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Michelangelo in Wien Die Vollendung des Unvollendeten

Aus den wichtigsten grafischen Sammlungen der Welt, großzügig präsentiert und wissenschaftlich exzellent aufbereitet: Die Wiener Albertina zeigt in einer beeindruckenden Ausstellung Zeichnungen von Michelangelo.

© Casa Buonarroti Vergrößern Michelangelo Buonarroti: Halbfigur der Kleopatra (Recto), um 1533

Rund sechshundert Zeichnungen von der Hand Michelangelos sind auf uns gekommen. Wenn davon ein Sechstel der qualitätvollsten Blätter in einer Ausstellung präsentiert wird, ist das ein Ereignis. Einige der wichtigsten grafischen Sammlungen der Welt - Paris, London, Berlin, New York, Haarlem, Florenz sowieso - haben ihr Teil zur Gesamtschau der optischen Phantasie Michelangelos durch gut siebzig Schaffensjahre beigesteuert. Und doch muss man erst einmal durchatmen vor dem Lebenswerk dieses Künstlers, der seit 500 Jahren als Inbegriff eines überbordenden Genies gilt und bis in sein höchstes Alter in allen Sparten - Malerei, Architektur, Skulptur, Poesie - Epochenkunst schuf.

Sechshundert Zeichnungen sind da verblüffend dürftig; man hat errechnet, dass es theoretisch weit über zwanzigtausend mehr oder weniger elaborierte Skizzen von Michelangelo geben könnte. Sein größter Feind war neben der Zeit er selbst, denn mindestens zweimal hat er weite Teile seiner archivierten Bildideen vernichtet, als habe er einer Inflation oder der ohnehin stattfindenden Kopie seines Blicks vorbeugen wollen.

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Überschaut man die wissenschaftlich großartig aufbereiteten und großzügig präsentierten Blätter in der Wiener Albertina, dann fällt auf, wie früh Michelangelo als Künstler er selbst wurde - und wie konsequent er dies ohne große Änderungen geblieben ist. Das heroische, an antiken Plastiken orientierte Menschenbild nackter Idealgestalten, die unterm Griffel ihres Schöpfers um christliche Gottähnlichkeit ringen, findet etwas tastend sich bereits in den ersten kostümierten Tuschzeichnungen des Jünglings, der bei Domenico Ghirlandaio gelernt, das Wohlwollen der Medici gefunden hatte und spätestens um 1498 zum jungen Star der italienischen Kunstszene avancierte.

Christus © The British Museum Vergrößern Michelangelo Buonarroti: Christus am Kreuz mit Maria und dem heiligen Johannes, 1555-1564

Im Wettstreit mit Leonardo da Vinci

Von 1504 an befand er sich im Wettstreit mit Leonardo um Schlachtenfresken der florentinischen Geschichte im Palazzo Vecchio. Selbst wenn die Werke fertig geworden und erhalten wären, so könnten sie uns kaum jene dynamische Wucht übermitteln wie einige Entwürfe dieser Schau. Ein Blatt aus dem Teylers Museum in Haarlem zeigt uns eine gedrechselte Männergestalt, doch schälen sich auf der Riffelung des Papiers weitere Evokationen von Kriegern hervor: ein halbes Dutzend muskulöser Beine, wellige Fußsohlen, ein gelassen gelagerter Torso mit unnatürlich gestapelter Bauchmuskulatur, wie Michelangelo diese heikle Körperpartie zeitlebens lieben sollte.

Seine Kämpfer dreht Michelangelo wie Korkenzieher, er schraffiert serielle Muskelmassen ins Palimpsest und setzt mit Weißhöhungen Bodybuilder-Akzente, als wolle er bereits das nackte, absurde Getümmel seines Weltgerichtes in der Sixtinischen Kapelle auftürmen. Und wahrscheinlich war das auch so: Am Ideal seines Gottmenschen, das sich unterm nobel-weltfremden Neoplatonismus von Florenz geformt hatte, sollte kein Auftraggeber, kein Papst, keine biographische Verwerfung irgendetwas ändern.

Mit der Schaffenskraft eines Halbgottes

Horst Bredekamp hat gezeigt, wie sich der ehrgeizige und übermenschlich begabte Buonarotti in den Jahren nach 1500 mit Leib und Konto einem begierigen Kunstmarkt verschrieben hat. Seine Aufträge für Florenz, Siena, Rom und auswärtige Besteller für Statuenfolgen, Grabmäler, Freskenzyklen und Tafelbilder hätte kein Herkules je vollenden können. Mit der Kraft, die Michelangelo in seine Zeichnungen oder seine Bildhauerentwürfe einfließen ließ, hatte es oft genug ein Bewenden.

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