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Glyptothek-Ausstellung : Dicker Nero, reiches Kind

Dieser Kaiser hat den Mund ja wohl zu voll genommen, das sieht man doch auf einen Blick: Die Münchner Glyptothek zeigt antike „Charakterköpfe“ – um zu zeigen, wie problematisch das Porträtideal des Charakteristischen ist.

          Welch edle Stirn! Welch schwungvolle Lockenpracht, welch mächtiges Stirnbein! Welch energisches Kinn und welch charaktervolle Nase! Tja, ein bedeutender Mann. Marcus Vipsanius Agrippa nämlich, der Jugendfreund, General, Stellvertreter und zeitweilig designierte Nachfolger des Augustus. Edward Gibbon, der Historiker des Römischen Reiches, sah 1764 in den Uffizien eine Bronzemünze mit dem Profil Agrippas aus einer Serie, aus der jetzt ein Exemplar in der Münchner Glyptothek in einer Vitrine einer Ausstellung zum griechischen und römischen Porträt liegt, die heute eröffnet wird. Gibbon glaubte in Agrippas Zügen „die Eigenschaften des Freimuts, der Großherzigkeit und Einfachheit lesen zu können, die diesen bemerkenswerten Mann charakterisierten“. Er glaubte es – und bekam Zweifel. Denn er kannte die Eigenschaften Agrippas aus der Literatur, und er wusste, wer auf der Münze dargestellt ist. Die Umschrift sagt es.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Die Physiognomik gehörte zu den kulturellen Techniken, die Gentlemen auf der Grand Tour durch das Studium von Überresten der antiken Kunst trainieren sollte. Hochgebildete Reiseschriftsteller hatten die Autopsie klassischer Porträts als Vorschule der Psychologie empfohlen. Aber Gibbon fragte: „Ist es wirklich so alltäglich, dass sich die Seele eines Mannes in seinem Gesicht lesen lässt?“ Er malte sich eine Gegenprobe aus, mit einem nicht durch Vorkenntnisse der literarischen Überlieferung vorbelasteten Probanden. „Ich würde gerne einmal von einer ungebildeten Person hören, die beim Anblick eines Kopfes des Nero ausruft: ,Das ist ein Schurke!‘ Es ist so leicht für den Gelehrten, der schon weiß, dass er einer war.“

          Der Münchner Nero-Kopf aus dem Urbestand der Glyptothek, 1811 in Rom erworben, ist eines der frappantesten Stücke der Schau. Er hat monumentales Format, misst vom Kinn bis zum Scheitel 34 Zentimeter. Dieser Mann braucht Platz, um sich auszudehnen, aber weniger im Sinne der generalstabsmäßig kontrollierten Expansion als des ungezügelten organischen Wachstums. Drastisch beschreibt der Katalog den im Alter von etwa dreißig Jahren Porträtierten als „aufgedunsen, ja fett“. Es ist eine kluge Grundentscheidung, dass sich die Ausstellung bei den Beschriftungen zurückhält. Die einzelnen Sockel sind nicht ausgezeichnet, man schaut also nicht automatisch aufs Schildchen. Den Münchner Nero dürfte, solange er inkognito bleibt, niemand spontan als Schurken apostrophieren. Ein Vielfraß, Prasser, Verschwender, Lotterlebensmann – das ja, doch ein Schurke wird erst daraus, wenn man die Geschichte Neros kennt und die prononcierte Fleischlichkeit des Porträts als Symptom der Dekadenz des Künstlers auf dem Throne der Cäsaren interpretiert.

          Gute Miene zum bösen Spiel

          Und diese Lesart ist nach allen Regeln der historischen Methode ausgeschlossen. Denn man deutet die Skulptur dann als Karikatur. Sie muss aber in offiziellem Auftrag entstanden sein. Ein Herrscher, der gute Miene macht, wenn ihm sein Auftragskünstler die Züge eines Bösewichts gibt, ist schwer vorstellbar, selbst wenn Nero sich als Künstlerkollege verstanden haben sollte. Daher wird man die Versuchsanordnung von Gibbons Gedankenexperiment ironisch verstehen: Die Ironie geht auf Kosten der Gelehrten, die sich auf ihr angelesenes Wissen verlassen, ohne sich über dessen Herkunft Gedanken zu machen. Über das politische Spitzenpersonal der frühen Kaiserzeit sind wir außerordentlich gut informiert.

          Münchens Glyptothek am Königsplatz Bilderstrecke

          Die Jahrbücher und Biographien der Historiker Tacitus und Sueton, die allerdings keine Zeitgenossen waren, bieten viele sprechende Details, also das, was man Charakterzüge nennt, einzelne hervorstechende Merkmale. Die Persönlichkeitsbilder der Kaiser verraten einen kaiserfeindlichen Standpunkt, die Perspektive senatorischer Kreise, in denen man der Republik nachtrauerte. Es ist unmöglich, diese pathologische Sichtweise der historiographischen Quellen mit den Stilisierungen der marmornen Herrscherpropaganda zur Deckung zu bringen. Und selbst der Abgleich von Informationen zum Aussehen der Kaiser kann schwierig sein, weil auch deren Auswahl bei den Historikern von der Absicht bestimmt ist, die Personen moralisch erkennbar zu machen.

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