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Zum Tod von Jannis Kounellis : Wenn das Mobiliar am Galgen hängt

Jannis Kounellis nutzte flüchtige Materialien. Bild: TANIA/A3/CONTRASTO/laif

Kohle, Eisen, Stoff und Feuer: Jannis Kounellis, einer der großen Bildhauer des 20. Jahrhunderts, ist tot.

          Er tobt wieder, der alte Kampf zwischen Kunst und empörten Bürgern. Seit zwei Wochen prozessieren mit sich selbst identische Dresdner gegen die drei hochkant gekippten Reisebusse, die der Künstler Manaf Halbouni als Nachbild einer Straßenbarrikade von Aleppo vor der Frauenkirche installiert hat. Jetzt nannte „Die Zeit“ das Projekt „gründlich gescheitert“, weil es vorhandene Hassgefühle bestärke und „in naiver Weise vieldeutig und erklärungsbedürftig“ sei. Dabei könnte man der Arbeit eher vorwerfen, dass sie sehr leicht zu verstehen ist und man sie in der schnörkellosen Collage zweier Wirklichkeiten trotzdem gut finden kann. Nie muss Kunst selbsterklärend sein. Sie muss auch keinen Frieden stiften. Sie muss gar nichts. Aber wenn man sich etwas wünschen darf, dann vielleicht, dass sie ihre eigene Logik in oder gegen die Welt stellt. Solange sie das macht, wird der Konflikt nicht zu lösen sein: Die einen sehen Busse, die anderen nur sich selbst. Und wieder andere einen formal stimmigen Beitrag zur Skulptur unter Bedingungen ihrer globalen Zirkulation als Bild.

          Kolja Reichert

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Oder: Die einen sehen einen mit Möbeln gefüllten Leinensack, der von einem haushohen Galgen vor dem Schwäbisch Gmünder Münster baumelt. Die anderen einen Angriff auf die Kirche. Und wieder andere eine Kritik am Materialismus. Wochenlang standen die Gmünder 1992 wegen Janis Kounellis’ Installation für ein regionales Skulpturenprojekt Kopf. Jetzt darf man eher bedauern, dass die Balken im Lager morsch geworden sind und entsorgt wurden - hatte doch mit dem 1936 in Piräus geborenen Künstler einer der prägendsten Bildhauer des zwanzigsten Jahrhunderts vorbeigeschaut.

          Nach seinem Studium an der Kunstakademie, für das er 1956 mit seiner Frau nach Rom gezogen war, zeigte Jannis Kounellis 1960 in seiner ersten Einzelausstellung Leinwände mit rätselhaften Buchstaben, Zahlen und Pfeilen. 1967 schuf er seinen Beitrag zum Ende der Malerei, indem er ein zwei mal zwei Meter großes Leintuch an die Wand nagelte, die Ränder schlaff herunterhängend. Im selben Jahr ließ er Kakteen aus einem Eisenpodest ragen, als Antwort auf den Formalismus der amerikanischen Minimalisten. Stahl gehörte bis zuletzt zu Kounellis’ häufigsten Materialien, neben Kohle, Jutesäcken, Steinen und Feuer, das in Galerien aus Bunsenbrennern züngelte. Außerdem baute er Barrikaden, verstopfte Türen und Fenster mit Steinen, Holzlatten oder Gipsabgüssen antiker Statuen. Später hängte er Eisenplatten an die Stelle des Tafelbildes, klemmte Mäntel dazwischen, hängte große Stücke von Tierleichen davor oder montierte rundherum eine Reihe Nähmaschinen.

          Installation im Diözesanmuseum in Köln
          Installation im Diözesanmuseum in Köln : Bild: Museum

          Während die Pop Art die Oberflächen der Warenwelt zum Material erklärte, nutzten Kounellis und seine Weggefährten arme, teils flüchtige oder verderbliche Materialien mit archaischer Kraft und poetischem Potential. „Arte Povera“, nannte der Kunstkritiker Germano Celent diese Kunst, die auch Harald Szeemans wegweisende Ausstellung „When Attitudes Become Form“ 1969 in der Kunsthalle Bern beherrschte und 1972 in die gleichfalls von Szeeman kuratierte Documenta 5 hineinwirkte, auf der Kounellis das Entrée für die Sektion „Individuelle Mythologien: Prozesse“ gestaltete. Die Dramatik seiner Installationen wurde auch im Theater geschätzt. 1991 gestaltete er Bühnenbilder für die Amsterdamer Oper und für Heiner Müller in Berlin, später für Daniel Barenboims „Elektra“. Selbst schrieb er auch Stücke. Von 1993 bis 2001 war er Professor in Düsseldorf.

          Als Trisha Donelly, die eine Art Arte Povera mit Mitteln des digitalen Bilds betreibt, 2001 auf dem Pferd in ihre New Yorker Ausstellung ritt, dürfte mancher an die zwölf Pferde gedacht haben, die Jannis Kounellis 1969 in der Galleria L’Attico ausstellte - um, wie er später erklärte, „eine Spannung zu erzeugen, einen Schnitt in der Kommunikation der Kunst.“ Diese Schnitte sind heute so wichtig wie je. Am Donnerstag ist Jannis Kounellis in Rom gestorben.

          Quelle: F.A.Z.

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