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Martin Kippenberger : Der Mann, der tanzen konnte

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Hätte Martin Kippenberger anders gelebt, würde er sechzig in diesem Jahr. Seine Kunst lehrt uns aber, dass sie ohne dieses Leben nicht zu haben war. Eine Berliner Ausstellung schaut jetzt zurück, auf den Menschen, den Maler, den Zeitgenossen.

          Künstler sind spätestens seit der Moderne in einer doppelten Notwendigkeit gefangen: In einem ersten Akt müssen sie etwas Unerträgliches hervorbringen, das sie dann, im zweiten Moment dieser Schöpfung, insofern annehmbar machen müssen, als sie es an die Frau und den Mann bringen müssen. Wesentliche Momente des modernen und nachmodernen ästhetischen Genusses hängen mit der Beobachtung der Bewältigung dieses Zwiespalts in der künstlerischen Arbeit zusammen. Und Martin Kippenberger ist, seit er, Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre, in der Kunstszene auftauchte, einer der exemplarischen Künstler im Spannungsfeld zwischen der Arbeit am Kunstwerk und ihrer Präsentation in der Öffentlichkeit, das heißt in Galerien und Medien, sowie auf dem Markt. Natürlich geht es in dieser Spannung immer auch um das Verhältnis von Leben und Kunst. Ganz platt um die Frage, was das für ein Typ ist, der diese Bilder da malt? Was will der?

          Bei Martin Kippenberger, der 1997 im Alter von nur 44 Jahren in Wien gestorben ist, lassen sich diese Fragen heute sehr gelassen beantworten. Gelassen auch deshalb, weil es keine Frage mehr ist, ob seine Kunst gut genug für das Museum ist und ob sie ihren Platz in der Kunstgeschichte behaupten kann. Seit etwa zehn Jahren wird über beide Fragen nicht mehr gestritten. Die Antwort lautet ja, Kippenberger gehört ins Museum und in den Kanon der neueren Kunstgeschichte. Daran konnte auch ein kurzer medialer Kritikanflug nichts ändern, als 2009 im Auktionshaus Christie’s sein Bild „Paris Bar“ für 2,5 Millionen Euro versteigert wurde. Die Kritik bezog sich auf die Tatsache, dass Kippenberger das Bild nicht selbst gemalt, sondern 1992 bei dem Kinoplakatmaler Götz Valien für 1000 Mark in Auftrag gegeben hatte.

          Im Kampf gegen die schlechte Kunst

          Es tauchte da noch einmal die Frage nach der originären Tat des Künstlers auf. Originär, so meinten manche, sei ein Werk nur dann, wenn der Künstler auch selbst die Farbe eigenhändig auf das Bild aufgetragen habe. Andere dagegen fanden, dass die Idee das Entscheidende am Kunstwerk sei, und die stamme nun einwandfrei von Kippenberger. Wie dem auch sei, zum Skandal taugte der Vorfall nicht mehr. Kippenberger war bereits etabliert, und das mit guten Gründen. Deshalb ist es auch nur folgerichtig, dass der Hamburger Bahnhof in Berlin Kippenberger eine große Ausstellung widmet, die in der kommenden Woche eröffnet wird.

          Kippenbergers Kunst schafft nämlich das, was der Philosoph Robert Pfaller als Merkmal jeder großen Kunst ansieht: Kippenberger gibt in seiner Kunst, was er nicht hat, sein Nichteigentum. Während schlechte Künstler nur das geben, was sie haben, ihr mickriges Eigentum, ihr ausgerechnet eigenes Gedächtnis oder ihre eigenen Fertigkeiten. Für Pfaller findet in der Auseinandersetzung zwischen guter und schlechter Kunst der Prozess des Künstlerwerdens statt.

          Niemand wird aus Liebe zur Kunst zum Künstler, sondern nur im Kampf gegen die schlechte Kunst formen sich Künstler. So war es auch bei Kippenberger. Als er anfing, gingen ihm die etablierten Alten nur auf die Nerven. Er wollte etwas anderes schaffen als die in ihren Spezialitäten gefangenen Experten. „Kippy - Einer von Euch, unter Euch, mit Euch“ hatte er um 1978 in West-Berlin auf seine Visitenkarte drucken lassen. Das war auch eine politische Aussage im Sinn von Mao Tse-tungs Forderung an den Revolutionär, der sich im Volk wie ein Fisch im Wasser zu bewegen habe.

          Nur war das Feld, auf dem Kippenberger in den Kampf zog, nicht der Guerillakrieg in Stadt und Land, es war das Nachtleben. Dabei hatte er einige nicht zu unterschätzende Startvorteile. Ausgestattet mit einer erheblichen Erbschaft, war er der Sorge um das Geldverdienen am Anfang enthoben. Und zum anderen war er nicht allein. Kippenberger hatte Albert Oehlen und Werner Büttner gefunden, Künstlerfreunde, mit denen er sich blind verstand. Es war eine Form des blinden Verständnisses, die bei vielen Künstlern, die die drei seinerzeit persönlich erlebten, Argwohn, Neid und Hass auslöste. Was zum Teil verständliche Reaktionen waren, weil sie nach außen dadurch auch wie ein Männerbund wirkten, in den eindringen zu wollen hoffnungslos erschien.

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