29.10.2005 · Jedem, der sich durch diese Ausstellung hindurchgestaunt und hindurchgefreut hat, wird es entschlüpfen: Ach, wie großartig kann Kunst doch sein! Eine begeisternde Matisse-Schau in Düsseldorf.
Von Thomas WagnerLassen wir es mit einem Seufzer beginnen, einem der Freude und der Erleichterung. Es muß sein, in diesen oft dürren, geschäftsmäßigen Zeiten.
Jedem, der sich voll Erregung und mit wachsender Begeisterung Raum um Raum und Bild für Bild durch diese Ausstellung hindurchgestaunt und hindurchgefreut hat, wird es irgendwann entschlüpfen: Ach, wie großartig kann Kunst doch sein! Dabei will Henri Matisse - in der Düsseldorfer Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen K 20 in 22 Räumen und auf drei Etagen - allererst sehend erkundet, erarbeitet, bedacht und empfunden werden, bis man den vertrauten Matisse, dessen Malerei in unbeschwerter Schönheit zu schwelgen scheint, vergessen, dafür aber einen anderen, einen raffinierten, abgründigen Matisse gefunden hat.
Das ganze Spektrum des Werks
Auch wenn die Ausstellung „Henri Matisse - Figur Farbe Raum“ neunzig Gemälde aus der Zeit von 1895 bis 1948, sechzig Zeichnungen, zahlreiche Druckgraphiken, einige Papierschnitte sowie die wichtigsten Skulpturen versammelt und auf diese Weise das ganze Spektrum des Werks abdeckt, ist es keine Retrospektive. Pia Müller-Tamm und ihre Mitstreiterinnen haben sich mehr vorgenommen, als den Künstler umfassend vorzustellen. Sie wollen ihn vom Ruch des harmlosen Dekorateurs befreien und die Aktualität seines Werks unter Beweis stellen, indem sie am Interieur mit weiblicher Figur die Strategien herausarbeiten, mit denen der Maler sein gebrochenes Wirklichkeitsverhältnis inszeniert. Voraussetzung dafür ist, daß man im Zusammenspiel von Figur und Raum nicht nur einen Anlaß sieht, um Farbphantasien zu entfalten, orientalische Träume zu träumen und den männlichen Blick auf weibliche Rundungen zu heften.
Gleichwohl bleibt in diesen Bildräumen alles von Weiblichkeit durchdrungen. So entfaltet sich auch das Repertoire, mit dem der Maler den Bildraum öffnet und verschachtelt, wenn er Stühle, Vasen, Rahmen, Tische, Fenster und Wände fragmentiert, und die Atmosphäre über die Bildränder hinweg sich ausbreiten läßt wie den Duft von Parfum, im Wechselspiel von Begehren und Entzug. Das Bild als Ganzes nährt freilich die Vermutung, hier erprobe und formuliere einer eine ebenso eigenwillige wie radikale Auffassung des modernen Bildes.
Ein frischer und neuer Blick
Ohne eine malerische Strategie zu isolieren und krampfhaft zum Modell einer nur behaupteten Entwicklung zu erklären, gelingt es des Schau, durch Konzentration auf die Begriffe „Figur“, „Farbe“ und „Raum“ tatsächlich einen frischen und in vielen Aspekten neuen Blick auf das Schaffen von Henri Matisse und auf sein Kunstverständnis zu gewinnen. Wurden Schmuck und Ornament von einer sich auf Einfachheit und Reinheit verpflichtenden Moderne abgeschliffen und wie Geröll von einem Gletscher mitgeschleift, so beginnt man nun, da auch die ästhetischen Begriffe einer verengten Moderne abschmelzen, sich an diese Nährgebiete zu erinnern. Die Wiederkehr von Mustern in Kunst, Architektur und Design ist ein Indiz dafür. Hat man lange den Vitalismen eines Picasso den Vorzug gegeben und Matisse, dem Meister der „bonne peinture“ und der bürgerlichen Dekoration, jene Radikalität abgesprochen, die man bei van Gogh und Gauguin, Picasso und Duchamp, bei Kandinsky, Mondrian und Schwitters am Werk sah, so scheint die Zeit reif für eine Revision. Die Düsseldorfer Ausstellung wagt sie.
Die Kunst ist, nach einem Wort Konrad Fiedlers, „nicht Fälschung der Erfahrung, sondern Erweiterung derselben“. Daß und wie Matisse eine solche Erweiterung der Seherfahrung erreicht, demonstriert der Rundgang durch die Schau eindrucksvoll. Bereits frühe Arbeiten wie das „Interieur mit Zylinder“ oder „Die bretonische Serviererin“, beide von 1896, vereinen unterschiedliche Typen von Bildlichkeit und verschachteln sie ineinander. Als könne das Bild die weibliche Figur, die doch deutlich durch ihre Funktion charakterisiert ist, nicht wirklich erfassen, erscheint die „bretonische Serviererin“ angeschnitten, vom rechten Bildrand halbiert. Ihr Kopf indes ragt in einen fast monochromen Freiraum, der sich hinter der geöffneten Tür auftut, deren Fensterkreuz wie ein aufgespannter Keilrahmen wirkt.
Man ahnt die Meisterschaft
Stehen die frühen Interieurs noch in der Tradition der niederländischen und französischen Genremalerei des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts, so ahnt man im Licht des unmittelbar Folgenden bereits die spätere Meisterschaft, mit der Matisse Raumgrenzen auflöst und in den Zonen des Übergangs zwischen innen und außen, zwischen Fenstern und Türen, Balkonen und Terrassen die starre Bildlichkeit einer geordneten und überschaubaren bürgerlichen Innenwelt in Frage stellt und auflöst. Alles scheint in einen Raum gedrängt. Alles sammelt sich zum Bild.
Als programmatisch im Hinblick auf eine „artifizielle Bild-Raum-Konstruktion“ wird das Gemälde „Carmelina“ von 1903/04 vorgestellt, das sich heute im Museum of Fine Arts in Boston befindet. Hier arbeitet Matisse mit einer vieldeutigen, durch Farbbeziehungen verzahnten Figurenkombination aus Maler und Modell. Offensiv, frontal und selbstbewußt in seiner Sinnlichkeit sitzt das Modell - ein wenig aus der Bildmitte gerückt - auf einem von einer gemusterten Decke verhüllten Tisch. Der permanente Wechsel von der Zwei- in die Dreidimensionalität, von Fläche in Raum und von imaginiertem Raum zu realer Fläche rhythmisiert das Bild und läßt den Blick des Betrachters keine Ruhe finden. Der Spiegel, in dem der Maler neben der Rückenansicht seines Modells erscheint, Bilder, mal angeschnitten, mal vollständig, farbige Streifen und Flächen, verbauen den Tiefenraum und zerbrechen die Einheit einer Perspektive.
Vielfach gerahmte Zersplitterung
Vermessen wird auf diese Weise die Distanz zwischen Maler und Modell, traditionell ein Motiv künstlerischer Selbstbefragung, aber auch die zwischen dem Betrachter der Szene und deren so raffiniert gebrochener, vielfach gerahmter Zersplitterung. Als sei solche - niemals kubistische - Raumzergliederung nicht bereits verstörend genug, höhlt Matisse den verbleibenden Rest von Naturalismus durch gezielte Setzungen von Farbe weiter aus, etwa wenn er die rechte Hand des Modells in einen Farbfleck auflöst und sie in einem leuchtenden Rot wiedergibt, das auf die Farbe der Jacke des Malers im Spiegel antwortet.
Öffnen und Entgrenzen des Tafelbildes nach innen, das scheint fortan sein Programm zu sein. Matisse zieht damit nicht nur andere Konsequenzen aus der auch von ihm verehrten Malerei Cezannes als die Kubisten, er verschachtelt und verknüpft in seinen Interieurs das Konkrete einer räumlichen Szene derart virtuos mit zusammenklingenden oder einander kontrastierenden Farben, daß er mitsamt dem Bild gleichsam dessen immanente Theorie darstellt.
Eine gemalte Theorie des Bildes
Hier steckt das Verblüffende und in mehrfacher Hinsicht Sensationelle der Ausstellung: anschaulich, in zahllosen Varianten und anhand exzellenter Werke vor Augen zu führen, wie Matisse eine gemalte Theorie des Bildes entwickelt, deren Entfaltung die Einheit und die Wirkung des Bildes in keinem Moment gefährdet. Die Konstellation, in die er weibliche Figur, Raum und Farbe hineinfabuliert, erscheint als Fest der Malerei ebenso wie als Kommentar zum veränderten Status des Bildes unter den Bedingungen einer Moderne, die im Abschied vom Illusionsraum und in Strategien der Wiederholung eine Erweiterung der Erfahrung sucht. Aktuell ist dieser prozeßhafte Matisse schon deshalb, weil er das Konkrete der Kunst nicht gegen das Theoretische ausspielt. Der Trennung in Kunst und Kommentar stellt er ein Denken in und mit den Gegenständen entgegen, das die Versatzstücke des Wirklichen und des Imaginierten nebeneinander aufbewahrt, da nur sie das Eigenlicht ihrer Wahrnehmung aussenden können.
So wird etwa auf Gemälden wie dem „Stilleben mit ,Der Tanz'“ von 1909 die Malerei zu einem Ort, an dem die Figuren, die Dinge, die Farben, die Muster, ja selbst noch das Raster der Rückseite eines bespannten Keilrahmens zu tanzen beginnen. Alles scheint Zitat, Fragment, Malfläche. Nichts bleibt es selbst. Aus den Zwischenräumen, den Echos, Nachklängen und Nachbarschaften der Formen und Farben entsteht eine Bühne der Malerei, auf der diese in all ihren Gestalten und Facetten auftritt und spielerisch ihre Möglichkeiten erprobt.
Die Leinwand als Zaubertafel
Niemals dominiert die Prüfung der Realitätsgrade und Bezüge. Die Leinwand wird vielmehr zur Zaubertafel, auf der alles erscheinen kann, nichts aber wirklich ist. Matisse ist der Zauberer, der alles herbeiholt - der Skulpturen als Abbilder von Körpern mit Bildern von Körpern in Spiegeln mischt, die doch nichts anderes sind als gemalte Bilder von Spiegeln, die vor einer Wand stehen, die flach und autonom wie eine monochrome Leinwand wirkt, aber nur die gemalte, also vorgespiegelte, Wand eines Raumes ist.
Vielleicht ist dieser Raum Abbild eines realen Raumes. Erscheinen läßt ihn Matisse aber als einen, in dem das gesamte Repertoire des Malers zur Disposition gestellt, die Einheit des Bildes aber gerettet wird. Bühne der Präsentation und Medium der Reflexion zu sein - das bleibt für Matisse zentrale Aufgabe des Bildes, bis zu den späten Gouaches decoupees, auch wenn der Künstler mit wachsender Begeisterung alles, was das bürgerliche Interieur einmal enthalten hat, durch die Luft zu wirbeln und zum Tanzen zu bringen. Es dürfte schwer sein, derzeit eine bessere, eine anregendere, eine wichtigere Ausstellung zu finden.