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Modeausstellung in Zürich : Als die Männer noch Bein zeigten

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Künstler, die über Mode nachdenken, und eine Ausstellung, die über den Wert von Textilien und Kleidung philosophiert: Die Schau „Fashion Drive“ in Zürich nimmt die Mode anhand ihrer extremen Auswüchse ernst.

          Der Catwalk wandert seit einigen Jahren vermehrt ins Museum. Modeaustellungen sind schwer in Mode, seit 2015 waren unter anderen zu sehen: Jean Paul Gaultier in München, Karl Lagerfeld in Bonn, Alexander McQueen, Balenciaga und die Geschichte der Unterwäsche in London, Jil Sander in Frankfurt. Was bei solchen Ausstellungen im schlechtesten Fall herauskommt, zeigte kürzlich die „Gianni Versace Retrospective“ in Berlin, die nur ein liebloses Drapieren von Kleidern auf Schaufensterpuppen ohne kuratorische Einordnung war.

          Was bei einer Mode-Ausstellung dagegen im besten Fall herauskommt, zeigt jetzt das Kunsthaus in Zürich. Dort werden nicht Modeschöpfer präsentiert, die sich als Künstler verstehen, sondern Künstler, die über Mode nachdenken. Eine Verschmelzung von Kunst und Kommerz wollten die Kuratoren Cathérine Hug und Christoph Becker offenbar unbedingt vermeiden. In Zürich werden über 200 Gemälde, Grafiken, Installationen, Videos und einige wenige ausgewählte Kleidungsstücke präsentiert, in einem chronologischen Parcours von der Renaissance bis in die Gegenwart, der keine lineare Geschichte erzählt, sondern schlaglichtartig einzelne Aspekte beleuchtet. Dabei sind sechzig Künstler, etwa William Larkin, Élisabeth Vigée-Lebrun, Hyacinthe Rigaud, Manet, Dalí, Meret Oppenheim, Michelangelo Pistoletto.

          Frauen gelten heute gemeinhin als das schöne Geschlecht. Sie inszenieren ihre Weiblichkeit, tragen Rouge auf und Lippenstift, rasieren sich die Beine und präsentieren sie mal in Hotpants, mal in Röhrenjeans, mal in blickdichten Strumpfhosen und High Heels. Modeexpertin und Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken wies bereits vor einigen Jahren darauf hin, dass die gegenwärtigen, so kunstvoll in Szene gesetzten Beine der Frauen die alten Beine der Männer seien. Denn einst waren es die Männer, die einen starken, schnellen, potenten Körper zur Schau stellten, sich mit bunten Stoffen, Seide, Samt, Federn, Pelz, Puder und Perücken herausputzten.

          Der Jüngling mit den schönen Beinen

          Man kann das in Zürich hervorragend nachvollziehen an einem Porträt (1564) des spanischen Infanten Don Carlos von Alonso Sánchez Coello. Don Carlos’ schlanke Beine stecken in gelben Seidenstrümpfen, optisch verlängert durch Schuhe in ähnlichen Farben. Er trägt eine Heerpauke, eine knappe Hose, die an einen Minirock erinnert, ein Wams, aus dem an Ärmeln und Kragen weiße Hemdspitze quillt, einen mit aufwendigen Knöpfen verzierten Mantel und um die Hüfte einen Gürtel mit Goldapplikationen, an dem ein Schwert baumelt, auf das er, stets kampfbereit, die Hand gelegt hat. Zwischen den bestrumpften Beinen ragt aus seinem Schritt – eine Banane? Bei der gelben aufgerichteten Lustbeule handelt es sich um eine Schamkapsel, eine in der damaligen Mode unterschiedlich gestaltete Verdickung im Bereich des Genitals, die männliche Potenz signalisieren sollte. Sogar in Rüstungen hämmerte man Beulen, etwa in die eines Reichsfreiherrn von 1523. Das Eisen ahmt zudem kunstvoll textile Stofflichkeit nach, die voluminösen Ärmel scheinen in Falten gerafft und sind von schlitzartigen Kerben durchzogen.

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