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Moritzburg in Halle So soll man bauen, so soll man ausstellen

09.12.2008 ·  Halle, seit 1989 im Schatten Leipzigs, hat mit einer Erweiterung seiner Moritzburg eines der fesselndsten Museen der klassischen Moderne und der zeitgenössischen Kunst in Deutschland zu bieten.

Von Dieter Bartetzko
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Wenn heute Neubau- oder Erweiterungspläne für Museen erörtert werden, kreist das Roulette sofort um den „Bilbaoeffekt“, sprich: dekonstruktivistische, biomorphe oder neohistoristische, auf jeden Fall aber spektakuläre Architektur. Und nun wird in Halle ein Erweiterungsbau eröffnet, der diesem dumpfen Herdendrang bravourös widerstanden hat: Die Moritzburg, im Jahr 1904 zum kunstgewerblichen Museum umgewidmet, 1908 Kunstmuseum und von 1924 an sowie erneut in der DDR ein Zentrum zeitgenössischer Moderne, könnte dank zusätzlicher zweitausend Quadratmeter Ausstellungsfläche ihren hohen Rang zurückerobern.

Und das ohne Bilbao - oder fast ohne. Denn im Fernblick zuckt zwischen den friedlichen Ziegeldächern der Burg ein Silbergewitter aus Prismen, Keilen und Schrägen. Das ist die expressive Dachlandschaft, die das spanische Architektenduo Nieto/Sobejano der Frührenaissance der ehemaligen erzbischöflichen Residenz hinzugefügt hat. Sie und ein auskeilender Ecktrakt aus Beton, der einen zerstörten Rundturm ersetzt, entsetzten beim Wettbewerbssieg 2003 die Bürger.

Vorhangbögen, Erker und Portale von erlesenem Geschmack

Man kann sie noch im Nachhinein verstehen, denn Nieto/Sobejano sind keine Architekten, die ihr schöpferisches Licht unter den Scheffel stellen. Ob ihr Auditorium in Saragossa, ihr San-Telmo-Museum in San Sebastián, ein Kaufhaus in der Grazer Altstadt oder der (gottlob erfolglose Entwurf) zum Neubau des Historischen Museums am Frankfurter Römerberg: die beiden formen schroffzackige Gebirge aus Naturstein und Metall, grandios, aber alles andere als das, was heute einfühlsames „Bauen im Bestand“ heißt.

Anders in Halle. Die Hauptaufgabe, der Wiederaufbau der beiden seit dem Brand der Burg im Dreißigjährigen Krieg ruinösen Nord- und Westflügel als Museum, ist bewundernswert zurückhaltend gelöst. Im weiten Innenhof setzt lediglich ein zierliches Foyer als rasant geschrägter Silberkubus einen Akzent. Links und rechts breiten sich dann, behutsam saniert und überfangen von einem dezenten neuen Glasgeschoss, die alten Fassaden aus. Fenster mit sandsteinernen Vorhangbögen, feinziselierte Erker und Portale künden vom erlesenen Geschmack derer, die zwischen 1484 und 1503 hier Wohn- und Prunkräume bauen ließen.

Der Neubau: diskret, aber omnipräsent

Auch im Inneren hat das Gerettete Vorrang. Nach dem schlichten Empfangsbereich mit Museumsshop und Café sowie dem oberen Entree, das als lichtgrauer distinguierter Kubus ein Damenbildnis von Stuck und Munchs „Doktor Linde“ bietet, folgen die neuen Säle, deren Atmosphäre die mächtigen Mauerverbände der Burg bestimmen. Reste von monumentalen Kaminen, Gewölbeansätze, Maßwerkfragmente und Bruchsteinmauerwerk bilden den suggestiven kontrastierenden Rahmen der Gemälde und Skulpturen.

Doch das heißt nicht, dass der Neubau sich verstecken würde. Er ist diskret, aber omnipräsent. Nieto/Sobejano haben ihn als mächtige eingestellte Stahlkonstruktion mit abgehängten Boxen verwirklicht, die mit einem zweigeschossigen Raum-im-Raum-System samt Empore die Weite der beiden Altbauten gliedern. Auch das Treppenhaus, ein Vierkant, umschlossen von hellgrauen Zementfaserplatten, setzt energische Zeichen des Neuen.

Kirchner, Heckel, Schmitt-Rottluff, Pechstein oder Nolde

Nur beim Neuerwerb des Museums ist man von der Dezenz abgewichen: Die Sammlung Gerlinger, nach Querelen in Schloss Gottorf vom Besitzer als Dauerleihgabe der Moritzburg anvertraut, wird in starkfarbigen Kabinetten präsentiert. Die Tönung ist der Palette der „Brücke“-Künstler entnommen, die hier mit einigen ihrer besten Werke vertreten sind; Kirchner, Heckel, Schmitt-Rottluff, Pechstein oder Nolde vom Gruppenstil bis in die höchst individuellen Spätwerke.

Wandschrägen als „Achsenbruch“ signalisieren den klassischen, unter dem Titel „Moderne 1“ zusammengefassten Eigenbestand. Gemälde des „Blauen Reiters“, des Konstruktivismus, Verismus, der Neuen Sachlichkeit und des magischen Realismus von Franz Marc bis Christian Schad, dazu Plastiken von Lehmbruck, Marcks und Weidanz. Lyonel Feininger, dem Maler, dessen Halle-Serie die Stadt weltberühmt machte, ist ein eigener Saal gewidmet. Gemälde und Grafiken sind zu sehen, die nach 1945 als Ersatz für die elf Großformate gekauft wurden, die bei der „Entartete Kunst“-Aktion der Nazis verschwanden. Der Raum mündet auf ein wandhohes Panoramafenster mit einem hinreißenden Blick auf die Zentralmotive des Malers in Halle - den Renaissancedom über der Saale, das filigrane Türmgetümmel der Marktkirche und den massigen „Roten Turm“, das gotische Wahrzeichen der Stadt.

Eine atemberaubende Entdeckungsreis

Mag hier, wie in „Moderne 1“, der Kunstgenuss der Wiederbegegnung und des klassisch Bewährten überwiegen - „Moderne 2“ bietet eine atemberaubende Entdeckungsreise. Es überraschen Maler der Nachkriegsmoderne der DDR, nicht nur die vor 1989 auch im Westen berühmten Meister wie Sitte, Mattheuer oder Tübke, dessen jüngere deutsche Geschichte gnadenlos komprimierender, altdeutscher „Traum des Dr. jur Schulze“ Gänsehaut erzeugt. Ebenso bannt ein Großgemälde Einar Schleefs; drei lemurige Richter in Robe. Man wusste, dass der berserkerhafte Regisseur auch malte. Doch wie intensiv, wird erst hier klar.

Die frühe Moderne, eine weitere Kostbarkeit, wurde im sogenannten „Talamt“ - das obendrein originale Prunkräume der Renaissance birgt - neu geordnet. Zentrum ist ein überwältigender Rundsaal, ein 1904 in einem der Rundtürme entstandenes Zitat des Pantheons. So wird es mehr als einen Besuch brauchen, um die Fülle der Kunst und Baukunst zu erfassen. Doch schon ein Besuch des Neubaus verdeutlicht, dass das angeblich in Ost-Lethargie erstarrte Halle mit der Moritzburg nicht erst seit heute, nun aber erst recht ein Juwel besitzt. Alles atmet Weite und Großzügigkeit, Konzentration und Kontemplation. So soll man bauen, so soll man ausstellen. Es ist also höchste Zeit, dass die wiedervereinte Nation die seit der Wende so oft verkannte „graue Diva“ Halle als Stadt der Künste zur Kenntnis nimmt.

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Jahrgang 1949, Redakteur im Feuilleton.

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