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Modigliani in Bonn : Die Rätsel des neuen Pygmalion

Amadeo Modigliani ist einer der populärsten Maler der Moderne - und einer der meistgefälschten. Lange gab es keine Retrospektive mehr in Deutschland. Jetzt hat in Bonn eine Ausstellung eröffnet. Was macht Modiglianis Bilder aus?

          Amadeo Modigliani gehört zu den wenigen Malern, die dauerhaft ohne Kunsthistoriker auskommen. Während sich das Werk des Malers über Plakate, Kalender, Postkarten und Buchtitel - erotische Romane wie Philip Roths „Sterbendes Tier“ werden vorzugsweise mit einer Nackten von Modigliani bebildert - in Privathaushalten geradezu rasend ausbreitete, sah man in den großen Museen der Welt nur wenig Bedarf, Modigliani Retrospektiven zu widmen: In Deutschland gab es seit 1945 bloß drei größere Ausstellungen - 1963 in Frankfurt, 1991 in Düsseldorf und jetzt in Bonn -, in den Vereinigten Staaten, wo Modigliani 1951 im MoMA und dann erst wieder 2004 im New Yorker Jüdischen Museum gezeigt wurde, nur zwei.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Seinen durchschlagenden Erfolg beim Publikum konnte diese Zurückhaltung nicht behindern, wobei zur Popularität auch seine Biographie beitrug: 1884 in Livorno geboren, studierte Modigliani in Florenz und Venedig und kam schließlich nach Paris, wo er den Avantgarden um Picasso, Archipenko und Brancusi begegnete, in sieben Jahren über dreihundert Gemälde schuf und ein insgesamt recht exzessives Leben führte, das mit einem Doppeltod endete: Am 24. Januar 1920 starb Modigliani im Alter von nur 35 Jahren in Paris an Tuberkulose, seine damals hochschwangere Lebensgefährtin, die begabte, von ihren Eltern wegen der Liaison mit Modigliani verstoßene Malerin Jeanne Hébuterne, nahm sich einen Tag nach seinem Tod das Leben.

          Exzessive Außenseiterfigur

          Diese tragische Geschichte wurde von Freunden und Händlern schnell vermarktet, um Modigliani im reichen Konkurrenzfeld der Pariser Avantgarde als kunstgeschichtliche Ausnahmeerscheinung zu etablieren - mit Erfolg. Absinth, Haschisch, Drogen, Sex, Krankheit, früher Tod: ein Kunstverständnis, das im Künstler eine entsicherte, allem wohltemperiert Bürgerlichen entgegenstehende, exzessive Außenseiterfigur sehen wollte, fand in Modiglianis Leben seine ideale biographische Bestätigung. Mit Modigliani entstand der Typus des göttergleich aussehenden, schnell lebenden, jung sterbenden Pop-Idols, dem später James Dean, Jim Morrison und Basquiat folgten. Entsprechend zahlreich sind die Verfilmungen und Bücher, die Modigliani als einsames Genie feiern und außer Acht lassen, dass er schon zu Lebzeiten eifrig kopiert wurde.

          Spätestens als 1922 der amerikanische Millionär Albert C. Barnes sechzehn Modiglianis kaufte, setzte dazu eine rege Fälschungstätigkeit ein. In einem Interview mit Dora Vallier erklärte der Maler Fernand Léger, nicht nur habe er, um Geld zu verdienen, „fünfundzwanzig falsche Corots“ gemalt, von denen er nicht wisse, wo sie abgeblieben seien, sondern habe vor allem „die falschen Modigliani, die Kollegen von mir gemacht hatten, in Amerika“ wiedergesehen. Einige Fälscher wie Elmyr de Hory wurden selbst berühmt. Entsprechend umstritten sind Zu- und Abschreibungen heute. In einem lesenswerten Beitrag des ansonsten offensichtlich hektisch produzierten Bonner Katalogs wird mit großer Akribie die Modigliani-Fälschungsgeschichte dargestellt; fünf Werkverzeichnisse konkurrieren miteinander, vor allem zwei Experten führen demnach einen erbitterten Kampf gegeneinander - Christian Parisot, dem von Modiglianis Tochter das „droit morale“ und damit die Hoheit über Zu- und Abschreibungen übertragen wurde, und Marc Restellini, Leiter der Pinacothèque de Paris.

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