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Aufgaben der Kunstmuseen : Ein Chamäleon im Kulturbetrieb

  • -Aktualisiert am

Das Kunstmuseum wird entkernt: Ausstellungen gibt es zwar mehr denn je, aber die ursprünglichen Aufgaben des Sammelns, Erhaltens und Erforschens geraten ins Hintertreffen. Ein Gastbeitrag.

          Ob wir zu viele Museen haben, wie es Thema des Gesprächs mit der Direktorin der Staatsgalerie Stuttgart, Christiane Lange, war, das lässt sich so allgemein nicht beantworten. Denn das Museum ist das Chamäleon unter den Kulturinstitutionen: Es ist Heimatmuseum oder Hauptstadtattraktion, Stadtteilforum oder Touristenmagnet, kommunal oder staatlich, privat oder öffentlich, menschenleer oder touristenbelagert. Und die Liste der Gegenstände, Personen und Ereignisse, denen es sich widmen kann, ist schier endlos. Es ist daher schwer, Thesen über das Museum aufzustellen, für die sich nicht sofort Gegenbeispiele finden lassen.

          Für den ungebrochenen Erfolg der Museen spricht, dass ständig neue gegründet werden und alte Neubauten erhalten, aber auch, dass die Institution zu den erfolgreichsten Exportartikeln Europas gehört: Überall in der Welt stehen Museen, von Chile bis Grönland, auf beiden Seiten des Pazifiks wie des Atlantiks. Und bei Stadtgründungen Chinas oder Arabiens plant ein postmodernes Monopoly sie der Konsummeile schon als Kulturalibi ein, bevor Sammlungen überhaupt vorhanden sind. Einige Emirate hat das nicht lange irritiert, weil sie entdeckten, dass man sich die auch in Paris oder New York mieten kann.

          Jedenfalls gehört ein Museum heute weltweit zum unverzichtbaren Inventar der Stadtmitte, wie bei den Griechen die Agora, bei den Römern ein Forum oder in der Gotik ein Dom – sei es als urbanes Accessoire oder als dramatisch ausgeleuchteter Erinnerungsschacht, als strenge Bildungsanstalt oder prächtiges Bilderhaus. Und es gibt keine Kulturinstitution, die in den letzten fünfzehn Jahren so oft in Kinofilmen gefeiert worden wäre: „La Ville Louvre“ (2000), „The Russian Ark“ (2002), „Museum Hours“ (2012) sowie „National Gallery“ und „Das große Museum“ (beide 2014). Demnächst kommt mit „Francofonia“ sogar schon die nächste Museums-Eloge in die Kinos.

          Wanderzirkus der Wechselausstellungen

          Die Karriere des Museums liegt in einer Eigenschaft begründet, die sein Erfolgsgeheimnis ist: Es kann als Begriffsrahmen und Bauhülle für praktisch alles dienen, nobilitiert aber zugleich jeden Gegenstand, dessen es sich annimmt. Dabei ist es polyglott und polymorph: Es kann das Fremde eingemeinden und das Alltägliche verfremden, und das in jeder Architektur – gibt es eine interessantere Kulturinstitution? Man könnte also, wie die letzten beiden Jahrhunderte, der Meinung sein, dass es einfach nicht genug Museen geben kann – in jedem Ort, in jeder Form und für jede Sache.

          Aber wird sie das 21.Jahrhundert noch finanzieren? Die Krisenzeichen, darin muss man Christiane Lange recht geben, mehren sich, auch und gerade beim Kunstmuseum. Von seinen vier Gründungsaufgaben hat nur noch eine richtig Konjunktur: das Ausstellen. Fragt man einen Reisenden, ob er auch das Kunstmuseum der Zielstadt besuchen wird, kommt prompt die Gegenfrage: Welche Ausstellung läuft denn da gerade? Nur in den ganz großen Häusern kann die Schausammlung noch als alleinige Attraktion bestehen, alle anderen müssen sich dem Wanderzirkus der Wechselausstellungen anschließen oder ständig eigene Glanznummern erfinden. Meinte die Gründungsaufgabe des Ausstellens ursprünglich nur die ständige Schausammlung, so geht es heute nicht mehr ohne Wechselausstellung.

          Was wir daher seit drei Jahrzehnten erleben, ist eine Entkernung des Kunstmuseums um die drei anderen Gründungsaufgaben des Sammelns, Erhaltens und Erforschens, die in den Schatten der Wechselausstellung geraten sind. Auch dabei erweist sich das Kunstmuseum wieder als Chamäleon, indem es so tut, als hätte die Wechselausstellung schon immer zu seinen Aufgaben gehört, die in Wahrheit seine jüngste und vielleicht auch letzte Chance ist: Nur wenn es solche massentauglichen Attraktionen hervorbringt, werden die Gründungsaufgaben des Sammelns, Bewahrens und Erforschens in der Politik überhaupt noch halbwegs ernst genommen. Ganz ernst nimmt sie aber auch dort niemand mehr, denn sonst würden die Ankaufsetats erhöht statt gestrichen, die Restaurierungswerkstätten ausgebaut statt ausgelagert und die Forschung kameralistisch verankert statt Stiftungen überantwortet.

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