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Mode und Fotografie An der Schnittstelle zur Zukunft

27.05.2008 ·  Einmal im Jahr trifft sich die Modewelt in einer Villa bei Hyères. Das Festival an der Südküste Frankreichs gilt als Sprungbrett für junge Designer. In der schwebenden südfranzösischer Atmosphäre zerfließen die Kategorien der Kunstkritik auf angenehmen Weise.

Von Mahret Kupka
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Verglichen mit dem, was zweimal jährlich in New York, London, Mailand und Paris auf und neben den Laufstegen passiert, mutet das „Festival International de Mode et de Photographie“ im südfranzösischen Hyères wie ein gemütliches Sommercamp an. Jedes Jahr pilgert die Modewelt an die Côte d'Azur, wo dann jeweils zehn junge, internationale Modedesigner und Fotografen ihre Werke ausstellen. Für jeden von ihnen ist es die erste Ausstellung, die erste Präsentation, aber wer es in die Villa Noailles nach Hyères schafft, kann sich sicher sein, dass er in den entscheidenden Kreisen diskutiert wird.

Vor genau zweiundzwanzig Jahren suchte sich der bis heute amtierende Veranstalter Jean-Pierre Blanc dieses von Robert Mallet-Stevens erbaute Haus aus, um dort eine Tradition fortzusetzen, die schon in den zwanziger Jahren, damals allerdings nicht mit Mode und Fotografie-, sondern mit Kunstausstellungen, begann - die Förderung einer neuen Künstlergeneration. Für bekannte Größen der Branche wie Viktor & Rolf und für Nachwuchsstars wie das Berliner Duo C. Neeon war Hyères das Sprungbrett, und auch dieses Jahr traf man sich wieder in der Villa über Hyères, um zu schauen, an seinen Netzwerken zu arbeiten und insgesamt sehr kunstsinnig unter sich zu sein.

Dramen der Mode

Die Villa Noailles ist sicherlich das versteckteste Zentrum der Modewelt. Von Hyères aus fährt man durch das Labyrinth der Altstadt über schmale Serpentinen den Sentier Saint-Pierre hinauf, zwängt den Mietwagen auf eine abenteuerliche Schräge und wandert wieder hinunter zur Villa. Vom VIP-Parkplatz zum Garten führt ein unregelmäßig gepflasterter Weg, der das sichere Ende jeder High Heels ist. Man sah Frauen aus Paris, die sich an den Felsen entlanghangelten, Herren auf feinen Ledersohlen schlingerten wie auf Glatteis und dann: schwerer Fliederduft überall, weiße Liegen auf dem Rasen im Garten der Villa. Eine riesige Hängematte lädt ein zum Dösen in der Sonne, man schaut aufs strahlend blaue Meer, hinweg über die Dächer Hyères. Kein Laufsteg-, Absperrungs-, Blitzlichtgewitter-, Termindruckterror: Scheinbar ganz nebenbei kann man für sich das entdecken, was einem vielleicht später einmal wieder woanders, in einem professionelleren Umfeld, begegnen wird.

Dazu gehört ganz sicher das, was der britische Modedesigner Matthew Cunnington macht. Mit „Hail Mary“ präsentierte er eine handwerklich phantastische Damenkollektion, die aus schweren, dicken, oft wollartigen Stoffen gefertigt war - und leider zusammen mit einer wirren Geschichte präsentiert wurde. Die Mutter des Designers, erklärte dieser, sah sich 1969 gezwungen, ihre uneheliche Tochter zur Adoption freizugeben. Cunnington behauptet, er reflektiere dieses familiäre Drama in seiner Mode - jede Naht seiner sieben schwarzen Kleider wird so als in Stoff gepresstes Unglück aufgeladen. Leider gibt es in der Mode wie in der Kunst immer wieder Versuche, dem tatsächlich zu Sehenden nachträglich Relevanz durch eine ungeheuerliche Geschichte zu geben, was im Falle Cunningtons völlig überflüssig ist: Die Kleider selbst, die teilweise mit der geschlossenen Form von Etuikleidern spielten und großartige Details auwiesen wie nach außen gekehrte Taschen, überraschende Stoffzusammenrottungen und kunstvoll verschobene Armausschnitte - diese Kleider also hatten eine Präsenz, an die keine der anderen Kollektionen heranreichte.

Form, Funktion und Sinn

Eines der Kleider sah zunächst aus wie ein zerfetzter Lappen; angezogen zeigte sich, dass die scheinbar chaotischen Risse und Löcher gezielt gesetzt und Teil eines Experimentes waren: Wie weit kann man eine Form auflösen, ohne dass sie ihren Sinn - den Schutz des Körpers - verliert? Auch die Jury war überzeugt und verlieh ihm den Grand Prix des Festivals.

Einzige deutsche Teilnehmerin in Hyères war die Sechsundzwanzigjährige Miriam Lehle. Die Absolventin der Fachhochschule Pforzheim schafft Kleider, indem sie Stoffe aus Kunstfasern gezielt verschmort. So entstehen aus der Zerstörung eines Materials skulpturale, teils flockenartige, teils pilzgleich wuchernde, organisch wirkende Kleider, Überwürfe und Schmuckteile, die sich in ihrer ästhetischen Qualität deutlich fortbewegen von der Idee der Mode als Hülle des Körpers. Schade ist, dass Lehle hier nicht konsequent bleibt und ihre kunstvollen Entwürfe mit schlichten Kleidungsstücken wie Taillenbundhosen, Shorts und einfachen Hängerkleidchen kombiniert. Was möglicherweise als bewusster Kontrast beabsichtigt war, geht auf Kosten des Konzepts, dem es dadurch an Stringenz und Ausgereiftheit fehlt, Punkte, die in den Kollektionen der anderen Festivalteilnehmer sehr viel deutlicher zu finden waren - zum Beispiel bei dem belgischen Designer Jean-Paul Lespagnard.

Entspannt euch!

Mit einem krassen Gegenprogramm zu den eher poetischen Ansätzen Cunningtons und Lehles präsentierte er unter dem Titel „Ich will 'nen Cowboy als Mann“, also in Anlehnung an den Schlager der dänischen Sängerin Gitte von 1963, eine Mischung aus belgischem Nationalstolz und kitschig überdrehter Cowboyromantik: Plateaustiefel, deren Absätze in Pommestüten steckten, rot-weiß geringelte glänzende Ganzkörperanzüge, aufwendig mit Comicmotiven bestickte Miniröcke und Kurzjacken, bodenlange Kleider aus alten Kinderbettbezügen, Chaps, die den Blick auf grün gepunktete, nackte Hintern freigeben. Glamour, Glitter und Dragqueenästhetik, die Spaß machten und an das inoffizielle Motto des Festivals erinnerten: détends-toi!

All dieser fliegenden Leichtigkeit gegenüber stehen die Kleiderskulpturen des portugiesischen Designers Felipe Oliveira Baptista. Neben tatsächlich zu tragender Mode, die er regelmäßig auf den Haute-Couture-Schauen in Paris präsentiert, interessiert ihn besonders die Form und das Verhältnis, das Körper und Kleid eingehen. Der Zweidimensionalität des Stoffes, der erst Form durch die Trägerin erhält, setzt er Kleidskulpturen entgegen, die den Körper der Frau wie eine Art Panzer umhüllen, schützen und gleichzeitig die Konturen des tatsächlichen Körpers verbergen: Das Kleid ist hier eher ein tragbares Haus, keine zweite Haut. Ganz nebenbei bekommen die Objekte dadurch eine ganz eigene Ästhetik, eine Grenze zwischen Mode und Kunst ist längst nicht mehr auszumachen.

Zerfließende Kategorien

Überhaupt ist alles in Hyères ein wenig fließender, als hätte es nie Kategorisierungen in Mode, Kunst und Fotografie gegeben. So geht es hier gar nicht so sehr darum, Abgrenzungen aufzuheben, sondern vielmehr darum, dass es sie vielleicht grundsätzlich nie gegeben hat - wie unter anderem die hier noch bis Anfang Juni ausgestellten Modefotografien des in Los Angeles lebenden Fotografen Melvin Sokolsky zeigen.

Im Souterrain der Villa werden großformatige Fotografien von Audrey Corregan gezeigt. Zu sehen sind überlebensgroße, seltsam lebendig wirkende Vögel, die sich vom Betrachter abwenden; sie wirken wie gemalt, bis ins Detail gestochen scharf vor ihrem seltsam surreal wirkendem blaugrauen Grund - so, als würden sich die Tiere jederzeit bewegen, schütteln, das Gefieder aufplustern, fortfliegen können, so präsent, selbstverständlich, gleichsam atmend sitzen sie da.

Auszeit im Modealltag

Von ähnlich verstörender Schönheit sind die Arbeiten der Deutschen Amira Fritz. Bunte, perfekt zusammengestellte Blumenarrangements, abgelegt auf einer Lichtung im Wald oder neben einer Wildhecke. Am Waldrand begegnen sich freie und gezähmte Natur. Leicht verschwommen und neblig, wie sie sind, erscheinen die perfekten Blumenzusammenstellungen fast irreal. Bei Amira Fritz spielt nicht nur das Bild, sondern auch der Entstehungsprozess eine entscheidende Rolle: Sie plaziert die Blumen und beobachtet aus einem Versteck heraus die Reaktionen vorbeikommender Spaziergänger, die sich ebenso wie der Betrachter der Bilder seltsam verwirrt fühlen müssen.

Nach drei Tagen dann ist der Hyères-Zauber vorbei. Das Festival ist zu Ende, die Sieger sind gekürt und in die vielversprechende Zukunft verabschiedet. Am Flughafen trifft man sich wieder, die Modemeute zieht ab: strahlende Gesichter, viele Küsschen und das Versprechen, nächstes Jahr einmal etwas länger zu bleiben im schönen Hyères. Wiedersehen wird man sich ohnehin bald, in Paris, Mailand, New York, auf den großen Schauen, im normalen Alltag, wenn alles wieder stressiger, unentspannter, arbeitsamer ist und eine Saison die andere jagt. Mindestens ein Positives hat die Hektik: Die Zeit vergeht schnell, und dann ist bald schon wieder Frühling und Hyères, drei Tage Auszeit, wie man sie sich als Modemensch besser nicht vorstellen kann.

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