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Veröffentlicht: 18.05.2017, 16:01 Uhr

Maler Johannes Grützke Ich bin der Kontrast

Er war einer der produktivsten Widerspruchsgeister des Landes, ein Außenseiter, der mit seinem Theater des Fleisches ergötzte, narrte, nervte und schockierte: Zum Tod des Malers Johannes Grützke.

von Eduard Beaucamp
© Imago/VG Bild-Kunst, Bonn 2017 Kritischer Blick auf die Welt, grimmiger Blick auf sich selbst: Selbstporträt von Johannes Grützke, 1999

Der Berliner Maler Johannes Grützke, Jahrgang 1937, war ein entschiedener Einzelgänger, ein vitaler, vielfach spöttischer Außenseiter in der europäischen Nachkriegskunst, der sein rauschhaftes Leben keiner Idee unterwerfen wollte. Seine Malerei, aber auch seine öffentlichen Auftritte waren stets ein Protest gegen alle Fortschrittsmythen, Zielsetzungen und Gruppenreglements, die die Kunst in den letzten Jahrzehnten zunehmend erstarren ließen und ihre Weiterentwicklung hemmten. Grützke fühlte sich in seinen letzten Jahren immer mehr zu den Engländern hingezogen, die, wie er, ihre autodidaktische Meisterschaft nicht aus einer Theorie, sondern aus ihrem Individualismus und aus ihrem Leben zogen. So widmete Grützke Lucian Freud bei dessen Tod 2011 ein emphatisches Gedenkblatt in dieser Zeitung.

Unabweisbar war die Mentalitätsverwandtschaft mit ostdeutschen, vor allem den Leipziger Malern oder mit dem Ostberliner Harald Metzkes, den Grützke noch 2015 in seinem Atelier am Rand von Berlin besuchte. Mit diesen Künstlern teilte der Westberliner den Glauben an einen Kreislauf der Geschichte, an die Wiederkehr und Verspiegelung des Gleichen, aber auch an den Scheincharakter der Wirklichkeit, vom Leben als Bühne und Rollenspiel des Menschen. Grützke lebte diese Theatralisierung auf exzessive Weise aus. Sie eröffnete ihm die Möglichkeit ungezwungener und lustvoller Selbstdarstellung. Er war der Regisseur und zugleich Hauptdarsteller seines Theaters in zahllosen Ausdrucksvarianten, Rollenmutationen, Vexierbildern und Maskeraden, mit denen er sein Publikum überraschte, ergötzte, narrte, nervte und auch schockierte. Seine Bildwelt wurde zum Spiegelkabinett seines Maler-Ego. Vor allem im Frühwerk war die Ego-Exzentrik das beherrschende Thema, der existentielle Nerv seines Schaffens. Gleichzeitig aber drängte es ihn paradoxerweise auch zur Gruppe und zur Analyse des konformistischen Mechanismus der Gesellschaft, wobei er seine Mitmenschen vor allem als Vervielfachung und Verstärkung des eigenen Ich verstand.

Bissige Einsprüche und Distanzierungen

Der junge Grützke, der an der Westberliner Akademie studiert hatte, aber später nie an sie, wohl aber an die Nürnberger Hochschule berufen wurde, war mit seinem Narzissmus in mancher Hinsicht ein typischer Vertreter seiner Generation, der revoltierenden Achtundsechziger. Das schließt bissige Einsprüche und Distanzierungen nicht aus. Grützke teilte keineswegs die ideologischen und gesellschaftsverändernden Antriebe seiner Generation. Doch zerrte er, kaum weniger ungestüm, an Hierarchien und Werteordnungen. Der junge Maler beobachtete und verarbeitete fasziniert die Solidarisierungen, das Erproben neuer Lebensformen, die Single-Kultur und das zwanghafte neue Gruppenverhalten, die sexuelle Freizügigkeit und die neue sexuelle Verkrampfung, die ideologischen Verrenkungen und kollektiven Neurosen, die Anarchie und das Ritual der Proteste und Demonstrationen. Bis zum Exhibitionismus reizt er das in seiner Malerei aus. Sein Idiom ist die Körpersprache. Die psychische Mechanik und das Triebleben mit seinen Konfusionen stellt er in einem Theater des Fleisches dar.

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