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Meret Oppenheim in Hannover : Mondblume Anima blüht aus Wolken

  • -Aktualisiert am

Meret Oppenheim ließ sich von surrealistischer Sinnsuche und Musengetue nicht ablenken. Sie wusste, was sie wollte: Eine Karriere als Künstlerin. Hannover zeigt jetzt ihre mutigen Zeichnungen.

          Der Geist ist männlich. Die Natur ist weiblich. Davon ging die Künstlerin Meret Oppenheim aus und bezog sich dabei auf die Theorien von C. G. Jung, den sie selbst einmal als Jugendliche traf und der ihr bescheinigte, „im Zusammenstoß mit der Welt einiges gelernt zu haben“. Jung schrieb an ihren Vater: Der Kampf mit den Realitäten werde bei der natürlichen Intelligenz der Tochter in wenigen Wochen einen Ernst hervorbringen, der auf eine genügende Weise die Anpassung an die Mächte der Wirklichkeit erhoffen lasse.

          Jung ging davon aus, dass jeder Mensch zweigeschlechtlich angelegt ist. „Anima“ nannte er das Weibliche im Unbewussten des Mannes, „Animus“ das Männliche in der Frau. Weiblich bedeutete Gefühl und Liebe in der Beziehung zum Unbewussten; männlich bedeutete Mut, Unternehmungsgeist, Wahrhaftigkeit. Dieses Androgyne wurde auch für Meret Oppenheim ein Ideal. Und sie folgte ihm mit viel Energie: „Die Freiheit wird einem nicht gegeben, man muss sie nehmen“, sagte sie noch bei der Verleihung des Kunstpreises der Stadt Basel im Jahr 1974. Da war sie auf dem Höhepunkt ihrer zweiten Karriere angekommen, die mit den Surrealisten in Paris in den dreißiger Jahren begonnen hatte und nach einer langen Schaffenskrise nach 1954 wieder an Fahrt aufnahm.

          Von oben drückt der Regen

          Meret Oppenheim würde am 6. Oktober 2013 hundert Jahre alt, ein Anlass nun für die Museen, sich an die Surrealistin zu erinnern. Im Wiener Kunstforum eröffnet am 21. März eine große Retrospektive, sie wandert im Anschluss nach Berlin in den Martin-Gropius-Bau. Die Wiener Schau wird angekündigt mit Hinweis auf ein Werk, das die Erinnerung an die gebürtige Berlinerin im Kanon der Kunstgeschichte vollkommen dominiert: die mit Pelz überzogene Tasse, „Frühstücksgedeck in Pelz“, von 1936. Das eindringliche Objekt, dieser „träumende Gegenstand“, gilt nun schon seit Jahrzehnten als Sinnbild für den Surrealismus. Doch wird man der Künstlerin damit gerecht?

          Das Sprengel Museum in Hannover bietet eine andere Perspektive: Dort sind sechzig Papierarbeiten zu sehen, die Grundlage ihres Schaffens waren und - so die These - sogar das entscheidende Ausdrucksmittel. Die Schau erweist der Künstlerin damit einen großen Dienst - bevor das Tamtam der Wiener Retrospektive losgeht: Sie befreit den Blick von der Pelztassen-Erwartung, von der Vorstellung, dass eine gute Oppenheim immer humorvoll, aggressiv und verträumt gleichzeitig sein müsse.

          Die Schau „Über den Bäumen“ mit Blättern von 1936 bis 1984 strahlt Ruhe aus, obwohl Wolkenbilder zersplittern. Oppenheims Motive wackeln nicht, sie setzt sie fest, friert die Darstellungen ein - wie „Die Weiße Wolke“ von 1980. Ein zerfasertes Luftkissen ist zwischen grünen und roten Streifen eingezwängt, von oben drückt der Regen, von unten ein Himmel, der auch das Meer sein könnte. Die große farbige Papierarbeit ist keine wilde Skizze, sondern ein autonomes Werk.

          Großes Vertrauen in die Kunst

          Beim Rundgang gerät man jedoch ins Grübeln über so viel Ausgeglichenheit, denn dem Besucher begegnen auch Porträts der Künstlerin, die zum Teil eine andere Sprache sprechen. Ihre weichen Linien und gleichzeitig markanten Gesichtszüge zeugen von Sehnsucht, wirken aber nicht suchend, theatralisch, nicht verzweifelt.

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