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„Mecki“-Ausstellung in Hannover Terrordrohung über Igeldorf

07.02.2010 ·  Die „Mecki“-Ausstellung in Hannover wartet mit spektakulären Schwanengesängen und mit anschaulichen Geschichten über die Abenteuer der Comic-Zeichner auf. Lernen mussten sie alle eines über den Geschmack des Publikums, dessen Maxime zu lauten scheint: Hände weg von Mecki!

Von Andreas Platthaus
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Finger weg von „Mecki“! Das könnte man als Leitfaden für Comiczeichner formulieren, die sich an diese Figur - eine der bekanntesten ihrer Art in Deutschland - mit dem Anspruch herangewagt haben, etwas zu verändern. Der prominenteste Künstler, der am nostalgischen Beharrungsvermögen der Leser der Fernsehzeitschrift „Hörzu“ scheiterte, in der „Mecki“ seit 1949 vertreten ist, war Volker Reiche - allen Lesern dieser Zeitung durch „Strizz“ bekannt. Allerdings brauchte es mehr als zwanzig Jahre, ehe Reiche das Handtuch warf, denn von 1985 an hatte er bereits - mit kurzen Unterbrechungen - „Mecki“ gezeichnet, ehe er 2006 dazu ansetzte, den putzigen Igel und dessen Freunde mit einem Schlag aus dem heimeligen Igeldorf ins umtriebige Berlin zu versetzen. Das aber ging dem Publikum zu weit, zumal der Sprung in die Gegenwart auch mit einem modernen Erscheinungsbild verbunden war, das etwa aus Charly Pinguin, dem cholerischen Freund Meckis mit Frack und Melone, einen flippigen Straßenmusiker machte, der charakterlich nun eher an Herrn Strizz erinnerte. Im November 2006 gab Reiche die Serie auf. Seitdem zeichnet der ausgerechnet in Berlin lebende Hansi Kiefersauer wieder einen „Mecki“ in dörflicher Umgebung und mit bodenständigem Humor.

Reiche hätte gewarnt sein müssen, denn er war ja nicht der Erste, der die Treue zum altertümlichen „Mecki“ zu spüren bekam. Im Jahr 2002 hatte er selbst davon profitiert, dass erst der Zeichner Kolja Wilcke nach nur zwei Folgen und dann auch Harald Siepermann nach dreiundzwanzig an den Erwartungen der Leser scheiterten. Und an Wechseln der „Hörzu“-Chefredaktion, die dafür sorgten, dass Reiche wieder zum Zuge kam, nachdem er 1999 das erste Mal abgelöst worden war - damals von Ully Arndt, der mit seinem extrem auf zeitgemäß getrimmten Stil immerhin fast drei Jahre durchhielt.

Die Abenteuer der „Mecki“-Zeichner

Man sieht: Die Geschichte von „Mecki“ besteht auch aus Abenteuern seiner Zeichner, und die halten noch überraschendere Volten parat als die Erlebnisse des Igels selbst. Die bisher genannten Künstler füllen mit ihren Arbeiten das ganze Obergeschoss im Sonderausstellungsbereich des Wilhelm-Busch-Museums in Hannover, und man kann an dieser Zusammenstellung ablesen, wie das Pendel immer wieder zum klassischen Mecki zurückschwang. Es ist eine der großen Leistungen des Ausstellungskurators Martin Jurgeit, diese Zickzackbewegung an den Wänden des Museums zu verdeutlichen, wenn es auch misslang, eine der beiden Folgen von Wilcke für die Schau zu bekommen. So fehlt entgegen der Bedingung des Museumsdirektors Hans Joachim Neyer doch ein Protagonist.

Aber das ist leicht zu verschmerzen angesichts dessen, was Jurgeit vor allem von den ersten drei „Mecki“-Zeichnern aufstöbern konnte. Im Erdgeschoss entfaltet sich ein überbordendes Panorama an Originalseiten. Das beginnt mit Reinhold Escher, dem ersten Zeichner der „Mecki“-Comics. Ihren ersten Auftritt hatte die damals noch namenlose Figur allerdings schon 1939 in Ferdinand Diehls Puppenfilm „Der Hase und der Igel“, und den dabei übernommenen Disney-Stil setzte Escher später fort. Dazu kamen Wilhelm Petersen, der von 1953 bis 1964 die noch heute weitverbreiteten Bilderbücher mit Meckis Abenteuern gestaltete und sich seit 1958 in der „Hörzu“ als Comiczeichner mit Escher abwechselte, und der nur vier Jahre (1963 bis 1966) lang aktive, leider schon 1970 verstorbene Heinz Ludwig, der sich in den von seinen Erben entliehenen Originalseiten als der grafisch sicherste der drei frühen Zeichner beweist. Ludwig ist zweifellos die Entdeckung dieser Ausstellung.

Ein spektakulärer Schwangesang von 1977

Ihr spektakulärstes Objekt aber ist eine siebzehnseitige, bislang unpublizierte „Mecki“-Geschichte, die Reinhold Escher als damals bereits Zweiundsiebzigjähriger 1977 anfertigte. Alle siebzehn Seiten sind als Vorzeichnungen erhalten, dazu vier fertig getuschte und kolorierte Episoden, doch die Abschlussarbeit einer Karriere als „Mecki“-Zeichner, die mehr als ein Vierteljahrhundert umfasste, fand in der „Hörzu“-Redaktion keine Gegenliebe mehr. Mit Jürgen Alexander Heß war, nachdem Petersen sich 1969 zurückgezogen hatte, schon ein Nachfolger gewonnen worden, der besser als Escher mit Sprechblasen umgehen konnte. Denn Escher hatte zwar ganz am Anfang noch die Dialoge in den Bildern untergebracht, in dem Moment aber, als „Mecki“ 1953 fortan jede Woche als ganze Seite in der „Hörzu“ abgedruckt werden sollte, in alter deutscher Bildergeschichtentradition die Texte sämtlich unter die Panels gesetzt. Das war erst 1970 rückgängig gemacht worden, und Escher war damit nicht einverstanden gewesen.

Sein jetzt erstmals zu sehender Schwanengesang aus dem Jahr 1977 ist indes ein Versuch, aktuelle Ereignisse in die heile Welt von Igeldorf zu bringen. Nicht nur, dass dessen Bewohner vor Umweltverschmutzung und Autobahnbau in die Alpen flüchten - solche Zivilisationsfolgen waren schon in Geschichten der fünfziger Jahre Thema gewesen -, sondern dort werden sie von einer Serie von Unfällen in Atem gehalten, die von Escher explizit als „Terroraktionen“ ausgewiesen sind. Wir sind im Jahr des Deutschen Herbstes, und so nahe am politischen Geschehen sollte Mecki erst mit Volker Reiches Berlin-Revolution fast drei Jahrzehnte später wieder sein.

So hat jede Zeit auch ihren eigenen „Mecki“, auch wenn es grafisch gar nicht so aussieht. Petersen und Ludwig orientierten sich an Eschers Idealbild, das bis heute in den Herzen der Deutschen verankert ist. In Vitrinen zeigt die Ausstellung all die Handels- und Reklameware, die mit Mecki-Darstellungen an den Mann gebracht werden sollte. Dazu gibt es Beispiele für die anderen Arbeiten der „Mecki“-Zeichner, wobei allerdings auffällig ist, dass bei Petersen, der im „Dritten Reich“ als geschätzter naturalistischer Maler wirkte, just diese Zeit nicht mit Beispielen vertreten ist. Dafür kann man an den Karikaturen von Ludwig und den satirischen Zeichnungen von Escher erkennen, dass sie ihrer nicht nur künstlerisch konservativen Überzeugung wegen von der „Hörzu“ engagiert worden waren. So entstand sie eben, die Freude der „Mecki“-Leser am Althergebrachten.

Mecki - Sechzig Jahre Comic-Abenteuer. Im Wilhelm-Busch-Museum Hannover; bis 11. April. Kein Katalog.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.

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