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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Medici in Mannheim Die schmerzhafte Seite der Buchführung

 ·  Geldverleih gegen Zins ist nicht das Gleiche wie Wucher: Mannheim zeigt das Florentiner Bankiers- und Fürstengeschlecht der Medici als hinfällige, von chronischen Krankheiten geplagte Menschen.

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© Reiss-Engelhorn-Museen Porträt von Kurfürstin Anna Maria Luisa von der Pfalz, geborene Medici

Der Mann hatte praktisch alles, was chronische Schmerzen verursacht. Seine Wirbelsäule war verkrümmt, der Unterkiefer verwachsen, die Haut juckte permanent, die Arthrose in den Gelenken wurde immer schlimmer, Lähmungserscheinungen kamen hinzu. Dass Carlo de Medici, geboren 1596 als Sohn des toskanischen Großherzogs Ferdinando I., dennoch siebzig Jahre alt wurde, ist eben so erstaunlich wie dass er als Kardinal und Machtpolitiker seine Rolle recht effektiv gespielt hat: Er repräsentierte die Familie und sein Amt bei Banketten, bei der Jagd und als Mäzen, er gab sich munter und sorgte, wenn es darauf ankam, diplomatisch für Entscheidungen im Sinne der Medici, was zu seiner Zeit meist auch hieß: im Sinne von Florenz.

In den Mannheimer Reiss-Engelhorn Museen ist soeben eine Ausstellung eröffnet worden, die den Medici gewidmet ist. Aber wie stellt man eine Familie aus, wie zieht man den Roten Faden von Giovanni die Bicci (1360 bis 1429), der den Reichtum der Medici in Florenz begründete, auf direkte politische Machtausübung aber verzichtete, bis zu der pfälzischen Kurfürstin Anna Maria Luisa (1667 bis 1743), die mit einer weisen Entscheidung über den Nachlass ihres 1737 gestorbenen Bruders Gian Gastone dafür sorgte, dass der Besitz ihrer Familie an die Stadt Florenz kam?

Totenschädel mit schartigem Kiefer

Die Mannheimer Ausstellung verdankt ihr Gesicht nicht zuletzt einem Forschungsprojekt, das im Zuge der notwendigen Restaurierung der mediceischen Grablege durchgeführt wurde. Die Särge von achtundzwanzig Mitgliedern der Familie wurden geöffnet, Knochen und andere Überreste untersucht und zum Teil identifiziert. Dies geschah nicht zum ersten Mal, was die Sache erschwerte, da frühere Forscher die Knochen, bevor sie wieder begraben wurden, fein säuberlich von dem zugehörigen organischen Material befreit hatten, das darum nun nicht mehr für Untersuchungen zur Verfügung steht. Immerhin dienen die damals genommenen Gipsabdrücke der Schädel nun in der Mannheimer Ausstellung dazu, die Physis der einzelnen Familienmitglieder zu veranschaulichen - als Kontrast zu den jeweils daneben ausgestellten großformatigen Porträts.

Die Fassade der Macht, der Totenschädel mit dem schartigen Kiefer als Memento Mori: Die Ausstellung belässt es nicht dabei, sondern widmet sich hingebungsvoll der jeweiligen Krankengeschichte. Dazu erscheint in einer Videoinstallation noch einmal das Porträt, dann zoomt die Kamera auf die betroffenen Körperteile, und ein darunter eingeblendetes Röntgenbild macht Verwachsungen und Verkrüppelungen anschaulich - oder, wie im Fall des Guilano de Medici, der 1478 im Dom von Florenz ermordet wurde, die Hiebe, die auf ihn einprasselten.

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Ölgemälde mit der Großherzogin der Toskana, Cristiana di Lorena © dpa Ölgemälde mit der Großherzogin der Toskana, Cristiana di Lorena

Der Untersuchung seiner lädierten Knochen widmet der Begleitband zur Ausstellung dann auch zwölf reichbebilderte Seiten, um schließlich festzustellen, „dass das Skelett dreizehn Verletzungen aufweist, die von einer Hiebwaffe verursacht wurden“, bei der es sich „um ein breites Kurzschwert oder einen Dolch mit 35 Millimeter breiter Klinge handelte“. Zur Verdeutlichung hängt ein solcher Landsknechtsdolch in der Nähe von Guilanos Porträt, so wie andernorts eine andere Tatwaffe, eine Stangenbüchse aus dem sechzehnten Jahrhundert ausgestellt ist.

Kunst, Wissenschaft und Schönheit

Es geht also um die siechen Körper der Medici, um arthritische Kniescheiben und verformte Beckern, die dann durch ähnliche Exponate aus medizinischen Sammlungen anschaulich gemacht werden. Selbstzweck aber ist das alles nicht, und es ist bemerkenswert, wie die Ausstellung diese ständige Erinnerung an die ererbten Malaisen, diese Notwendigkeit der Medici, sich täglich mit ihren schmerzenden Körpern auseinanderzusetzen, mit den Aufgaben verknüpft, die von den Medici zu bewältigen waren.

Denn das ist die andere Seite: Die Ausstellung zeigt klug akzentuiert die äußeren Bedingungen, mit denen die Bankiersfamilie umzugehen hatte und vor deren Hintergrund sich ihr sozialer Aufstieg und Niedergang vollzog. Es geht um Wirtschaft und Politik vornehmlich in Spätmittelalter und Renaissance, um die Stadt Florenz und ihre Verfasstheit im Übergang von der Oligarchie zur Fürstenherrschaft der Medici. Es geht um Kunst und Wissenschaft, um Repräsentationsbauten und die Schönheit, die ein Kontor mit seinen Utensilien wie Rechnungsbuch, Tintenfass und Streusanddose besitzen kann.

Widersprüche, so scheint es, nimmt man dabei redlicherweise in Kauf, etwa die komplizierten Rechtfertigungsstrategien eines Bankiers wie Giovanni die Bicci, der fein zwischen „Geldverleih gegen Zins“ auf der einen Seite und „Wucher“ auf der anderen unterschied, der gehörig Steuern zahlte und gleichzeitig eine in der Ausstellung rezipierbare kreative Buchführung betrieb, um nicht noch mehr zahlen zu müssen.

Oder Francesco de Medici (1541 bis 1587), der schon als junger Mann von seinem mächtigen Vater, dem Großherzog Cosimo I., in die toskanischen Regierungsgeschäfte eingebunden wurde. Francesco war aber auch ein passionierter Alchimist, zu einer Zeit, in dem diese Hinwendung noch nicht jene grell teufelsbündischen Züge trug, die dann später vor allem das neunzehnte Jahrhundert so betonen sollte. Ernsthafte Alchemisten wie Francesco wirkten immerhin daran mit, Grundlagen für die Wissenschaft zu legen, die wir heute als seriös ansehen.

Ein Zinnbecher als Schlusspunkt

Sehr schön zeigt sich das auf einem Bild, das der flämische Maler Jan van der Straet 1570 für das Studierzimmer des Francesco de Medici schuf, wo es noch heute fest in der Wand verankert hängt und daher in Mannheim nur als Kopie zu sehen ist. Es heißt „Das Labor des Alchemisten“ und zeigt den fürstlichen Forscher in der rechten unteren Ecke, wie er konzentriert in einer Flüssigkeit rührt. Die Gestalt im Zentrum des Bildes, die einen großen Glaskolben herbeiträgt, soll Francescos Geliebte und spätere Gattin Bianca Cappello (1548 bis 1587) sein. Als beide kurz hintereinander starben, tauchte rasch die Vermutung auf, sie seien vergiftet worden.

Bei der Untersuchung der Medici-Gräber wurden an glücklich erhaltenen Gewebeproben Francescos tatsächlich Arsenspuren festgestellt, ebenso am Gewebe einer Unbekannten. Andererseits hatte Francesco in seinem Laboratorium ebenfalls mit Arsen zu tun. Und wenn die Unbekannte, sollte es sich dabei um Bianca handeln, nun ebenfalls bei alchemistischen Experimenten mit dem Gift in Berührung gekommen wäre?

Bei soviel florentinischer Extravaganz setzt die Ausstellung, wenn es zur Kurfürstin Anna Maria Luisa kommt, einen ganz anders gearteten Schlusspunkt: In der Mitte des ihr gewidmeten Raums steht ein wundervoller Zinnbecher, geschaffen 1707, genutzt als sogenannter Gründonnerstagsbecher, mit dessen Hilfe die Kurfürstin in jeder Karwoche zwölf armen Frauen die Füße wusch und sie neu einkleidete.

„Die Medici. Menschen, Macht und Leidenschaft“. Reiss-Engelhorn-Museen, Mannheim. Bis 28. Juli. Das Begleitbuch zur Ausstellung ist im Verlag Schnell und Steiner erschienen.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1967, Redakteur im Wissenschaftsressort der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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