25.12.2008 · Vier junge deutsche Künstler wollen im Bergdorf Olevano bei Rom eine Kirche bauen, wie es sie noch nicht gab. Eine Überraschung für die Kunstwelt. Doch in den letzten Jahren sind die Bande zwischen Kirche und moderner Architektur wieder auffallend eng geworden.
Von Niklas Maak, OlevanoNoch ist es leer hier oben, ein paar alte Eichen stehen am Hang, eine Felswand ragt so pittoresk in die Höhe, als hätte sie der Maler Josef Anton Koch, der hier oft und gern war, dort persönlich hingemalt. Unten im Dunst liegt das Tal von Palestrina. Dort, im antiken Praeneste, hatten die Römer der Fortuna Primigenia ein großes Heiligtum errichtet; später wurde nicht weit entfernt, bei Subiaco am Oberlauf des Aniene, das Kloster San Benedetto gebaut – über der Höhle, in der Benedikt von Nursia im sechsten Jahrhundert drei Jahre lang als Einsiedler lebte. Die Gegend ist wichtig für die Kirchengeschichte, aber dass vier bekannte deutsche Künstler auf dem Bergsattel oberhalb des Orts Olevano, fünfzig Kilometer vor Rom, eine Kirche bauen werden, ist nicht nur für die Kunstwelt eine Überraschung.
Dabei sind die Bande zwischen Kirche und moderner Architektur schon seit ein paar Jahren wieder auffallend eng, und die besten Häuser der deutschen Architektur waren in den vergangenen Jahren oft Sakralbauten: Andreas Meck entwarf für München-Riem eine Aussegnungshalle, die so elegant, konzentriert und schön ist wie sonst kein Haus für die Lebenden dort; Allmann, Sattler und Wappner bauten ebenfalls in München die Herz-Jesu-Kirche, deren Fassade wie ein großes Himmelstor auffährt. Natürlich sind Kirchen dankbare Bauaufgaben für Architekten: Es muss außer Altar und Kreuz nicht viel untergebracht werden, kein Abflugschalter, keine komplizierten Entlüftungsrohre, keine häßlichen Rolltreppen; die Menschen müssen nicht effizient herumgeschleust werden, sondern dürfen da sein und sich selbst, die Gemeinschaft, die Schönheit des Lichtspiels auf den Wänden erleben – also die Schöpfung, sagt die Kirche; also das, was Architektur wirklich ausmacht, sagt der Architekt.
Einen Gegenraum bauen, der anderen Gesetzen gehorcht: Das begeisterte den Schweizer Architekt und Raummystiker Peter Zumthor so sehr, dass er auf sein Honorar verzichtete und in der Eifel die Bruder-Klaus-Kapelle entwarf, einen von örtlichen Bauern angeregten und ausgeführten, zwölf Meter hohen Andachtsraum. Vor ein paar Monaten schließlich segnete der Weihbischof die neuen Räume des von Andreas Hild umgebauten Franziskanerklosters Sankt Anna.
Aus einem Gedanken werden Grundstück und Name
Trotzdem ist das Kirchenbauprojekt in Olevano eine Ausnahme – gerade weil es zum größten Teil nicht von Architekten, sondern von jüngeren, zwischen 1965 und 1973 geborenen Gegenwartskünstlern vorangetrieben wird, denen man alles, aber keine religiösen Sensibilitäten zugetraut hatte. Der aus dem weitgehend religionsneutralen ehemaligen Karl-Marx-Stadt stammende Carsten Nicolai, der Maler Matthias Weischer und der Bildhauer Stefan Mauck wollen zusammen mit dem Architekten Rudolf Finsterwalder eine Kirche bauen, die für das 21. Jahrhundert werden soll, was Le Corbusiers berühmte, 1955 in den Vogesen geweihte Kapelle von Ronchamp für das davor war.
Wie kam es dazu? Alle vier waren 2007 Stipendiaten der Villa Massimo in Rom, die unter der Leitung von Joachim Blüher wieder zu einer lange vermissten intellektuellen Blüte gefunden hat. Hier diskutierten die Stipendiaten im vergangenen Jahr über Formstrenge und ästhetischen Reichtum, über das Heilige und das Profane, über zweckbefreite Räume, und der Finsterwalder hielt einige Ergebnisse, sozusagen als architektonisches Protokoll, in einem Bozetto fest. Davon, eine Kirche zu bauen, war keine Rede. Dann wurde Blüher aktiv. Die Villa Massimo hat eine Zweigstelle in Olevano, die Casa Baldi. Olevanos ehemaliger Bürgermeister Guido Milana ist mittlerweile Parlamentspräsident von Latium; Blüher sprach mit ihm, begeisterte den Bischof von Palestrina, Monsignore Domenico Segalini, für den Entwurf – und plötzlich hatte das, was als abstrakt-formales Spiel begonnen hatte, nämlich einen aus dem Alltag herausgelösten Gegenraum zu schaffen, ein Grundstück und einen Namen: Kirche.
Mitarbeit am Gesamtkunstwerk
Man wird den Eindruck nicht los, dass die Stipendiaten geradezu verdattert waren, wie schnell unter Blühers Regie aus den ins Nichts hineingesponnenen ästhetischen Theorien ein konkretes Bauvorhaben – und wie schnell sie, die mit einer dezidiert antiklerikalen Avantgarde aufgewachsen waren, zu Repräsentanten einer Erneuerung der Bande von Kunst und Religion wurden.
Inzwischen hat sich Gianfranco Ravasi, der vatikanische Kulturminister, des Kirchenbauprojekts angenommen, die italenische Wirtschaft signalisiert trotz Krise Spendenbereitschaft. Wenn Blüher die vier Millionen Euro, die er braucht, zusammenbekommt, wird sich Weischer, der mit subtilen Raumgemälden bekannt wurde, als Kirchenmaler wiederfinden; Mauck wird Holzreliefs schaffen; Nicolai, dessen experimentelle Klang- und Lichträume zuletzt in Frankfurt und Hamburg ausgestellt waren, soll sich besonders um Lichtführung und Akustik kümmern. Alle drei Bildenden Künstler werden dabei nicht nach, sondern gemeinsam mit dem Architekten tätig, was immer wichtig ist, wenn statt Kunst am Bau am Ende ein Gesamtkunstwerk herauskommen soll.
Liturgische Basisarbeit
Die Grundidee des Architekten Rudolf Finsterwalder basiert auf der Form einer Schneckenwindung: Man betritt die Kirche wie ein gigantisches Muschelhaus durch einen gebogenen Gang, in dem das von außen hereinscheinende Licht immer mehr abnimmt und teils durch künstliches, teils durch kanalisiertes Tageslicht ersetzt wird. Zwischendurch zweigt eine kleine Seitenkapelle ab, die den Blick auf den Fels freigibt. Diese „Promenade Architecturale“ hat – wie die Schneckenform – einen berühmten Vorläufer in Le Corbusiers Kapelle von Ronchamp, einem Bau, sagt Finsterwalder, der ihn besonders beschäftige, weil „Le Corbusier, anders als Richard Meier mit seiner Kirche in Rom, die vor allem ein Meier-Bau ist, sich intensiv mit liturgischen Fragen auseinander setzte“. Das tun die deutschen Kirchenbauer auch – bisher trafen sie sich schon viermal zur liturgischen Belehrung mit dem Benediktiner Abtprimas Notker.
Auch Le Corbusier hatte seine Kirche um die Liturgie herum gebaut – was man ihr nicht ansah: Kein Basilikagrundriss, keine klassische Apsis, das schwere Betondach sackte in die rauhen Wände, Licht rieselte durch die indisch oder arabisch anmutende Südwand, gegenüber fiel dafür das Morgenlicht als greller Strahl durch eine Schneise, als wäre man mitten in einer klassischen Verkündigungsszene. Le Corbusiers Kapelle knüpfte eher emotional als formal an eine christliche Ästhetik an. Sie erinnerte gleichzeitig an nichts – jedenfalls nicht an klassische Kirchen – und an viel: Abbé Ferry schrieb begeistert, endlich sei es der modernen Architektur gelungen, die urchristliche Atmosphäre „der Katakomben, alter Basiliken und alter romanischer Kirchen“ wachzurufen.
Manche Dinge sind heilig
Vielleicht wird auch der Spiralbau von Olevano für eine Wende im Verhältnis von Kirche und Kunst stehen – denn in den vergangenen Jahrzehnten war von dem Anspruch der Kirche, auch mit den Mitteln der Architektur eine andere Welt, ein denkbares anderes Leben (metaphysisch als jenseitiges Heilsversprechen, ethisch als Handlungsanleitung für ein besseres Diesseits) vor Augen zu führen, nicht mehr allzuviel übrig geblieben: Kirchen sahen aus wie Sporthallen mit Turm und Altar, das Mobiliar konnte man wegräumen, und dieser übergroße Hang zum Praktischen und zur Alltagsnähe machte sich auch akustisch unschön bemerkbar. Bei Gottesdiensten, Hochzeiten und Konfirmationen wurde den Anwesenden ein verschämt um religiöse Mitteilungen ergänzter, gefühliger Pop in die Ohren geblasen, der die ganze Misere offenbarte, den Denkfehler einer Kirche, die sich so alltagsnah gab, dass man sie zum Schluss gar nicht mehr erkennen konnte. Die neuen Kirchenbauten zeigen, dass dem Sakralen alltagsweltferne Räume deutlich besser bekommen als der Mehrzweckhallenpop, durch den die Kirche mit einer Welt identisch werden wollte, die sich nach nichts so sehnte wie nach ihrem Gegenteil.
Dass ein guter Kirchenbau auch die Kirche selbst verblüffen kann, zeigte sich in Ronchamp. Die Kunstbeauftragten der Erzdiözese Paderborn waren entgeistert, sie verureilten 1955 das Bauwerk scharf, stellten „mit Besorgnis fest, daß diese Kirche ein nicht zu überbietendes Beispiel von Neuerungssucht, Willkür und Unordnung ist und den sakralen Charakter völlig vermissen“ lasse und empfahlen ihren Gäubigen, das numinose Betonding möglichst zu meiden. Ob er überhaupt religiös sei, wollte man bei der Einweihung wissen, worauf Le Corbusier antwortete: „Manche Dinge sind heilig, manche sind es nicht“; dann ging er und ließ die Fragenden mit dem Bau allein.