Home
http://www.faz.net/-gqz-74jtx
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

„Meta Monumental Garage Sale“ Auf dem Flohmarkt im MoMA

Der ultimative Garagenverkauf: Martha Rosler verscherbelt im New Yorker Museum of Modern Art fleckige Krawatten, Bettvorleger und fast schon antike Computer.

© Scott Rudd/MoMA Motorloser Mercedes im Museum: Die Preise bei Martha Roslers Flohmarkt-Performance sind Verhandlungssache

Schnäppchen sind hier nicht zu haben. Unter ein und demselben Dach mit Picassos, Cézannes und Pollocks muss ein dezent abgeschabter Rucksack an Wert und offenbar auch Geldwert gewinnen: Aber im Gegensatz zu den Gemälden wird er tatsächlich zum Kauf angeboten. Wie viel also? Jeder Preis, den ich zu hören und sehen bekomme, ich war gewarnt, sei ein Verhandlungspreis. Aber auch wer Feilschen als Sport betriebe, hätte sich wohl nur widerwillig in einen Handel um einen ausgedienten Leinenrucksack eingelassen, dessen Verhandlungsbasis bei sechzehn Dollar lag.

Jordan Mejias Folgen:

New York ist ein teures Pflaster, wie allbekannt, und wenn das Museum of Modern Art mit Zahlen ins Gespräch kommt, dann sind es in der Regel Millionen. Es sei denn, der Besucher begnügt sich im Gift- Shop mit einem schwarzen oder roten Kaffeebecher, der samt MoMA-Logo für zwölf Dollar verkauft wird. Ich aber stehe jetzt nicht im Gift-Shop, sondern im Atrium des hohen Hauses, wo auch überm marktplatzähnlichen Treiben sonst die unverkäufliche Kunst schwebt. Derentwegen bin ich allerdings nicht gekommen. Ich will auf dem Flohmarkt fündig werden, in den sich das Atrium verwandelt hat. Shopping im MoMA, mal anders, mal umgeben von leicht modrig duftendem Krimskrams, den auch kein Museum zu adeln vermag.

MoMA © Scott Rudd/MoMA Vergrößern Beim „Meta Monumental Garage Sale“ ist zwar alles sauber, aber es wird für nichts garantiert

Bis zu einem Mercedes-Kombi, Baujahr 1981, leider ohne Motor und trotzdem mit einer Preisvorstellung von 4000 Dollar versehen, reicht die Angebotspalette, die im Übrigen mit dem Standardsortiment der originalamerikanischen Übung namens garage sale aufwartet. Will heißen, dass nichts fehlt zwischen Bettvorlegern, Unterhosen, fleckigen Krawatten, zersessenen Sofas, ausrangierten Keyboards, antiken Computern, verrosteten Schlittschuhen, Kinderfahrrädern, malerisch zersprungenem Geschirr, klebrigen Bestsellern, batterielosen Weckern und anderen garantiert sensationellen Dachboden- oder Kellerfunden.

Solche Privatflohmärkte, die zumal an sonnigen Wochenenden in den Einfahrten von Einfamilienhäusern sprießen, gehören zum ländlichen und vorstädtischen Amerika wie patriotisch beflaggte Veranden. Ein gigantischer Sternenbanner segnet nun auch das MoMA-Konsumevent, dem die Künstlerin Martha Rosler den pompösen Titel „Meta-Monumental Garage Sale“ verliehen hat.

MoMA © Scott Rudd/MoMA Vergrößern „Always kiss me Goodnight“

Ach so, eine Performance! Nein, ist es eben nicht, soll es wenigstens nicht ausschließlich sein. Es wird völlig ungeniert gekauft und verkauft, gefeilscht und geschachert. Rosler hat das seit 1973 schon rund um die Welt ausprobiert, aber den Museumsgipfel des MoMA durfte sie erst jetzt erklimmen. Neuerdings passt sie halt wunderbar ins Programm eines Museums, das wie viele andere Mitspieler auf der globalen Bühne damit beschäftigt ist, vertraute Rollen über Bord zu werfen. Auktionshäuser versuchen sich als Galerien, Galerien fordern Museen mit museumswürdigen Ausstellungen heraus, Museen drängen zum Theater, zum Konzert, zur Performance. So hatte das MoMA sein Atrium den Elektronikpionieren von Kraftwerk und zuvor wochenlang Marina Abramovic, der Mutter der Performance, für eine öffentliche Séance überlassen.

Martha Rosler, Konzeptpionierin auch sie, mag einst den New Yorker Kunsttempel als „Kreml des Modernismus“ verspottet haben, soll ihn nun aber einmal mehr aus der traditionellen Reserve locken. Mit einer Performance. Wer’s immer noch nicht glaubt, kann’s auf der Schiefertafel lesen, die mitten auf dem Flohmarkt steht und zu bedenken gibt: „Vielleicht ist der garage sale eine Metapher für den Geist.“ Spätestens da hat der Flohmarktbesucher keine andere Wahl, als die fleckige Krawatte, die er in der Hand hält, im Kontext mit Pollocks Tröpfelkunst wahrzunehmen.

MoMA © Scott Rudd/MoMA Vergrößern Wie bei den traditionellen „Garage Sales“ darf die amerikanische Flagge nicht fehlen

Was lassen sich hier, im Unterschied zum Urschauplatz in Suburbia, nicht auch kunst- und kulturtheoretisch die herrlichsten Pirouetten drehen. In konzeptuellen Schwung versetzt, wirft der umfunktionierte Museumsraum ein Schlaglicht nach dem andern aufs Geschäft mit der Kunst, auf ihren Warencharakter, ihre Konsumierbarkeit, die Stadien ihrer kommerziellen Auswüchse und Verirrungen. Alles aber ein bisschen gar zu offensichtlich? Nicht für die Zeitung zum Event, den „Garage Sale Standard“, der sich erkühnt, die imposantesten Querverbindung zu ziehen, Kafka und Edith Wharton ins Spiel ums Horten und Verscherbeln zu bringen, utopistische Züge und marxistische Fetischelemente aufzudecken und auch eine feministische Note aufklingen zu lassen.

Dabei hat Rosler ja recht, wenn sie dem Museum vorwirft, den Wert der Kunst und ihre Verwendung auch in Geld zu messen, das aber nie offen einzugestehen. Wie der Zufall es will, zeigt das MoMA gerade ein paar Rolltreppen höher die Version von Munchs „Schrei“, die im Mai mit fast hundertzwanzig Millionen Dollar einen neuen Auktionsrekord aufstellte. Ob von Roslers Museumskritik im Verkaufsgewusel viel übrig bleibt, ist eine andere Frage. Ein Publikum, das sich auch unterhaltungstechnisch an den interaktiven Umgang gewöhnt hat, steht jedenfalls Schlange, um hineinzukommen. Der Museumsflohmarkt floriert. Als kulturkritische Gaudi verbrämt, scheint Shopping noch mehr Spaß zu machen.

Mehr zum Thema

Vom Warenangebot zurück auf den Verkäufer zu schließen, wie das beim echten Garagenverkauf durchaus möglich wäre und immer Teil und Reiz der Transaktion ist, will im MoMA jedoch nicht so recht klappen. Zusammengetragen wurde der Plunder nämlich nicht allein von der Künstlerin, sondern auch von Künstlerkollegen, Mitarbeitern des Museums und allerhand Freunden und Bekannten, die etwas loszuwerden hatten.

Das verwässert schon ein wenig den Performancecocktail. Egal, sein Ertrag soll wohltätigen Zwecken zugutekommen. Und dagegen ist überhaupt kein kritisches Kraut gewachsen. Darum: If you can’t beat them, join them. Noch so eine amerikanische Weisheit, die auch im Museum ganz pragmatisch weiterhilft. Das „Sinatra Christmas Album“, eine CD in verkratzter Plastikhülle, lockt mit einem gelben Fünf-Dollar-Aufkleber. Ich biete der netten Flohmarktangestellten im roten Überzieher drei. Für vier werden wir handelseinig.

Meta Monumental Garage Sale. Im Museum of Modern Art, New York. Bis zum 30.November.

Quelle: F.A.Z.

 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Präsidentschaftsbewerber Trump Amerikas Dieter Bohlen

Milliardär Donald Trump ist das Sommerspektakel der amerikanischen Innenpolitik. Obwohl der Populist in Umfragen führt – fast niemand billigt ihm Chancen zu, ins Weiße Haus zu gelangen. Mehr Von Andreas Ross, Washington

23.07.2015, 08:45 Uhr | Politik
Dr. Tod stellt aus Leichen im Museum

Nach gerichtlichem Hin und Her hat Plastinator Gunther von Hagens jetzt in Berlin sein Menschen-Museum. Der auch als Dr. Tod bekannte Wissenschaftler ist für seine bizarre Kunst auf freiwillige Körperspender angewiesen. Mehr

18.02.2015, 09:12 Uhr | Gesellschaft
Videokritik Taxi Teheran Die komische Hölle eines Lebens im Arrest

Jafer Panahis Taxi Teheran entstand unter schwierigsten Bedingungen. Der iranische Regisseur und Berlinale-Sieger steht in Iran unter Hausarrest. Der Film ist ein Spiegel seiner absurden Lage. Mehr Von Andreas Kilb

22.07.2015, 12:17 Uhr | Feuilleton
Virtuelle Ausstellung Städel-Museum 2.0

Das Städel-Museum in Frankfurt am Main feiert dieses Jahr seinen 200. Geburtstag und hat passend dazu jede Menge Neues geplant - vor allem im Internet. Besucher können die Ausstellungsräume jetzt auch virtuell erkunden. Eine Online-Plattform verspricht Usern eine ganz neue Art, Kunst zu erleben. Euromaxx über die Zukunft des Museumsbesuchs. Mehr

25.03.2015, 12:42 Uhr | Feuilleton
Kulturgutschutzgesetz Wut, Hysterie und Hybris

Ein diskretes Milieu steigt auf die Barrikaden: Sammler und Kunsthändler wehren sich gegen ein neues Kulturschutzgesetz. Aber protestieren sie wirklich gegen eine Nationalisierung deutscher Kunst? Oder verteidigen sie nur ihre Privilegien? Mehr Von Boris Pofalla

22.07.2015, 19:23 Uhr | Feuilleton

Veröffentlicht: 23.11.2012, 15:11 Uhr

Glosse

Kampfansage mit Kultur

Von Jürg Altwegg

Paris rüstet sich mit der Attraktivität seiner Kulturinstitutionen für den europäischen Metropolenvergleich. Wer so gute Zahlen vorlegen kann, dürfte bei der Olympia-Bewerbung kaum zu schlagen sein. Mehr 1