Seiteneingang über der Klingel, es trägt eine Aufschrift, die sich nur allabendlich an maximal zwei Personen richtet: „Guests of the Revolving Hotel Room.“ Und wer diese Klingel drückt, kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Dass Museum Boijmans Van Beuningen hat wirklich alles: Rubens, Rembrandt, Bosch, Breughel ohnehin, außerdem einen modernen Flügel, in dem Wechselausstellungen gezeigt werden - aber auch Bademäntel, ein Doppelbett, eine Minibar, eine Kaffeemaschine, einen Home-Delivery-Service, eine himmelblaue Wanne, Handtücher und ein Mobiltelefon, mit dem man den Butler anrufen kann. „Möchten Sie Eier zum Frühstück?“, fragt der Sicherheitsmann, der an diesem Abend mein Butler sein wird. Und das ist von nun an die Art Gespräch, die ich mit dem Mann führe, der an einem normalen Tag während der Öffnungszeiten die Aufgabe hätte, mich darauf hinzuweisen, dass ich bitte nicht zu nah an die Bilder herantreten solle.
Das Licht der Lampe fällt auf einen kleinen betrunkenen Mann
Es gibt diesen Film „Nachts im Museum“, in dem Ben Stiller einen Arbeitslosen spielt, der aus Not einen Job als Nachtwächter im New Yorker American Museum of Natural History annimmt, nicht ahnend, dass die Exponate nach Sonnenuntergang zum Leben erwachen. Ob er den gesehen habe, frage ich meinen Butler in Museumsuniform, während wir über den dunklen Hof laufen und er das verlassene Museum für mich aufschließt. „Nein, nie gesehen“, antwortet er. Er wolle sich nicht mit dummen Gedanken die Nächte verderben. Wenig später, nachdem wir das Gepäck zu meinen Hotelzimmer gebracht haben, das in der ersten Etage in Höllers Ausstellung steht, drückt mir mein Butler eine Taschenlampe in die Hand. Wo die alten Meister seien, will ich wissen. Dann biege ich in einen dunklen Gang ab.
Der Grundstein für das Museum wurde 1847 gelegt, als der Rechtsanwalt Frans Jacob Otto Boijmans testamentarisch seine Kunstsammlung der Stadt Rotterdam vermachte; 1958 erwarb das Museum noch dazu die Sammlung des Reeders Daniël George van Beuningen, weshalb das Haus nun im Namen die beiden Gründungsväter trägt. Über die Jahre kamen noch zahlreiche weitere Schenkungen und Neuerwerbungen hinzu, für jede Epoche kann man mit großen Namen aufwarten: von den Brüdern van Eyck über Tizian und Bosch bis Dalí und Magritte.
Im Lichtkegel meiner Taschenlampe erscheint nun ein kleiner betrunkener Mann, der hinter ein Haus pinkelt. Dann leuchtet das ganze Bild auf, „Der Hausierer“, gemalt zwischen 1490 und 1505 von Hieronymus Bosch. Im Vordergrund zieht ein zerlumpter Vagabund vorbei, im Hintergund zeigt sich ein zerfallenes Haus, Menschen, Tiere, ein plattgedrücktes Käuzchen, und ich frage mich, ob Bosch, den manche als einen konservativen christlichen Programmatiker sehen, andere jedoch als einen abgründigen Surrealisten, beim Malen seiner Bilder manchmal auch einfach gelacht hat.
Besitz lässt sich auch simulieren
In den Räumen ist es stockdunkel. Leise brummt die Klimaanlage, während ich den blassen Adligen des achtzehnten Jahrhunderts ins Gesicht leuchte. Der Schein der Taschenlampe tastet die Etagen vom Turm zu Babel ab, das wahrscheinlich berühmteste Gemälde von Pieter Bruegel dem Älteren von 1563. Eine fast doppelt so große Version hängt im Kunsthistorischen Museum in Wien, die kleine in Rotterdam. Vielleicht sahen Bilder früher eher so aus wie jetzt, wenn das Taschenlampenlicht auf sie fällt, und nicht wie im Museumslicht sonst.
Sie werden anders gewirkt haben, als sie noch zu Hause bei ihren Besitzern hingen, zwischen Möbeln oder Teppichen, ohne die vielen anderen Bilder um sich herum. Es gab kein elektrisches Licht, nur Kerzen, die Fenster waren klein, ihr Glas weniger durchsichtig, und so muss die Malerei des Nordens über Jahrhunderte im Halbdunkel bestaunt worden sein. Als mich auf einmal Rembrandts Aletta Adriaensdr aus ihrem riesigen Tellerkragen heraus anstarrt, während der restliche Körper schummrig schattenhaft auf dem Porträt aus dem Jahr 1639 verschwindet, finde ich es nicht mehr abwegig, an Geister zu glauben. Und noch etwas fühlt sich neu an: Eine schwach blinkende Warnlichtlampe im Kopf sendet noch ein Signal, dass dies ein Ausnahmezustand ist, ich nie wieder mit Frau Adriaensdr allein sein werde. Aber es lässt sich nicht verhindern. Man empfindet auf einmal so etwas wie Sammlerstolz, eine persönliche, warme Zuneigung zu den Schätzen, die man hier im Dunkeln betrachtet. Besitz lässt sich auch simulieren.
Mit Regeln und wie nach ihnen gespielt werden muss, hat Höller Erfahrung und das nicht nur, weil er 1998 „Carsten Höllers Spiele Buch“ veröffentlichte, das eine Sammlung von Spielvorschlägen ist, für zu Hause, für unterwegs, für in der U-Bahn, im Museum oder im Café. Der tiefere Grund aber, warum sich Höller mit Regeln so gut auskennt, liegt wohl darin, dass er als Naturwissenschaftler ausgebildet wurde und an der Universität Kiel als Biologe habilitiert wurde. Als Forscher hatte er es mit anderen Organismen zu tun als mit Menschen, sein Interesse galt aber den gleichen Phänomenen. Damals ging es ihm um Pflanzen, Wirte, Parasiten und ihre Wahrnehmungs- und Kommunikationssysteme: zum Beispiel bei Bohnen, die, wenn sie von Spinnmilben angefallen werden, Duftstoffe produzieren, um Raubmilben anzulocken, die der natürliche Feind der Spinnmilbe sind.
Der Direktor zieht das eigene Bett vor
Parasiten hat Höller auch ins Museum Boijmans Van Beuningen eingeschleppt: Besucher, die nachts die Altmeistersammlung wie einen Wirt durchstreifen; und Kanarienvögel, die tagsüber laute Gesänge durch die Ausstellung schicken. Verändert hat sich nicht nur mein Wahrnehmungssystem, die Art und Weise, wie ich einen Rembrandt betrachte, sondern auch das Kommunikationssystem.
Als mich am Morgen das Vogelzwitschern weckt, schleiche ich im Bademantel durch Höllers Garten aus übergroßen Pilzmodellen, die Treppen des noch verschlossenen Museums hinunter, vorbei an einer pflichtbewussten Soundinstallation, die offensichtlich die ganze Nacht durch gespielt hat. In der Hand halte ich eine Zahnbürste, wo das Badezimmer ist, habe ich vergessen. Von weitem sehe ich einen Mann in Museumsuniform und lege mir einen kurzen Satz zur Entschuldigung zurecht. Da eilt er schon auf mich zu, winkt, ruft. Wie bitte? Ach, genau, die Eier. Natürlich. Ob ich sie zum Frühstück gebraten oder gekocht haben möchte? Gekocht, sage ich erleichtert. In einer Stunde muss der Museumswärter wieder die Besucher davon abhalten, mit großen Taschen in die Ausstellung gehen zu wollen oder zu nah an die Bilder zu treten. Die Besucher werden sich wieder in einer Schlange anstellen und Karten lösen.
Der Einzige aber, der das Museumsspiel tatsächlich immer nach den alten Regeln weiterspielen muss, ist Sjarel Ex, der Direktor. Beim Frühstück erkundigt er sich, ob man denn gut schlafen könne in seinem Museum. Die Belüftung klappere nicht zu laut? Selbst ausprobieren könne er es leider nicht. Es würde sich nie unbeobachtet fühlen, im eigenen Haus, in dem er die Wärter beim Namen kenne und wisse, wo die Sicherheitskameras angebracht seien. Man stelle sich vor, als Direktor in Höllers „Revolving Hotel Room“ zu schnarchen. Einfach undenkbar.