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F.A.Z. Woche : Tauchfahrt zu den Pharaonen

Das Museum Rietberg in Zürich zeigt spektakuläre Funde, die der Unterwasserarchäologe Franck Goddio vor der Küste Ägyptens gehoben hat.

          Wenn ein Gott stirbt, dann nur, um neugeboren zu werden und danach mächtiger zu sein als je zuvor. Im Zürcher Museum Rietberg kann man jetzt einer Gottheit im Moment ihrer Wiedergeburt ins Antlitz sehen: Osiris, Sohn des Himmels und der Erde, wurde von seinem Bruder Seth getötet und in Stücke gerissen und wird von Isis, seiner Schwester und Ehefrau, wieder zum Leben erweckt. Er liegt flach auf dem Bauch, ist bandagiert wie eine Mumie und hebt den mit einer Krone geschmückten Kopf: Der Blick aus mandelförmigen Augen ist sanft, die Lippen umspielt ein leises Lächeln, in dem sich Freude und Erstaunen über das wiedergewonnene Leben zu mischen scheinen.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Das Bildnis des „erwachenden“ Gottes zählt zu den Höhepunkten der spektakulären Ausstellung „Osiris – Das versunkene Geheimnis Ägyptens“. Sie versammelt etwa dreihundert zum Teil atemberaubend schöne Objekte, darunter gut vierzig Prunkstücke aus den ägyptischen Museen in Kairo und Alexandria, die normalerweise nicht außerhalb des Landes gezeigt werden. Dass sie die Reise nach Europa antreten konnten, Zürich ist die dritte und letzte Station nach Paris und London, dürfte nicht zuletzt Ausdruck der Wertschätzung der ägyptischen Behörden gegenüber jenem Mann sein, ohne den die 250 anderen Objekte der Ausstellung immer noch dort liegen dürften, wo sie die letzten 1200 Jahre verbracht haben: auf dem Grund des Mittelmeeres, von der Menschheit vergessen und bedeckt von einer meterdicken Schicht aus Schlamm und Sedimenten.

          Schicksal der alten Städte unklar

          Der Osiris-Kult ist mehr als viertausend Jahre alt und war in ganz Ägypten verbreitet. Seine Mysterien, die alljährlich zelebriert wurden, gelten als die wichtigsten Feste der alten Ägypter. Mit ihnen wurde der Sieg des Guten über das Böse ebenso gefeiert wie die Auferstehung der Gottheit und der Abfluss des jährlichen Nilhochwassers, das fruchtbare Felder zurückließ. Spätestens seit den Tagen des Mittleren Reiches um 1850 vor Christus gab es Prozessionen, bei denen das Bildnis des Gottes aus seinem Tempel heraus durch die Menge und zu seinem Grab geführt wurde. Seit 1881 in Kom el-Hisn eine Stele mit einer in drei Sprachen verfassten Inschrift gefunden wurde, wusste man, dass eine solche Prozession auch vom Amun-Gereb-Tempel in Herakleion zum Osiris-Heiligtum im benachbarten Kanopus führte. Was nicht aus den Inschriften hervorging: wo diese Städte gelegen haben und was aus ihnen geworden ist.

          Dieser Artikel stammt aus der Frankfurter Allgemeine Woche

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          Dabei handelte es sich keineswegs um unbedeutende Ortschaften. Herakleion war Ägyptens wichtigster Seehafen und Sitz eines Heiligtums, das in der ganzen antiken Welt bekannt war. Nahezu der gesamte Handel mit Griechenland lief für einige Jahrhunderte über Herakleion, das einen Teil der Zollgebühren, die der Pharao erhob, behalten durfte und so zu Wohlstand und Reichtum gelangte. Strabon, Herodot und andere Autoren haben Herakleion und Kanopus in ihren Schriften erwähnt, aber aus keiner der antiken Quellen ließ sich ihre genaue geographische Lage bestimmen. Sie waren in der Bucht von Abukir im Meer versunken, untergegangen bei einer Naturkatastrophe vor über tausend Jahren.

          Alltagsgegenstände und Bildnisse von Göttern

          Franck Goddio und sein Team haben die Städte mit Hilfe eines Kernspinresonanz-Magnetometers, das den Meeresboden abtastet, entdeckt und auf zahllosen Tauchgängen bislang etwa 18000 Objekte geborgen. Zwei riesige, mehr als fünf Meter hohe Monumentalstatuen empfangen den Besucher vor dem Eingang zur Ausstellung. In den unterirdischen Sälen des Museums Rietberg erwarten ihn Bildnisse von Göttern und Priestern, Gegenstände des Alltags und des Kultes, in Stein gemeißelte Hieroglyphen von unvergänglicher Schönheit, Schmuck und Münzen aus Gold und Osiris-Puppen aus Lehm.

          Zu den Höhepunkten zählen ein gewaltiger Apisstier, eine Statue der Arsinoe, deren Schönheit selbst Aphrodite erblassen ließe, und die unfassbar gut erhaltene Stele von Thonis mit einem Dekret von Nektanebos I. Nur zehn Zentimeter hoch ist die Figur eines Pharao der Dreißigsten Dynastie, der Schutz sucht zwischen den Klauen eines Falken aus Kalkstein, der doppelt so groß ist.

          Goddio arbeitet schon lange mit Ägypten zusammen

          Goddio, der Mathematik studierte und für die UN in Indochina und für die französische Regierung in Saudi-Arabien tätig war, wurde von der wissenschaftlichen Altertumsforschung lange mit Skepsis betrachtet. Mittlerweile gilt er als die treibende Kraft hinter den Fortschritten, die auf dem Feld der Unterwasserarchäologie in den letzten Jahrzehnten erzielt wurden. Bereits 1987 gründete er in Paris das Europäische Institut für Unterwasserarchäologie, seit 1992 arbeitet er eng mit dem ägyptischen Staat zusammen, und seit etlichen Jahren sorgt die Zusammenarbeit mit der Universität Oxford für eine wissenschaftliche Aufarbeitung der Funde. Ohne die langjährige Unterstützung der Liechtensteiner Hilti-Foundation wären all diese Projekte nicht möglich gewesen.

          Vor zehn Jahren, sagt Goddio im Gespräch, habe er in einer großen Ausstellung den Reichtum seiner Unterwasserfunde aus Herakleion und Kanopus lediglich vorgeführt. Heute sei man einen entscheidenden Schritt weiter: Man wisse nicht nur, dass Thonis und Herakleion identisch seien, zwei Bezeichnungen für dieselbe Stadt, sondern könne anhand der Funde auch wichtige Teile des Ritus rekonstruieren und belegen, wie der Osiris-Kult sich auch in Griechenland und Rom verbreitete und selbst römische und hellenistische Einflüsse aufnahm. So zeigt die Ausstellung, was damals üblich war und heute unvorstellbar ist: dass Religionen einander beeinflussen und manchmal sogar miteinander verschmelzen können.

          „Osiris – Das versunkene Geheimnis Ägyptens“, Bis zum 16. Juli im Museum Rietberg, Zürich. Der Katalog ist bei Prestel erschienen und kostet 29,90 Euro.

          Quelle: F.A.Z. Woche

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