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Mode und Fotografie : An der Schnittstelle zur Zukunft

  • -Aktualisiert am

Einmal im Jahr trifft sich die Modewelt in einer Villa bei Hyères. Das Festival an der Südküste Frankreichs gilt als Sprungbrett für junge Designer. In der schwebenden südfranzösischer Atmosphäre zerfließen die Kategorien der Kunstkritik auf angenehmen Weise.

          Verglichen mit dem, was zweimal jährlich in New York, London, Mailand und Paris auf und neben den Laufstegen passiert, mutet das „Festival International de Mode et de Photographie“ im südfranzösischen Hyères wie ein gemütliches Sommercamp an. Jedes Jahr pilgert die Modewelt an die Côte d'Azur, wo dann jeweils zehn junge, internationale Modedesigner und Fotografen ihre Werke ausstellen. Für jeden von ihnen ist es die erste Ausstellung, die erste Präsentation, aber wer es in die Villa Noailles nach Hyères schafft, kann sich sicher sein, dass er in den entscheidenden Kreisen diskutiert wird.

          Vor genau zweiundzwanzig Jahren suchte sich der bis heute amtierende Veranstalter Jean-Pierre Blanc dieses von Robert Mallet-Stevens erbaute Haus aus, um dort eine Tradition fortzusetzen, die schon in den zwanziger Jahren, damals allerdings nicht mit Mode und Fotografie-, sondern mit Kunstausstellungen, begann - die Förderung einer neuen Künstlergeneration. Für bekannte Größen der Branche wie Viktor & Rolf und für Nachwuchsstars wie das Berliner Duo C. Neeon war Hyères das Sprungbrett, und auch dieses Jahr traf man sich wieder in der Villa über Hyères, um zu schauen, an seinen Netzwerken zu arbeiten und insgesamt sehr kunstsinnig unter sich zu sein.

          Dramen der Mode

          Die Villa Noailles ist sicherlich das versteckteste Zentrum der Modewelt. Von Hyères aus fährt man durch das Labyrinth der Altstadt über schmale Serpentinen den Sentier Saint-Pierre hinauf, zwängt den Mietwagen auf eine abenteuerliche Schräge und wandert wieder hinunter zur Villa. Vom VIP-Parkplatz zum Garten führt ein unregelmäßig gepflasterter Weg, der das sichere Ende jeder High Heels ist. Man sah Frauen aus Paris, die sich an den Felsen entlanghangelten, Herren auf feinen Ledersohlen schlingerten wie auf Glatteis und dann: schwerer Fliederduft überall, weiße Liegen auf dem Rasen im Garten der Villa. Eine riesige Hängematte lädt ein zum Dösen in der Sonne, man schaut aufs strahlend blaue Meer, hinweg über die Dächer Hyères. Kein Laufsteg-, Absperrungs-, Blitzlichtgewitter-, Termindruckterror: Scheinbar ganz nebenbei kann man für sich das entdecken, was einem vielleicht später einmal wieder woanders, in einem professionelleren Umfeld, begegnen wird.

          Dazu gehört ganz sicher das, was der britische Modedesigner Matthew Cunnington macht. Mit „Hail Mary“ präsentierte er eine handwerklich phantastische Damenkollektion, die aus schweren, dicken, oft wollartigen Stoffen gefertigt war - und leider zusammen mit einer wirren Geschichte präsentiert wurde. Die Mutter des Designers, erklärte dieser, sah sich 1969 gezwungen, ihre uneheliche Tochter zur Adoption freizugeben. Cunnington behauptet, er reflektiere dieses familiäre Drama in seiner Mode - jede Naht seiner sieben schwarzen Kleider wird so als in Stoff gepresstes Unglück aufgeladen. Leider gibt es in der Mode wie in der Kunst immer wieder Versuche, dem tatsächlich zu Sehenden nachträglich Relevanz durch eine ungeheuerliche Geschichte zu geben, was im Falle Cunningtons völlig überflüssig ist: Die Kleider selbst, die teilweise mit der geschlossenen Form von Etuikleidern spielten und großartige Details auwiesen wie nach außen gekehrte Taschen, überraschende Stoffzusammenrottungen und kunstvoll verschobene Armausschnitte - diese Kleider also hatten eine Präsenz, an die keine der anderen Kollektionen heranreichte.

          Form, Funktion und Sinn

          Eines der Kleider sah zunächst aus wie ein zerfetzter Lappen; angezogen zeigte sich, dass die scheinbar chaotischen Risse und Löcher gezielt gesetzt und Teil eines Experimentes waren: Wie weit kann man eine Form auflösen, ohne dass sie ihren Sinn - den Schutz des Körpers - verliert? Auch die Jury war überzeugt und verlieh ihm den Grand Prix des Festivals.

          Einzige deutsche Teilnehmerin in Hyères war die Sechsundzwanzigjährige Miriam Lehle. Die Absolventin der Fachhochschule Pforzheim schafft Kleider, indem sie Stoffe aus Kunstfasern gezielt verschmort. So entstehen aus der Zerstörung eines Materials skulpturale, teils flockenartige, teils pilzgleich wuchernde, organisch wirkende Kleider, Überwürfe und Schmuckteile, die sich in ihrer ästhetischen Qualität deutlich fortbewegen von der Idee der Mode als Hülle des Körpers. Schade ist, dass Lehle hier nicht konsequent bleibt und ihre kunstvollen Entwürfe mit schlichten Kleidungsstücken wie Taillenbundhosen, Shorts und einfachen Hängerkleidchen kombiniert. Was möglicherweise als bewusster Kontrast beabsichtigt war, geht auf Kosten des Konzepts, dem es dadurch an Stringenz und Ausgereiftheit fehlt, Punkte, die in den Kollektionen der anderen Festivalteilnehmer sehr viel deutlicher zu finden waren - zum Beispiel bei dem belgischen Designer Jean-Paul Lespagnard.

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