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Munch-Bilder Kunstraub mit Vollgas

27.08.2004 ·  So elegant wie die Kunsträuber von Oslo in ihrem schwarzen Audi A6 haben sich selten Gangster aus dem Staub gemacht: Vom richtigen Fluchtfahrzeug hängen Wohl und Wehe der Kunstdiebe ab. Eine Chronik.

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Als der unter Mordverdacht stehende Sport-Star O. J. Simpson vor einigen Jahren in einem weißen Ford Bronco vor der Polizei floh, wurden die Bilder dieser Jagd landesweit übertragen - was für den Hersteller des Fluchtwagens überraschende Folgen hatte. Das "Wall Street Journal" berichtete, in den Tagen nach der TV-Ausstrahlung seien die Verkäufe des Geländewagens um 25 Prozent gestiegen.

Wenn das wirklich an den Fernsehbildern lag, kann man sich in diesen Tagen bei Audi in Ingolstadt freuen - denn so elegant wie die Kunsträuber von Oslo, die in der vergangenen Woche Munchs "Schrei" und seine "Madonna" raubten, in einen schwarzen Audi A6 verluden und davonbrausten, haben sich selten zwei Gangster aus dem Staub gemacht.

Kein Zufall

Es ist vielleicht kein Zufall, daß die Geschichte des modernen Kunstraubs genau in dem Moment einsetzt, in dem das Auto von der Motorkutsche zu einem ernst zu nehmenden Fluchtvehikel mutiert. Am 21. August 1911 entwendete der italienische Handwerker Vicenzo Peruggia zusammen mit Komplizen die "Mona Lisa" aus dem Louvre; in der Rue des Tuileries parkte das Fluchtauto, das die Gangster ins 10. Arrondissement brachte, wo Peruggia mit seiner Freundin ein Mansardenzimmer bewohnte.

Auch dank des automobilen Tempos blieb Peruggia jahrelang unentdeckt. Mit der Erfindung neuer Fahrzeugtypen verändern sich auch die Methoden der Kunsträuber. Vor drei Jahren, als die Geländewagen-Mode ihren Höhepunkt erreichte, fuhren mehrere mit Sturmhauben maskierte Täter in einem Mitshubishi Pajero die zwanzig Stufen hohe Freitreppe des Russborough Castle empor, rammten mit dem Geländewagen die Haupttür und stürmten das Musikzimmer.

Raub als ästhetischer Akt?

Auch auf Stilfragen kommt es etlichen Kunstdieben an - ganz so, als sei der Raub selbst ein ästhetischer Akt, der nicht in einem ordinären Opel Astra vorgenommen werden darf. Als Leonardo da Vincis "Madonna mit der Spindel" am 27. August 2003 aus der Sammlung des Earl of Buccleuch geraubt wurde, rasten die Räuber immerhin in einem Golf GTI davon, der - anders als hierzulande - auf der Insel als ausgemacht stylish gilt. Nur in der ehemaligen DDR legt man keinen Wert auf automobile Kultur beim Kunstraub: Die berühmten Cranachs aus dem Weimarer Schloßmuseum wurden 1992 in einem Isuzu-Transporter entwendet, die Täter später in einem Opel Ascona verhaftet.

Vom richtigen Fluchtfahrzeug hängen Wohl und Wehe der Gangster ab. Als 1991 Kunsträuber zwanzig Werke aus dem Amsterdamer Van-Gogh-Museum rauben, wird kurze Zeit später der Fluchtwagen am Stadtrand gefunden - mit allen Bildern an Bord. Der Komplize, der die Bilder dort übernehmen sollte, hatte eine Panne gehabt; als er eintraf, wimmelte es dort vor Polizisten, die Fahrer des Wagens hatten ihr Auto in Panik verlassen.

Ungeschickte Räuber

Vielleicht sind schnelle Fluchtwagen für Kunsträuber auch deshalb so wichtig, weil sie überdurchschnittlich ungeschickt sind. Peruggia bekam, als er die Mona Lisa schon unter dem Arm hatte, die Fluchttür nicht auf, die ihn ins Freie bringen sollte. Der Räuber, der 1994 eine Version von Munchs "Schrei" stahl, fiel beim ersten Versuch, in die norwegische Nationalgalerie in Oslo einzusteigen, von der Leiter und stürzte 5,6 Meter in die Tiefe. Wer so zerstreut ist, braucht wenigstens einen guten Fluchtwagen.

Beim zweiten Überfall in Oslo haben die Munch-Diebe dann vorsichtshalber auch auf die akrobatischen Geschicklichkeitsübungen ihrer Vorgänger verzichtet und sind mit plumper Gewalt einmarschiert: Ein paar ordentliche Feuerwaffen, ein zuverlässiger, schneller Audi-Sportkombi, mehr brauchten sie nicht - schließlich gilt auch für den modernen Kunstraub, womit der Hersteller des Fluchtwagens wirbt: Vorsprung durch Technik.

Quelle: nma/ Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.08.2004, Nr. 200 / Seite 45
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Von Ursula Scheer

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