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Max Ernst Museum, Brühl Kosmische Heiterkeit im Haustheater

03.09.2005 ·  Lange Zeit empfand der Maler, Bildhauer, Grafiker und Zeichner Max Ernst das Verhältnis zu seinem Geburtsort als Wunde. Jetzt wird sie geheilt: Mit der Eröffnung eines eigenen Museums kehrt der verstoßene Sohn nach Brühl zurück.

Von Andreas Rossmann
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Der „große Bahnhof“ hat im kleinen Brühl eine Tradition, die so alt ist wie die Eisenbahn. Denn das klassizistische Stationsgebäude, 1844 mit der Strecke von Köln nach Bonn errichtet und in die Hauptachse von Schloß Augustusburg plaziert, wurde im Jahr darauf zum Besuch der englischen Königin Viktoria fertiggestellt. Gleichsam institutionalisiert aber wurde der „große Bahnhof“ von der Bonner Republik, die in dem Rokokopalast ihre Staatsgäste empfing: Da fiel für die kleine Stadt immer wieder etwas Glanz von der kleinen Hauptstadt ab, den sie seit deren Wegzug vom Rhein entbehren muß.

Heute aber wird er sich, heller und heiterer denn je, wieder einstellen und die Flüchtigkeit der politischen Prominenz, die sich - mit Bundespräsident und Ministerpräsident an der Spitze - zahlreich und hochrangig angekündigt hat, überstrahlen: Da findet der Weltbürger Max Ernst (1891 bis 1976) endlich zurück in seine Geburtstadt, die ihm, fast dreißig Jahre nach seinem Tod, ein Museum eingerichtet hat.

Schatten und Schlagzeilen

Es ist eine späte und stolze Heimkehr, auch ein Akt der Wiedergutmachung: Das Haus, das er hier bezieht, ein ehemaliges Vergnügungslokal namens „Brühler Pavillon“, das 1844 mit Bezug zum Bahnhof im erweiterten Vorgarten des Schlosses gebaut, wurde wiederhergestellt und zum Museum erweitert. Von den Kölner Architekten Thomas van den Valentyn und Seyed Mohammad Oreyzi mit fast Schinkelscher Noblesse versehen und um einem Pavillon aus Stahl und Glas ergänzt, wurde es bereits im Spätsommer letzten Jahres fertig und hier ausführlich vorgestellt: Wie sich der gläserne Eingangstrakt in die U-Form des alten Gebäudes schiebt, ergibt auch eine harte Kollision von zwanzigstem und neunzehnten Jahrhundert, wie sie Max Ernst in seinem Werk immer wieder gesucht hat.

Seit der Übergabe des Baus haben ihn mehrfach Schatten und Schlagzeilen getroffen: Feuchtigkeitsschäden wurden festgestellt, der Gründungsdirektorin fristlos gekündigt, die Eröffnung um fünf Monate verschoben. Die Gutachten und die Gründe dafür aber wurden nie öffentlich gemacht, und so sah sich die Stiftung Max Ernst Museum, eine „public-private-partnership“ zwischen der Stadt Brühl, dem Landschaftsverband Rheinland und der Kreissparkasse Köln, Spekulationen ausgesetzt, die sie sich mit ihrer Informationspolitik selbst eingebrockt hatte.

Noch bei der Besichtigung für die Presse wurde sie fortgesetzt, als der Vorsitzende des Landschaftsverbands kritische Fragen mit Insinuationen und Halbwahrheiten abbürstete. Es sind solche Provinzialismen, die Max Ernst einst von seiner Heimatstadt entfremdeten und die mit der Museumseröffnung nicht ausgestanden scheinen. Wie die Kunst über sie erhaben ist, setzt sie sich der kleinen Stadt entgegen: Im Weichbild des Weltkulturerbes Schloß Augustusburg eröffnet sich Brühl die Chance, eine erste Museumsadresse zu werden.

Eine aus der Nähe zur Person erwachsende Aura

„Wenn ich mit meiner Malerei in eine Sackgasse komme“, bekannte Max Ernst 1963, „so bleibt mir nur die Skulptur als Ausweg übrig.“ Etwa sechzigmal ist ihm das „passiert“, und die Folgen stehen in Brühl zur Besichtung. Die Bestände umfassen sein gesamtes plastisches OEuvre, das fast komplett aus seinem persönlichen Besitz stammt und dem Museum von seiner Witwe Dorothea Tanning anvertraut wurde: Sein „persönliches Haustheater“, mit dem er sich umgab und das er bei jedem Wohnortwechsel mitnahm.

Die andere Säule (und zugleich den Grundstock) der Sammlung bildet die Kollektion des Kölner Arztes Peter Schneppenheim, die neunzig Prozent des graphischen Werks abdeckt. Beide Genres flankieren die Malerei, die nur mit wenigen Werken, aber auch einer einzigartigen Pretiose vertreten ist: Die sechsunddreißig „D-Paintings“, die Max Ernst seiner Frau Dorothea 1961 zum Geburtstag schenkte, privat-verschlüsselte Liebeslandschaften von meist kleinem Format und geheimnisvoller Leuchtkraft, akzentuieren die monographische Signatur des Museums und unterstreichen die ihm eigene, aus der Nähe zur Person erwachsende Aura.

Souveräne und spannende Lektüre des Werks

Diese Konstellation wird von der Eröffnungsausstellung aufgegriffen, ausgebaut und verdichtet. Wer sie besucht, glaubt sich in das Privathaus eines kenntnisreichen Sammlers versetzt, der mit dieser Kunst lebt und sein Schatzhaus zum Schauhaus verwandelt hat. Das Entree, eben jener große, von gußeisernen Säulen gestützte Saal, in dem der Pennäler Max Ernst einst das Tanzbein schwang, mobilisiert gleich den ganzen Zauber: Eingefaßt von der Großplastik „Capricorn“, auch einem Familienporträt des Künstlerpaares, und dem düsteren Ölgemälde „Die Erwählte des Bösen“, stehen hier der stangenlange „Genius der Bastille“, der dem Freiheitsideal ein Vogeldenkmal setzt, und ein Schachspiel.

Ordnung und Freiheit. In der Präsentation von Werner Spies werden sie zum inszenatorischen Analogon. Wie im Schachspiel bewegt sie das Material. Gebunden an die Zeit, denn sie folgt der Biographie, setzt sie sich in Beziehung zu Geschichte und Kunstgeschichte, Stilen und Stimmen, eröffnet Korrespondenzen und Querverweise. Wie dabei die Lebensstationen „abgelaufen“ werden und zugleich zwischen Genres und Formaten, Bild und Buch, Kunst und Dokument, Konzentration und Weitläufigkeit gewechselt und gesprungen wird, wie Themen und Techniken erläutert, Motive verfolgt und verknüpft werden, das ergibt eine souveräne und spannende, niemals akademisch wirkende Lektüre des Werks und seiner Vielfalt: In die Vexierbilder und Albtraumlandschaften, Mythologien und Angstträume seines Werks wird hinabgestiegen, und doch nimmt die Entdeckungsreise dabei eine kosmische Heiterkeit an.

Die alte Wunde wird geheilt

Begleitet wird die Eröffnungsschau von einer Installation, die der Regisseur Peter Schamoni, Autor mehrerer Filme über Max Ernst, im Wechselausstellungsraum realisiert hat. Schriftbänder und Kurzfilme flackern über Plasmabildschirme, Wände und Böden: Viel ist dabei zu erfahren über Leben und Werk, Ästhetik und Arbeitsweisen des Künstlers, der als Darsteller und Dadamax, Tänzer und Träumer, Chaplin-Imitator und Kobold, Zeitzeuge und Selbstinterpret auftritt - Facetten einer faszinierenden Persönlichkeit, deren rheinische Heimat noch in englischsprachigen Auskünften durchklingt. Der grandiose Raum, fünfhundert Quadratmeter groß und unterirdisch voller Tageslicht, aber wird damit unter Wert bespielt: Seine Möglichkeiten sind erst noch zu entdecken, wenn das Museum nicht zum Mausoleum werden soll.

In Brühl hängt auch das Gemälde „Geburt der Komödie“ (1947): Max Ernst hatte es 1951 der Stadt geschenkt, nachdem eine Ausstellung auf Schloß Augustusburg im Eklat und mit einem Defizit von 25.000 Mark endete. Die Gemeinde wußte damals nichts Besseres zu tun, als es - für vierhundert Mark! - zu verscherbeln. Das Werk markierte lange die Wunde, als die Max Ernst das Verhältnis zu seinem Geburtsort, den er erst 1971, zur Errichtung „seines“ Brunnens vor dem Rathaus wieder offiziell besuchte, empfand und steht nun, ausgeliehen vom Museum Ludwig, für deren Heilung. Denn ganz unerwartet paßt auf dieses Museum, was Max Ernst 1953 im Gedicht „Das Schnabelpaar“ prophezeit: „wo vor jahren ein haus stand, da wächst jetzt ein haus.“

Max Ernst Museum, Brühl; Eröffnungsausstellung bis 5. März 2006, „Peter Schamoni zeigt Max Ernst - Loplop“ bis 30. September 2006. Der Museumsführer, Prestel-Verlag, kostet 8,95 Euro.

Quelle: F.A.Z., 03.09.2005, Nr. 205 / Seite 33
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