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Modigliani-Fälschung Ware und Wahrheit

In Italien wurde der Modigliani-Kenner Parisot verhaftet. Er soll zahlreiche Fälschungen als Originale ausgewiesen haben.

© Archiv Vergrößern Echt schön oder nur schön: Experten zweifeln am „Liegenden Frauenakt“

Wer im Frühsommer 2009 durch die groß angekündigte Modigliani-Ausstellung in der Bonner Bundeskunsthalle ging, hätte die Gewissheit haben sollen, dass er für sein Eintrittsgeld nur Originale zu sehen bekam. Tatsächlich waren daran schon vor der Eröffnung massive Zweifel angebracht. Auf den Bilderlisten fanden sich Werke, die schon bei anderen Gelegenheiten aufgefallen waren: als schwach, als zweifelhaft oder - nach Meinung angesehener Fachleute - als falsch. Ein „Liegender Akt (Céline Howard)“ etwa, den in seltener Einigkeit sowohl die Experten von Christie’s als auch von Sotheby’s als zweifelhaft abgelehnt hatten. Die Anatomie stimmte nicht, die Signatur sah merkwürdig aus, die Farben waren zu flach, die Provenienz dürftig. Außerdem stritten in den Vereinigten Staaten zwei Kunsthändler um die Leinwand, die beide behaupteten, sie hätten das Recht des Weiterverkaufs.

In Bonn war der Akt trotzdem so prominent gehängt wie ein ebenfalls zweifelhaftes Frauenporträt, das unmittelbar nach Ausstellungseröffnung per Kleinanzeige zum Kauf angeboten wurde. Kunsthallenintendant Christoph Vitali hatte trotz Warnungen auf das falsche Pferd gesetzt und als Gastkurator einen Mann verpflichtet, den die eine Hälfte der Kunstwelt für die maßgebliche Kapazität in Sachen Modigliani hält - und die andere für einen windigen Kunsthistoriker, der mit dem Namen des Künstlers viel Geld zu verdienen versucht. Dieser zweiten Hälfte hat die italienische Polizei vorläufig recht gegeben. Wegen des Verdachts, er habe bewusst Fälschungen als Originale zertifiziert, wurde Christian Grigori Parisot, selbsternannter „Präsident der Archives Legales Amedeo Modigliani“ mit Sitz in Rom, verhaftet. Außerdem beschlagnahmten die Behörden in Italien und in der Schweiz 41 Zeichnungen, 13 Papierarbeiten, vier Bronzen und ein Ölgemälde im Wert von 6,65 Millionen Euro und nahmen einen Kunsthändler fest, mit dem Parisot zusammengearbeitet hatte.

Christian Parisot © ddp images/AP/DOMENICO STINELLIS Vergrößern Kenner oder windiger Geschäftsmann? Christian Parisot

Parisot galt jahrzehntelang als unumgängliche Instanz, wenn es um Zertifikate für Modigliani-Arbeiten geht, selbst Sotheby’s und Christie’s boten kaum ein Werk ohne Hinweis auf ihn an. Schuld daran ist das französische Recht. Mitte der siebziger Jahre hatte Parisot bei Recherchen für seine Doktorarbeit Jeanne Modigliani kennengelernt. Die Künstlertochter übertrug bei ihrem Tod 1984 dem Freund testamentarisch das „Droit morale“. Danach haben in Frankreich nur die Erben eines Künstlers oder von ihr weiter beauftragte Personen das Recht, über ein Œuvre zu wachen - und auch über echt und falsch zu entscheiden. Weil sich die Rechtehüter von Sammlern für ihre Expertisen bezahlen lassen können, ist das „Droit morale“ eine lukrative Einnahmequelle. Parisot übernahm von Jeanne Modigliani deren private Erinnerungsstücke an ihren Vater, veröffentlichte im Jahre mehrere Dutzend Bücher und Kataloge, verantwortete mehrere Dutzend Ausstellungen auf der ganzen Welt - und begann irgendwann, obwohl es schon mehrere andere gab, mit der Veröffentlichung eines eigenen Modigliani-Werkverzeichnisses.

In der Vergangenheit fiel der umtriebige Nachlassverwalter allerdings auch dadurch auf, dass er in Ausstellungen und Publikationen neue Arbeiten als Werke von Modiglianis Hand präsentierte. Ein „Liegender Frauenakt“ zum Beispiel, den Parisot 1996 im vierten Band seines Werkverzeichnisses als authentisches Werk publiziert hat, enthält laut dem Direktor der Pinacotèque de Paris und Modigliani-Kenner Marc Restellini nach materialtechnischen Untersuchungen des University College London in mehreren Schichten Titaniumweiß - einen Farbzusatz, den Modigliani nicht verwenden konnte, weil er erst nach seinem Tod in den Handel kam.

In Spanien ließ die Polizei 2002 sogar eine von Parisot verantwortete Ausstellung schließen und 77 darin gezeigte Zeichnungen beschlagnahmen, die angeblich von Modiglianis Geliebter, Jeanne Hébuterne, stammten. Auch in der Obhut der französischen Polizei befinden sich inzwischen mindestens drei Gemälde, die Parisot Modigliani zugeschrieben hat, deren Echtheit aber zumindest umstritten ist.

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Im Herbst 2007 überraschte Parisot dann die Kunstwelt bei einer Pressekonferenz in Belgrad mit der Enthüllung, auch dort sei ein unbekanntes Modigliani-Gemälde gefunden worden. Das angeblich 1918 entstandene Bildnis eines jungen Mannes mit leicht gewelltem Haar gehöre einem Serben, der nicht mehr in seiner Heimat lebe. Insgesamt 17 Jahre habe es gedauert, die Echtheit des Bildes zu bestätigen. Wie, wann und wo der serbische Besitzer das Gemälde erworben haben soll, wurde nicht mitgeteilt.

Die Vorwürfe, die gegen ihn erhoben werden, seien das Ergebnis einer „Hexenjagd“, hat Parisot danach verlauten lassen. In einem großen grundsätzlichen Verfahren werde er alle Anschuldigungen widerlegen - auch jene, bei den in Spanien gezeigten Hébuterne-Zeichnungen handele es sich um Fälschungen. Stattgefunden hat dieser Prozess bislang allerdings nicht. Nun wird sich Parisot erst einmal wieder selbst den Richtern stellen müssen.

Quelle: F.A.Z.

 
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