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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 01.11.2012, 17:00 Uhr

Max Hollein im Gespräch Von der Logik des Museums

Das Städel Museum hat vor einem Jahr den von der Fachwelt unerwarteten Ankauf eines Altmeisters getätigt. Die Debatte über das Bild, die jetzt beginnt, sei gewollt, sagt der Leiter des Hauses.

© Wonge Bergmann Max Hollein, Direktor des Frankfurter Städel-Museums.

Gegenüber Ihrem Haus wird von der „Süddeutschen Zeitung“ der Vorwurf erhoben, es setze mit dem Ankauf eines Porträts von Papst Julius II., das Raffael und Werkstatt zugeschrieben wird, auf Publikumsspektakel. Kann es denn überhaupt Sensationsmacherei sein, ein so schwieriges Bild wie dieses Papst-Porträt für ein Museum wie das Frankfurter Städel anzukaufen?

Ich sehe das keinesfalls als Sensationsmacherei. Es ist vielmehr so, dass wir uns mit dem Bild über mehrere Jahre intensiv beschäftigt und es umfassenden Untersuchungen und Provenienzrecherchen unterzogen haben. Erst dann haben wir uns zum Ankauf entschlossen. Tatsächlich sind wir in der Öffentlichkeit mit größter Transparenz mit dem Einkauf umgegangen und auch mit unserer Meinung dazu. Ich glaube, dass es eher umgekehrt doch so ist: Wir wussten, dass diese Zuschreibung eine Diskussion um das Bild auslösen würde. Deshalb war es uns so wichtig, es nicht einfach im Museum aufzuhängen, sondern alle unsere Fakten dazu, die wir über Jahre entwickelt haben, darzulegen. Darin sehe ich gerade nicht Sensationsmacherei, sondern einen sehr offenen und sehr transparenten Vorgang.

Können Sie eine Verbindung sehen zwischen dieser Erwerbung und dem Kunstmarkt? Das heißt, wäre ein Werk von Raffael - oder auch von „Raffael und Werkstatt“ - durch einen Museumsankauf überhaupt ernsthaft „aufzuwerten“?

Es ist das Gegenteil von einem Kunstmarktthema! Denn wir sind den Weg genau andersherum gegangen: Wir haben lange recherchiert, wir haben etwas gründlich in Augenschein genommen, und wir haben uns dann, durchaus mit einem gewissen Risikobewusstsein, für den Ankauf entschieden. Nicht als Spekulation, weder für den Markt noch für unser Museum, sondern weil wir gewusst haben, dass sich unsere Einschätzung erhärtet hatte. Es wird trotzdem bestimmt noch über Jahre hin über dieses Bild diskutiert werden. Eine Kunstmarktvorantreibung aber wäre auf dem genau umgekehrten Weg passiert: Wenn wir und alle Fachleute sich über Jahre damit beschäftigt und das Bild zugeschrieben hätten - um dann den Markt dafür zu eröffnen.

Das ist genau der Punkt, auf den die Frage zielte. Denn im Fall eines solchen Altmeistergemäldes nimmt der Museumsankauf das Werk ja gerade aus dem Kunstmarkt heraus.

Interessanterweise wird uns von der „Süddeutschen Zeitung“ eine Art konspiratives Vorgehen im Kunstmarkt zum Vorwurf gemacht, als wenn wir sagen würden: Wir nehmen das Papstporträt als Leihgabe aus Privatbesitz - und hängen es bei uns im Städel für ein paar Jahre auf. Das wäre dann eine Aufwertung, die an anderen Stellen passiert.

 Was sagen Sie zu dem Vorwurf, das Städel inszeniere dieses Gemälde als eine Genie-Ikone?

Wie schon gesagt, haben wir natürlich diese Erwerbung und auch unsere Erkenntnisse dazu bewusst in die Öffentlichkeit getragen. Und ebenso bewusst messen wir ihm eine Bedeutung bei: Denn es ist auch für die Logik der Institution hochinteressant, im Hinblick auf die historisch besondere Raffael-Beziehung des Städel und auf unseren Bestand an Zeichnungen. Insofern war es für uns ein logischer Schritt, dieses Werk - sowohl gemäß unserer Fachmeinung im Hause als auch gemäß der Meinung von Jürg Meyer zur Capellen, einem führenden Raffael-Forscher - in der Schausammlung auch prominent zu präsentieren. Hätten wir eine andere Meinung zu diesem Bild, hätten wir es ja nicht erworben.

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Und würden wir es nicht diskutieren wollen, hätten wir es nicht so präsentiert. Ich glaube, eine Institution, die ihre Erwerbungen ernst nimmt, muss sie auch entsprechend präsentieren. Und ich sehe überhaupt keinen Sinn darin, ein Werk wie dieses Papstporträt über Jahre hinweg in einem Seitenkabinett aufzuhängen - und einfach zu sagen: Warten wir mal ab. Ich glaube, da muss sich eine Institution, wie das Städel sie darstellt, dahinter stellen und von vornherein eine klare Position in der Diskussion einnehmen. Und genau für die Fortsetzung dieser Diskussion wird es im Herbst 2013 eine Ausstellung zum Julius-Porträt geben.

Die Fragen stellte Rose-Maria Gropp. Am 7. November eröffnet im Städel Museum die Ausstellung Raffael. Zeichnungen.

Quelle: F.A.Z.

 

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