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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Museen in Deutschland Die Jahre der wilden Sammelwut

 ·  Zu lange haben sich die staatlichen Museen für moderne Kunst den Interessen privater Kunstfreunde ausgeliefert - mit fatalen Folgen. Ein verdruckstes Wort steht im Zentrum der aktuellen Misere: die „Dauerleihgabe“.

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Die Kunstwelt ist aus den Fugen. Eine museumspolitische Hiobsbotschaft jagt die nächste. Und die Hintergründe der diversen Desaster, die jetzt ans Licht kommen, scheinen einem absurden kulturpolitischen Happening zu entstammen.

Ein Museumsdirektor macht mit einem anonymen Geldgeber Geheimverträge über „Dauerleihgaben“ für sein Museum, die die Stadt jeweils nach einem Jahr erweben kann, wovon die Stadt, wie ihre Vertreter beteuern, aber leider nichts wußte, weswegen sie nichts kaufen konnte.

Dauerleihgaben verkauft

Woraufhin nicht weniger als 500 Werke aus der scheinbaren „Sammlung“ des Museums quasi über Nacht die Stadt verlassen und ihr ein empfindlich ausgeräumtes Museum bescheren - so gerade geschehen in Frankfurt, im Museum für Moderne Kunst. Ein Sammler dementiert hartnäckig, daß er seine Dauerleihgaben, die ein ganzes Museum füllen, verkauft, und verkauft sie plötzlich doch, was die Gefahr einer auseinandergerissenen Sammlung mit sich bringt - so geschehen in Bonn.

Ein „Mäzen“, der nebenbei auch Galerist ist, gibt seine Sammlung moderner Kunst in eine ostdeutsche Stadt, die mit der Sammlung nicht viel anzufangen weiß, woraufhin der Galerist sich beleidigt zeigt und soviel, wie er kann, aus dem Museum wieder herausräumen läßt, weswegen dieses plötzlich halbleer in der Gegend herumsteht - so geschehen in Weimar.

Kunstspekulant im Gönnergewand

Weitere museumspolitische Katastrophen dieser Art sind nur eine Frage der Zeit. Ein verdruckstes Wort steht im Zentrum dieser aktuellen Museumsmisere: die „Dauerleihgabe“. Die Dauerleihgabe ist, wie ihr unschöner Name verrät, die häßliche Tante des Geschenks: eine Gabe, die zwar Dauer verspricht, aber juristisch jederzeit wieder zurückgenommen werden darf und in der Kunstwelt eher ein Geschenk für den Schenkenden ist - denn im Museum steigt der Wert einer Leihgabe deutlich, so daß nach dem Ende der Leihfrist die Gabe teurer in die Arme des Gebers zurückkehrt.

Hinter der Misere der Museen, hinter dem skandalösen Abzug der 500 „Dauerleihgaben“ des Immobilienunternehmers Dieter Bock, der das Frankfurter Museum für Moderne Kunst in eine existentielle Krise stürzt, steht der Wandel einer zentralen Figur der bundesrepublikanischen Museumskultur: der des privaten Sammlers. Der Mäzen alter Prägung, der seine Sammlung in einer großzügigen Geste, ohne Vorbehalte und Klauseln, einem Museum schenkt, wird zunehmend vom Kunstspekulanten im Gönnergewand abgelöst.

Wertsteigernde Zwischenlagerung

Geblendet vom Versprechen kurzfristigen Prestiges, das eine üppige Sammlung aktueller Kunst verspricht, lieferten sich gleich mehrere Museen ihren Sammlern auf Gedeih und Verderb aus: Auf fünfzehn Jahre hatten die von Dieter Bock finanzierten Werke im MMK zu bleiben, jetzt ist die Zeit vorbei - und das Depot leert sich prompt. Anderswo ist es kaum besser. Das Städtische Kunstmuseum Bonn hatte dem Sammler Hans Grothe die Kostenübernahme für Lagerung, Pflege und Versicherung seiner umfassenden Kollektion deutscher Nachkriesgskunst in einem Vertrag zugesichert.

Dieser hinderte ihn andererseits aber nicht vor vier Jahren etliche Werke für geschätzte fünfzehn Millionen Dollar sowie Gerhard Richters „Stadtbild Madrid“ für neun Millionen zu verkaufen. In Weimar setzte der Galerist Paul Maenz durch, daß das dortige Museum nur ein Viertel seiner Sammlung geschenkt bekam, ein weiteres Viertel dagegen teuer ankaufen mußte; die verbleibende andere Hälfte der Sammlung Maenz wurde als Leihgabe von unbestimmter Dauer wertsteigernd im Museum zwischengelagert.

Vergoldungsmanufaktur des Kunstmarktes

Die Folgen solcher abenteuerlichen, bisweilen, wie in Frankfurt, sogar heimlich zwischen Direktoren und Sammlern ausgekungelten Abmachungen sind gravierend. Das Museum, das nach seiner Definition, im Gegensatz zur Ausstellungshalle, eben keinen zeitlich begrenzten Rahmen zur Präsentation von Kunst bieten, sondern eine Kontinutität der Sammlung garantieren und epochale Entwicklungslinien langfristig nachvollziehbar machen sollte.

Diese für das kollektive Gedächtnis und Bewußtsein so wichtige Institution wird mit der Erfindung der „Dauerleihgabe“ und dem Einmarsch der Sammler degradiert zu einer Vergoldungsmanufaktur des Kunstmarktes, nach deren Besuch auch noch die kunsthistorisch zweifelhaftesten Werke Glanz erhalten, der ihren Wert am Markt beträchtlich steigert.

Zuviel Präsentationsfläche

Daß sich gerade die Museen für Moderne Kunst vom kritischen Ort der Beobachtung und Bewertung zum Durchlauferhitzer des Marktes entwickeln konnten, hängt nicht nur mit dem Schrumpfen eigener Ankaufsetats zusammen, sondern auch mit dem übermäßigen Appetit vieler Museumsleiter, ihrem Haus möglichst große Massen an moderner Kunst einzuverleiben. Wohin der Überbietungswettbewerb führt, zeigt sich in Leipzig, wo das gigantische neue Museum in den oberen Etagen mit Leihgaben von Galeristen aufgefüllt wurde.

Wie schon vorher in der Hamburger Kunsthalle, wurde das Geborgte für die Präsentation sorglos mit dem Bestand verwoben; ziehen die Galeristen in Leipzig einmal ihre Arbeiten ab, dürfte die kuratorische Logik in diesen Räumen arg ins Schleudern geraten. Nun gibt es in Deutschland gar nicht zuwenig, sondern eher zuviel Präsentationsfläche für Gegenwartskunst - und das Problem dieser hochsubventionierten Räume ist, daß sie wahllos mit immer ähnlicheren, wie ästhetische Endlosrollware präsentierten, unkritisch hingeschütteten Massen an aktuellem Formen- und Bildgeröll zugerümpelt werden.

Sinnfällige Steuerung

Vorbei die Zeiten, da Museumsdirektoren den Mut hatten, wenige, ausgewählte Stücke nach eigenem Urteil in einer erhellenden Präsentation zu zeigen; die Suche nach Qualität wurde vom Überangebot vorkuratierter Familienpackungen abgelöst, mit denen die privaten Sammler vor der Tür standen. Indem die Museen für Gegenwartskunst freiwillig große Teile ihrer gestalterischen Kompetenz an vermeintliche Gönner abtraten, sich von blanken Massen blenden ließen und bereitwillig versprachen, ganze Museen für Privatsammlungen zu errichten, lösten sie sich als Instanz selbst auf und wurden zum Transmissionsriemen jenes Marktes, zu dem sie einst das kritische Korrektiv bildeten.

Vor allem im Hamburger Bahnhof in Berlin ist es seit jeher gängige Praxis, sich gleich einer desorientierten Boa Constrictor Kunstsammlungen von elefantösen Ausmaßen einzuverleiben, die dann in jeder Hinsicht schwer im Magen liegen, wie sich am Beispiel Flick zeigt: Dessen gigantische Gegenwartskunstanhäufung ist, unabhängig von ihrer politischen Problematik, vor allem als Kunstsammlung zweifelhaft und verrät eher die Interessen bestimmter Flick beratender Galeristen als eine kundige Hand des Sammlers im Umgang mit aktueller Kunst. Selten war die Steuerung der staatlichen Kunstmuseen durch Marktlobbies so sinnfällig wie hier.

Grundsätzliches Umdenken erforderlich

Aber ein um private Sammlungen zentriertes Museum wie der Hamburger Bahnhof muß sich die Frage gefallen lassen, inwieweit er dem Anspruch eines staatlichen Museums für zeitgenössische Kunst, auszuwählen, zu werten und als intellektuelles Pionierzentrum Entwicklungen kritisch zu kommentieren und zu beeinflussen, noch gerecht wird. Der Ruf des Museums als Institution ist gefährdet. Auch in Deutschland sollten die staatlichen Museen, wie etwa in den Vereinigten Staaten üblich, deshalb nur noch wenige, qualitativ hochwertige und bedingungslose Schenkungen von privaten Sammlern annehmen.

Und gleichzeitig von einer Deponie disparater Sammelsurien wieder zu einem Ort werden, an dem die Wahrnehmung von Kunst jenseits von Martkinteressen diskutiert und geprägt wird. Die Desaster in der Frankfurter, Weimarer, Berliner und Bonner Museumspolitik erfordern ein grundsätzliches Umdenken im Verhältnis von privaten Sammlern und staatlichen Institutionen, wenn das klassische Museum nicht in absehbarer Zeit auf einen windigen Schaukasten frei flottierender Kunstagglomerationen reduziert werden soll.

Quelle: F.A.Z., 08.07.2005, Nr. 156 / Seite 35
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Jahrgang 1972, Redakteur im Feuilleton.

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