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Museum Schloss Moyland Neustart für Beuys

22.12.2011 ·  Das Museum Schloss Moyland verfährt in seiner einer Ausstellung der Werke von Joseph Beuys nach der richtigen Maxime: Weniger ist mehr.

Von Andreas Rossmann
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Wer im neuen Museumsführer die Luftbildaufnahme sieht, fühlt sich an die Burg auf der Modelleisenbahn aus Kindheitstagen erinnert, so trutzig-traulich nimmt sich das Schloss am Niederrhein aus: Moyland - Toyland. Spielball einst der Politik und heute einer Stifterfamilie, dazwischen auch der Architektur. Die Romantisierungswelle, die der Weiterbau des Kölner Doms 1842 auslöste, hat es erfasst und bis zu den Zinnen in Beschlag genommen: 1854 begann Dombaumeister Ernst Friedrich Zwirner das gotische (und im späten siebzehnten Jahrhundert barock nachgebesserte) Kastell mit Backsteinen zu ummanteln, die Türme aufzustocken, der Eingangsfront einen Torbau mit Ecktürmchen, Portikus und einem Saal im Obergeschoss vorzusetzen. Eine Touristenattraktion.

Das ist Schloss Moyland, das im Krieg leicht beschädigt, danach geplündert und dem Verfall überlassen wurde, auch heute wieder, da es instand gesetzt und der Park im Stil der vorletzten Jahrhundertwende restauriert ist. Seit 1997 beherbergt es die weltweit größte Sammlung der Werke von Joseph Beuys. Der brachiale Innenausbau, mit dem die Burg zu seinem Pantheon erkoren wurde, nahm keine Rücksicht auf historische Verluste. Gotische und barocke Bausubstanz musste weichen, um White Cubes und lange Flure mit weißen Marmorböden hineinzupressen.

Der Schamane hat sich nicht mehr wehren können. „Das Einzige, was Beuys dagegen hatte: Er fand es zu klein“, behauptete zwar Hans van der Grinten, der mit seinem Bruder Franz Joseph 120000 Werke - und darunter fast sechstausend des mit den beiden seit 1951 befreundeten Künstlers - akkumuliert hat. Doch der Mann mit dem Filzhut hatte einen Blick auf das ebenfalls bei Kleve gelegene Schloss Gnadenthal geworfen, das sich, zum klassizistischen Herrensitz umgebaut, hell und großzügig zur Landschaft öffnet. Dem hier 1755 geborenen Anacharsis Cloots, einem glühenden Anhänger der Französischen Revolution, der 1794 auf dem Schafott endete, fühlte er sich so verbunden, dass er zeitweise mit „Joseph Anacharsis Clootsbeuys“ signierte. Erst nach seinem Tod 1986 begannen die Verhandlungen mit dem Land Nordrhein-Westfalen: 1990 wurde die Stiftung Museum Schloss Moyland gegründet, sieben Jahre später Eröffnung gefeiert.

Als zu klein haben auch die Sammlerbrüder „ihr“ Museum jahrelang hingestellt. Bis unter die Decken bepackten sie die Wände mit Bildern, noch das Treppenhaus wurde vollgestopft. Die „Moyländer Hängung“ dehnte die Petersburger Hängung groteskerweise auf Zeichnungen aus.

Das Durcheinander der Präsentation war auch Folge eines Konstruktionsfehlers. Noch jede neue Landesregierung wollte ihn beheben - und scheiterte. Die Stiftungssatzung lässt die Familie nach Gutsherrenart schalten und walten. Als 2009 Bettina Paust zur Direktorin aufrückte, schien das eine kleine Lösung. Vielleicht aber kennt nur sie, die von Anfang an, zunächst als Pressereferentin, dann als Leiterin des Beuys-Archivs, an Bord ist, die Klippen und Untiefen gut genug, um den Museumsdampfer endlich auf Kurs zu bringen. Ihre „strategische Neuorientierung“ ließ sie sich von den Stiftungspartnern und dem Kuratorium absegnen. Die Burg wurde anderthalb Jahre geschlossen und für 2,4 Millionen Euro renoviert: Die Raumstruktur wurde überarbeitet, ein flexibles Beleuchtungssystem installiert, der Marmorboden nur geschliffen.

Ein Befreiungsakt

Die Neupräsentation ist ein Befreiungsakt. Nur in dem Raum, der die Künstlerfreunde vom Niederrhein aufruft, wird die Moyländer Hängung noch einmal ironisch zitiert. Das Sammelsurium ist einem Ausstellungsparcours gewichen, auf dem Beuys nicht länger von Schülern, Weggefährten und Mitläufern bedrängt wird. Statt viertausend werden, klar und konzentriert, vierhundert Arbeiten ausgestellt.

Das Untergeschoss ist der Skulptur gewidmet. Der Weg zu Beuys verläuft holprig, vom späten achtzehnten Jahrhundert bis in die Gegenwart reichen die Appendices. Beuys als Ratgeber und Anstifter, den der Bildhauer Walter Brüx als jungen Mann porträtiert hat. Bertel Thorvaldsen, dessen Alexanderfries in verkleinerter Form gefällt, soll er geschätzt haben. Zwei Eichenkreuze und eine kleine Bronzekuh bezeugen die Abhängigkeit von seinem Lehrer Ewald Mataré, in „Tisch mit Aggregat“ oder „Hasengrab“ kündigt sich schon der erweiterte Kunstbegriff an.

Die graphische Sammlung im Erdgeschoss beginnt mit dem neunzehnten Jahrhundert, britische Malerradierer und Holzschnitte des Expressionismus setzen Akzente. Die erste Foto-Auswahl sucht Künstler in ihren Ateliers auf: Es war der Maler Hermann Teuber, der die van der Grintens aufforderte, den Klee oder Picasso ihrer Zeit zu suchen, und Beuys vorschlug. Nur wenige aus dem Kreis, der sich auf dem Bauernhof der Brüder in Kranenburg traf, werden herausgestellt: Von dem aus Goch stammenden Rudolf Schoofs werden schematisch verfremdete Landschaften gezeigt, von dem Schweizer André Thomkins die rekonstruierte Skulptur „Wohnungsentwöhnung“, von Erwin Heerich, mit dem Beuys als Meisterschüler das Atelier teilte, Kartonplastiken, die schon auf seine Gehäuse für die Insel Hombroich weisen, von John Lee Byars mehrere der künstlerisch gestalteten „Briefe“, die er Beuys zwischen 1973 und 1985 geschickt hat.

Thematische Schwerpunkte

Das erste Obergeschoss gehört Beuys ganz. Das Museum besitzt kaum Hauptwerke, nicht „The pack (Rudel)“, sondern nur einen Schlitten, nicht die „Honigpumpe“, aber ein Foto von ihr, keine Installationen, doch Multiples wie den Filzanzug oder die „Capri-Sonne“. Den wichtigsten Bestand bilden Arbeiten auf Papier aus den fünfziger und frühen sechziger Jahren: Wasser- und Ölfarbenblätter, Druckgraphik, kleinformatige Objekte - und mehrere tausend Zeichnungen. Auf die tiefste Lebenskrise folgte eine Periode großer Schaffenskraft, in der sich die heterogenen Motive und Materialien, Tier- und Dingsymbole, Ideen und Energien herausbildeten und zu jener Ikonographie und plastischen Lehre verspannten, die sein Werk ausmachen sollte.

Die Kuratorin Stefanie Heckmann moderiert die Chronologie mit thematischen Schwerpunkten. Die Aktion „Sibirische Symphonie“ wird dokumentiert, das Happening „Das Schweigen von Marcel Duchamp wird überbewertet“ mit neuer Schokolade bestückt und einem Brief von John Cage ergänzt. Wie in den Düsseldorfer „Parallelprozessen“ 2010 wirken die Objekte, beruhigt und sauber geordnet, fast wie Reliquien, doch stellen die begleitenden Zeichnungen und Archivalien neue Korrespondenzen her: zarte, dichte, unruhige Experimentierfelder, schnell hingeworfene Denk- und Suchbewegungen, die auf spätere Öffnungen, auf Fluxus, Aktionen und plastische Arbeiten hindeuten. „Erschütterung“, so ein Titel, mit Folgen: Schon 1956 skizziert Beuys eine „Filzwohnung“, 1961 entwirft er „Im Fettraum“, 1964 zeichnet er „Filz-Fettecken“.

Beuys im Kontext

„Ich halte diese Zeichnungen immer noch für eine der wichtigsten Sachen, die ich überhaupt gemacht habe“, sagte Beuys 1981 rückblickend. Die Ausstellung bestätigt es. Hier ist schon angelegt, was später umgesetzt und ausgeführt wurde: Beuys im Kontext, der Künstler, was ihn beschäftigt und wie er sich abgeschirmt hat, eingeordnet in die Epoche und die ihm vertraute Provinz, aus der er aufbricht in die Welt. Diese kreative Inkubationszeit, diese Phase vor dem internationalen Ruhm, lässt sich so nur auf Schloss Moyland zurückverfolgen und studieren. Die Präsentationsform schließt, anders als der Museumsführer, auf zu Düsseldorf und Basel.

Ende gut, alles gut? Gerade nicht: Das Museum hat Jahre verloren, in denen es sich nicht entwickeln konnte. Fragwürdig und anfällig, wie die Stiftungskonstruktion bleibt, muss es nun auch darum gehen, den Neuanfang kulturpolitisch zu stützen.

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Jahrgang 1952, Feuilletonkorrespondent in Köln.

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