23.04.2007 · Bei der Eröffnung seiner Düsseldorfer Ausstellung zeigte sich der Starfotograf so lässig, dass sich das Publikum mehr für ihn als für seine Bilder interessierte. Dabei verehren ihn die Schönen ihretwegen: Erotik ist bei Mario Testino nie aggressiv wie etwa bei Helmut Newton. Er fotografiert weibliche Stars so makellos schön, dass es fast schmerzt.
Von Melanie MühlDass sich Mario Testino bei der Eröffnung seiner Fotoausstellung so lässig gab, als sei er gerade einem Quentin-Tarantino-Film entstiegen, ist wahrscheinlich sein größter Fehler an diesem Abend gewesen. Jedenfalls interessierte sich kaum noch jemand für die Fotografien des Peruaners, die das Düsseldorfer NRW-Forum zeigt. Vielmehr ging es darum, Mario Testino nah zu sein. Frauen zerrten an seinem Anzug, schmiegten sich an ihn fürs Erinnerungsfoto und strahlten dabei wie Teenager in ihre Handykameras. Testino nippte während all dem so gelassen an seinem Champagner, als kenne er in seinem Leben nichts anderes.
Auch Claudia Schiffer war da und offensichtlich Testino verfallen. Sie trug ein mit roten Rosen bedrucktes Kleid, schwirrte um den Star des Abends herum und gab zwischendurch eher widerwillig Autogramme. Doch ihr wurde der Rummel bald zu viel, und sie verschwand, begleitet von zwei Männern, die so klein und schmächtig waren, dass sie auf gar keinen Fall ihre Bodyguards sein konnten. Es fiel niemandem auf.
Ein falsches Versprechen
Die etwa vierzig großformatigen, meist bonbonbunten Fotografien, um die es eigentlich gehen sollte, zeigen Menschen, die so schön und makellos aussehen, dass es beinahe schmerzt. Selbst wenn man vorher noch nie von Mario Testino gehört haben sollte, begreift man sofort, warum ihn Stars und Models verehren. Denn er lässt sie noch heller leuchten, als sie im wahren Leben ohnehin schon strahlen. Zum Beispiel Gisele Bündchen im Sommerkleid unter wolkenlosem Himmel, die Pose bis in die Zehenspitzen poliert, die Lippen leicht geöffnet, das Haar kunstvoll vom Wind zerzaust – eine Bilderbuchdiva.
Oder Naomi Campbell, die uns ihren blanken Busen entgegenstreckt wie ein falsches Versprechen. Oder Kate Moss im Bikini, wie sie am Strand liegt, unter Palmen hindrapiert. Auch ihre Lippen sind leicht geöffnet, was bei Testino Programm ist: Er setzt Münder gerne in Szene, keck oder lasziv, arrangierte Verführung. Wie bei Gwyneth Paltrow oder Charlize Theron oder all den anderen. Doch Erotik ist bei Testino nie aggressiv, so wie bei Helmut Newton, dessen Frauen den Männern das Fürchten lehren und zu allem fähig sind. Testinos Erotik tut niemandem weh.
„Tiefes Bedürfnis nach Stil und Eleganz“
Immer wieder betont der Fotograf, dass er die Stars von ihrer schönsten Seite zeigen wolle, in einem Augenblick der Intimität. Doch diese Privatheit ist kalkuliert, perfekt inszeniert und ausgeleuchtet – und damit eine Lüge. Die Bilder haben nichts von der Beiläufigkeit des Intimen, selbst wenn die Partytableaus dies zu suggerieren versuchen. Testinos Fotos enthüllen nicht, sie verstören nicht, sie geben keine Rätsel auf, und sie erzählen uns keine Geschichten. Man konsumiert sie, weil sie schön sind. Und man sieht ihnen an, dass ihr Schöpfer Perfektionist ist. Bei Fotoshootings engagiert der Peruaner die besten Visagisten, die besten Hairstylisten und natürlich die besten Set-Designer. Er hasst Zufälle und feilt an jedem Detail.
Als Testino vor vielen Jahren die Schauspielerin Meg Ryan fotografierte, wich er keine Sekunde von ihrer Seite, während die Stylisten jede Haarsträhne zurechtzupften. „Ich habe ein tiefes Bedürfnis nach Stil und Eleganz“, sagt er, und wenn man diesen für ihn typischen Satz verstehen will, wenn man wissen möchte, woher dieses Bedürfnis kommt, dass sich durch all seine Fotografien zieht, dann muss man einen kurzen Blick in seine Vergangenheit werfen, in diese durchästhetisierte Welt, in der Mario Testino aufgewachsen ist.
Provokation in Lima
Bereits mit fünfzehn weigerte er sich, Kleider von der Stange zu tragen, und ließ sich seine komplette Garderobe schneidern. Ein-, zweimal im Jahr flog die Familie nach New York und gab sehr viel Geld in den teuersten Boutiquen aus. Testino kombinierte rote Jacketts mit geblümten Hosen und rosa Hemden, und was in Manhattan keinem auffiel, weil Extravaganz nichts Außergewöhnliches war, sorgte in Lima für Provokation. Er sei, erzählte er einmal, in dieser Zeit Taxi gefahren, weil man ihn auf offener Straße angepöbelt habe.
Berühmt wurde Mario Testino aber erst viel später, 1993, als er schon vierzig war und bei einem Versace-Shooting einsprang. Richard Avedon sollte eigentlich fotografieren, doch er und Madonna hatten sich heftig gestritten, und nun wünschte sich Madonna Marco Testino. Von diesem Zeitpunkt an lief es ziemlich gut für ihn. Testino fotografierte wichtige Modekampagnen, sämtliche Stars drängten vor seine Kamera, und die National Portrait Gallery in London stellte seine Bilder aus.
Es ist damit zu rechnen, dass Mario Testino auch in Zukunft reichlich Erfolge feiern wird. Wer sich von ihm fotografieren lässt, weiß, dass er keine böse Überraschung erlebt. Für die Stars mag das gut sein. Für den Betrachter ist es das nicht immer.
„Out of Fashion“ – bis zum 17. Mai im Düsseldorfer NRW-Forum.