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Nachlaß Helmut Newtons letztes Werk

26.01.2004 ·  Für die F.A.Z. hatte Helmut Newton einen Fotoroman komponiert, vor der Druckfreigabe aber immer wieder neue Einfälle erproben wollen. Auf der Schlußseite des Feuilletons wird an diesem Montag und Dienstag seine endgültige Fassung veröffentlicht.

Von Ingeborg Harms
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Daß er sich von seinen größten Erfolgen eingeengt fühlte, darauf hatte Helmut Newton in den vergangenen Jahren immer wieder hingewiesen. Die Modefotos interessierten ihn nicht mehr, und die Nackten rutschten auf den zweiten Rang, wenn er seine Landschaftsfotografien mit ihnen paarte. Er fände es mittlerweile interessanter, für eine Tageszeitung als für eine Modezeitschrift zu arbeiten. Die Anregung, Fotoromane für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" zu komponieren, nahm er prompt auf. Noch bevor er in der Mailänder Corso-Como-Galerie eine erste Fotogeschichte ausstellte, hatte er dieser Zeitung seinen ersten Bildroman anvertraut. Doch bis er ihn zum Druck freigab, hatte der Perfektionist Newton immer wieder neue Einfälle erproben wollen. Seine endgültige Fassung wird an diesem Montag und Dienstag auf der Schlußseite des Feuilletons veröffentlicht.

In Frankreich ist der roman photo sehr beliebt, vor allem als Medium erotischer Phantasien. Die Frage an Newton, ob mit solchen Bildgeschichten für ihn eine neue Werkphase beginne, wiegelte er jedoch ab. "Ich amüsiere mich nur", war seine Antwort. Zugleich verwies er auf die lange Tradition dieses Trivialgenres und auf die vielfältigen Varianten der Bildgeschichte. So schwärmte er vom Kinder-Comic "Der heitere Fridolin". In den ersten Schuljahren hatte er dieses Groschenheft der zwanziger Jahre gelesen. Naturwissenschaftliche und technische Einsichten wurden darin durch Abenteuergeschichten vermittelt: "Da flog man zum Mittagessen von Berlin nach New York und war am Abend wieder zu Hause." Während im "Heiteren Fridolin" die Bilder nur ein Vehikel für den pädagogischen Sinn waren, hat Helmut Newton sie zum Zweck seines Lebens gemacht.

Auch in seinem Fotoroman "Wahr oder falsch?" ist der Text nur ein Instrument der Täuschung. Er suggeriert das klassische Newton-Klima sexueller Mysterien. Zugleich erzählt er den Newton-Mythos, die Geschichte vom Fotografen, der als Spezialist für Aufnahmen nackter Frauen gilt und diesen auf unorthodoxen Wegen zugeführt wird. Doch ist dieser Mythos wahr, oder sollten wir der zum Klischee gewordenen Visitenkarte mißtrauen? Tatsächlich sind die einzelnen Bilder Gelegenheitsschüsse und Abfallprodukte ganz unterschiedlicher Aufträge und Reisen. Sie erinnern an das, was Freud mit Bezug auf den Traum "Tagesreste" genannt hat.

Die Analyse verrät, daß sich unter ihrem scheinbaren Zusammenhang das Wurzelwerk der Psyche verbirgt, das tief bis in die Krisen der Kindheit hinabreicht: Jedes Bild ist ein Abgrund. Wenn die Newton-Story vom Erfolgsfotografen schöner Frauen aber wie der Traum aus ganz verschiedenen Quellen zusammengeleimt und kolportiert ist, was ist dann die Wahrheit über seine Bilder? Stürzt man, durch den Text des Fotoromans gefallen, nicht so hilflos in sie hinein, als träumte man eines anderen Traum? Oder wird die "bloße Tatsache" des Newtonschen Werks nicht vollends absurd und so undurchdringlich, wie wenn man durch die Augen eines anderen sehen müßte, ohne in seinem Kopf zu stecken?

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.01.2004, Nr. 21 / Seite 29
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