13.08.2004 · Der phänomenale Erfolg des "MoMA in Berlin" weist über ästhetische Kategorien entschieden hinaus. Hier geht es weniger um einen hedonistischen Akt des Kulturkonsums als um eine Opferhandlung.
Von Mark SiemonsEs ist offensichtlich, daß sich die Erscheinung "MoMA in Berlin" mit den Kategorien der Kunst allein nicht fassen läßt. Nicht bloß die reine Zahl der Besucher (sechs Wochen vor Schluß sind mehr als 850.000 gezählt, mit 700.000 hatten die Veranstalter insgesamt gerechnet) sprengt die gewohnten Maßstäbe.
Es ist nicht das hergebrachte Event-Publikum, wie es auch andere geschickt inszenierte Ausstellungen zu Erfolgen macht; je länger die Schau dauert, desto größer wird vielmehr der Anteil der Besucher, für die die ästhetischen Distinktionen der Kunstwelt sonst keine Rolle zu spielen scheinen. Die Kunstwelt feiert das ihrerseits nicht als späten Triumph der Avantgarde ("Kunst fürs Volk"), sondern sie beharrt auf der Differenz und verwendet gar den verächtlichen Ausdruck "Spießer" ("Jede Oma rennt ins MoMA").
Opferhandlung statt Kulturkonsum
So wie die Gastausstellung des New Yorker Museum of Modern Art in Berlin angelegt ist und von den Massen akzeptiert wird, geht es da weniger um einen hedonistischen Akt des Kulturkonsums als um eine Opferhandlung. Bis zu neun Stunden betragen die Wartezeiten, bevor das Publikum in das Innere der Schau eintreten darf. Die kaum je unterbrochene Schlange rund um die Neue Nationalgalerie gehört zum sorgsam gepflegten Bild eines Kults, wie ihn die Moderne sonst nur von den Mausoleen Maos und Lenins her kennt. Der asketische Charakter dieses Ritus wird durch diverse Spaßaktionen von Gauklern und Ikea-Abgesandten, die Hocker verleihen, nur notdürftig verschleiert. Denn in ein halbwegs rationales Aufwand-Nutzen-Kalkül vermag sich das stundenlange Warten nicht zu fügen. Wie müßte eine ästhetische Offenbarung beschaffen sein, die eine solche Mühe jenseits der gewohnten Maßstäbe rechtfertigt?
Die Askese geht in der Ausstellung selbst weiter. Die Massen sammeln sich nicht allein vor den "schönen" Bildern, vor Monets "Seerosen" oder dem "Tanz" von Matisse. Man schont sich nicht. Duchamps Fahrrad-Rad zum Beispiel, das auf einem kleinen Podest steht mit der Beschriftung "Berühren verboten", bleibt nie allein. Immer stehen hier Menschen mit Kopfhörern am Ohr, die minutenlang sehr konzentriert auf das Rad gucken. Kaum einer erlaubt sich einmal ein Lächeln, geschweige denn ein Lachen, und wenn, dann nehmen sich die Gesichtszüge so rasch wie möglich wieder in den Griff. Der Katalog kommentiert zu Duchamp, Kunst werde immer wichtiger in einer Zeit, in der wir keine "Sinngebung erhalten, die von einer homogenen Kultur ausgeht". Ernst, vielleicht etwas verdrossen laufen die Leute weiter.
Eine Atmosphäre angestrengtester Bereitwilligkeit
Bei Ad Reinhardts "Abstraktem Gemälde" in monochromem Schwarz gehen sie ganz nah heran, gucken von der Seite, treten dann wieder zurück und blinzeln. Eine junge Frau sagt zu ihrer Freundin: "Man muß es auf sich wirken lassen" und lange Augenblicke später: "Es hat schon eine Wirkung." Ein Mann fuchtelt mit den Händen vor dem Bild herum und erklärt seiner Frau die verborgene Struktur im Schwarz. Es herrscht eine Atmosphäre angestrengtester Bereitwilligkeit. Die Zeiten sind vorbei, da man eine solche Ausstellung besucht, um sich gehen zu lassen mit seinen Ressentiments. Alle wollen hier verstehen, lernen, und neigen in Demut ihr Haupt. Die wichtigste Demutsformel besteht im Anlegen der Kopfhörer, über die der Besucher belehrt wird, weshalb jedes einzelne dieser "bedeutendsten Meisterwerke des zwanzigsten Jahrhunderts" tatsächlich so bedeutend und ein Meisterwerk ist.
Ein Zuckerschlecken sind auch die Klassiker nicht. Denn wenn die Abbilder, ob Dalí oder Modigliani, auf Plakaten und Kaffeetassen erst einmal zur normalen Ausstattung der Lebenswelt gehören, ist es gar nicht so einfach, der Konfrontation mit dem Urbild ein besonderes Erlebnis abzugewinnen. Ratlos, über- und unterfordert zugleich steht man vor dem Original und ringt um Fassung. Der Schriftsteller Walker Percy hat einmal behauptet, daß sogar "Glückliche es mit ihrem Glück in einem Museum schwerer" hätten als andernorts. Die Luft sei dort nämlich voller "gefräßiger Teilchen, welche sowohl den Gemälden als auch dem Betrachter an die Substanz gehen". Die gefräßigen Teilchen machen die Bilder unsichtbar: Die Erwartungshaltung, die die Institution Museum erheischt, zehrt deren Gegenstände auf.
Ein Sonderpreis für Wirtschaftskommunikation
Um wieviel mehr gilt das für ein Museum, das nicht einfach Bilder, sondern wiederum ein Museum zeigt - und zwar ein Museum, das den Inbegriff von allem heute Geltenden repräsentieren soll. Einschüchternd wirkt da nicht allein die Kunst als autoritäre Gebärde ("bedeutendste Meisterwerke"!), sondern ein geschlossenes normatives System, das sich "Moderne" nennt. So steht man vor den Hopper-Bildern, der Tankstelle oder dem Haus am Bahndamm, und sieht, was einem das Signum zu sehen nahelegt: Entfremdung, Unbehaustheit, die "Male der Zerrüttung" (Adorno). Aufgehoben indessen in Unkonventionalität, Individualität, Freiheit. Die Epoche wird damit abgeschlossen und neutralisiert zur "einprägsamen Marke". Kürzlich hat die Ausstellung einen Sonderpreis für Wirtschaftskommunikation erhalten.
Der Initiationsritus findet im "MoMA-Shop" seinen Abschluß. Selbst die hier zu erwerbenden Uhren und Milchbecher haben durch den Ort Anteil an der originalen Magie, der sich niemand entziehen darf. "Man muß absolut modern sein", wispert es aus jeder "Pollock bag" und jedem "momakissen". Die kühne Aufforderung klingt plötzlich etwas repressiv.