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Mode aus vier Jahrhunderten : Was der Kleiderschrank erzählt

Wie die Silhouetten sich doch wandeln: Das Rijksmuseum in Amsterdam zeigt Mode aus Zeiten, da die Ansätze der Brustwarzen viel weniger anstößig waren als die Knöchel einer Dame.

          Das Rijksmuseum in Amsterdam verfügt über eine der bedeutendsten Modesammlungen Europas. Sie enthält Kleider aus dem frühen siebzehnten Jahrhundert, aus einer Zeit, in der normalerweise nie etwas aufgehoben wurde, und in diesem besonderen Fall auch nur, weil die Kleider von einem Helden getragen wurden, der für sein Vaterland starb. Ernst Casimir, Statthalter von Friesland, Groningen und Drenthe wollte im Juni 1632 gerade von seinem Pferd steigen und die Schützengräben inspizieren, die seine Truppen bei der Belagerung von Roermond ausgehoben hatten, als eine Kugel seinen Hut durchschlug und ihn tötete.

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Dieser breitkrempige Hut mit dem imposanten Loch in Stirnhöhe liegt nun in Amsterdam neben der Weste, die Ernst Casimir an seinem Todestag trug, und neben der Kniebundhose, die, abgesehen davon, dass sie zeigt, was für ein übergewichtiger Mensch der Statthalter gewesen sein muss, ein weiteres interessantes Detail aufweist: Ihre Knöpfe dienten nämlich nicht nur zur Dekoration, wie es gemeinhin noch üblich war, sondern tatsächlich schon zum Schließen der Hose. Der Statthalter war modisch weit vorn dabei.

          Ein Hochzeitskleid mit zwei Metern Spannbreite

          Eigentlich waren das alle, deren Kleider nun in der kleinen Schau „Catwalk“ zu sehen sind, denn natürlich war Mode, bevor sie zur Massenware und bevor Modeschöpfer zu Markennamen wurden, ein den Eliten vorbehaltenes Vergnügen. Und auf diese konzentriert sich die Ausstellung, die vor allem niederländische Mode von 1625 bis 1960 zeigt. Die einzige Ausnahme von dieser Regel, das 1965 von Yves Saint Laurent entworfene Mondrian-Minikleid, wird denn auch als Einziges nicht von einer hellen, sondern von einer dunkelfarbigen Puppe getragen und steht, auf einem fröhlich sich drehenden Podest, einer Armada von alten Reif- und Gehröcken gegenüber. Die Beinfreiheit, die es seiner Trägerin gewährt, macht allzu deutlich, woran es den anderen Modellen fehlt - an Bewegungsfreiheit nämlich. Sie war vor allem für Frauen lange nicht vorgesehen. Graziös hatten sie sich in Gesellschaft zu bewegen. Da durfte das Korsett ruhig eng und der Reifrock so ausladend sein, dass die zweiundzwanzig Jahre alte Helena Silcher bei ihrer Hochzeit im September 1759 sicher nur seitwärts durch die Türen passte: Der nur zu den Seiten, nicht nach vorn oder hinten ausspannende Reifrock ihres mit opulenten Blumen bestickten Hochzeitskleides maß an der breitesten Stelle zwei Meter. Es ist das einzige Kleid mit dieser Spannbreite, das aus Holland noch erhalten ist.

          Wie bei ihm geht es der Kuratorin Bianca du Mortier auch bei den anderen Ausstellungsstücken immer wieder um besondere Details, die mit Hilfe einer absolut außergewöhnlichen Ausstellungsarchitektur derart in Szene gesetzt werden, dass man gar nicht anders kann, als genau hinzusehen. Vor allem in dem Raum, welcher der Schau ihren Titel gab, weil er einen etwa fünfzehn Meter langen Laufsteg zeigt, auf dem sich sehr langsam etwa zwanzig Kleiderpuppen drehen, ist dem für die Gestaltung verantwortlich zeichnenden Fotografen Erwin Olaf ein kleiner Geniestreich gelungen: Er hat hier nicht nur eine mögliche Antwort auf die ewige Frage gefunden, wie man Mode, die doch eigentlich getragen, also in Bewegung sein soll, in einem Museum angemessen präsentiert. Er hat auch einen Weg aufgetan, zugleich die sich im Laufe der Zeit wandelnden Silhouetten und die jeweiligen Besonderheiten der einzelnen Kleider zu zeigen.

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