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Nabis-Ausstellung in München Die Kunst, das Innerste auf die Leinwand zu bringen

Im Paris des Fin de Siècle sorgte die Künstlergruppe der Nabis für einen Schock. Er wirkt noch heute, wie eine Ausstellung in der Neuen Pinakothek beweist, für die auf Münchner Bestände zurückgegriffen wird.

Der Sommer 1888 war sehr groß für die Kunstgeschichte. Paul Sérusier, ein dreiundzwanzigjähriger Maler aus Paris, noch in den Anfängen, fuhr in die Bretagne. Dort traf er den schon sehr etablierten Kollegen Paul Gauguin und zog mit diesem eines Tages zum „Bois d’Àmour“, einem malerischen Wäldchen und beliebten Ausflugsziel. Und weil es so malerisch war, malte Sérusier auch prompt - unter den strengen Augen Gauguins, der ihn anwies, wie er den Blick aufs Motiv in Farben und Formen umzusetzen hatte.

Andreas Platthaus Folgen:    

Diese Lehrstunde beeindruckten Sérusier derart, dass er das Bild nie beendete, es als seinen Glücksbringer „Le talisman“ taufte und nach der Rückkehr seinen Pariser Künstlerfreunden vorführte, die er dafür gewann, auf der Grundlage seines neugewonnenen Verständnisses für die Malerei eine Gemeinschaft zu begründen. Für deren Mitglieder prägte er die Bezeichnung „nabis“ - abgeleitet von einem hebräischen Wort für Propheten.

125 Jahre ist das her, und mit den Nabis sind wir immer noch nicht fertig. Das zeigt die Ausstellung „Paris Intense“ in der Münchner Neuen Pinakothek, die sich der Kunst dieser Gruppe widmet. Da hängt gleich zu Beginn das riesige Bild „Braunkohlengrube“ von Pierre Bonnard aus einer Zeit, als die Nabis offiziell schon nicht mehr bestanden; es entstand unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg. Aber wenn man darauf zugeht, glaubt man, ein Bild von Neo Rauch zu sehen: die leicht erhöhte Perspektive, die erdigen Farben, die schematische Aufgliederung der Industrielandschaft.

Nur die wie Gespenstererscheinungen aus dem Bild springenden Gesichter von zwei spielenden Kindern knüpfen dort an, wo die Nabis eine ihrer wichtigsten Wurzeln hatten: im Japonismus, der Paris in den letzten Jahren des neunzehnten Jahrhunderts begeisterte. Alles andere an diesem Bild weist weit in die Zukunft.

Das gilt genauso für Édouard Vuillards Lithographienmappe „Paysages et intérieurs“ von 1899. Darin gibt es nur eine Landschaft, aber acht Interieurs und noch drei Straßenszenen, aber der klassische Titel ist ohnehin ironisch gemeint, denn es sind vielmehr Innenleben als Innenansichten, die Vuillard da lithographiert hat. Die vollständige Suite in München lässt noch immer die Erschütterung spürbar werden, die diese radikal modernen Bildfindungen seinerzeit ausgelöst haben.

Zu sagen, dass die Nabis Furore machten, wäre untertrieben. Sie machten Paris fuchsteufelswild, weil sie fortsetzten, was der Impressionismus, den man in Ästhetenkreisen gerade erst verdaut hatte, begonnen hatte: radikal subjektive Malerei. Ziel war nicht, ein Abbild der natürlichen Phänomene zu schaffen, sondern die Wiedergabe des eigenen Blicks darauf. Nun ordneten die Nabis den Blick dem Bild unter, denn Kunst galt ihnen als die treueste Phänomenologie: In der Form liegt die Wahrheit. Diese Einstellung machte sie zu Gründerfiguren der Moderne.

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Früh schon wurden sie in Deutschland bekannt, und besonders begeistert war Hugo von Tschudi, der Direktor der Berliner Nationalgalerie. Als er 1909 nach München wechselte, bleiben ihm nur noch zwei Jahre bis zu seinem Tod. Dementsprechend konnte er die Staatlichen Galerien nicht mehr so prägen, wie erhofft. Aber zu seinem Gedenken spendeten Freunde und Anhänger im Jahr 1913 vierzig Gemälde der neueren französischen Kunst. Mit einem Schlag wurde München dadurch zum Zentrum der Moderne in Deutschland, und die Nabis waren dabei stark vertreten.

So ist eher der hundertste Jahrestag der „Tschudi-Spende“ als das Gründungsjubiläum der Gruppe selbst Anlass für die Ausstellung. Sie ist fast zur Gänze aus Münchner Beständen (die Gemälde aus der Neuen Pinakothek selbst, Zeichnungen und Drucke aus den Graphischen Sammlungen, zwei prachtvolle von Bonnard illustrierte Bücher aus der Bayrischen Staatsbibliothek) zusammengestellt. Das ist Stärke und Schwäche zugleich. Stärke, weil es bemerkenswert ist, wie gut und hochklassig die Nabis hier präsent sind; Schwäche, weil dann doch etliche Hauptwerke vermisst werden, auf die der ambitionierte Ausstellungstext so selbstverständlich verweist, als hingen sie gleich um die nächste Ecke.

Immerhin aber gibt es zwei sensationelle Leihgaben, beide von Vuillard, der sich auch hier wieder als der revolutionärste Nabi erweist, obwohl er erst 1890 zur Gruppe gestoßen war. Jeweils aus Privatbesitz stammen das kleine fast schon surrealistische Gemälde „Die Gondel“, einziges bekanntes malerisches Resultat einer Reise von 1899, auf der Vuillard wie wild fotografierte (nicht nur seine Fotos fehlen in München schmerzlich; ganz allgemein war für die Nabis als reine Ateliermaler die junge Fotografie wichtig), und die fast beiläufige Tuschestudie einer sitzenden Frau in Schwarz, die zum Bindeglied zwischen Japonismus und Expressionismus prädestiniert ist.

Ergänzend setzt die Neue Pinakothek konsequent auf den Nabis-Umkreis, also auf Gauguin, Toulouse-Lautrec, van de Velde, Cross oder Luce. Hinreißende Bilder fährt sie auf, aber die Dokumentation dieses Netzes macht die Leerstelle im Zentrum deutlich. Mit Maurice Denis, Aristide Maillol und Félix Vallotton sind die berühmtesten Nabis mit großartigen Arbeiten vertreten, aber Gruppencharakter und interner Austausch werden nicht deutlich. Es gab zwar keinen einheitlichen Nabis-Stil, sondern so viele Stile wie Mitglieder. Aber die Intensität dieser Jahre, als Paris Zentrum all dessen war, was wir Moderne nennen, sie verlangt nach mehr Objekten und einem noch breiter verstandenen Kunstbegriff.

Paris Intense. Die Nabis - Von Bonnard bis Vallotton. Bis zum 30. September in der Neuen Pinakothek München. Der schlanke, aber faktenreiche Katalog ist bei Hatje Cantz erschienen und kostet 24,80 Euro.

Quelle: F.A.Z.

 
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