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Veröffentlicht: 22.01.2013, 17:20 Uhr

Margaret Bourke-White in Berlin In schwindelnder Höhe, vor grausigem Abgrund

Manchmal lässt sich die Welt nur noch als Bild aushalten. Eine Ausstellung im Gropius-Bau in Berlin zeigt die beeindruckenden Reportagefotografien von Margaret Bourke-White als Werke der Kunst.

von Peter Geimer

Das Leben der amerikanischen Fotografin Margaret Bourke-White war so reich an außergewöhnlichen Ereignissen, dass ihre 1963 erschienene Autobiographie über Wochen hinweg auf der Bestsellerliste der „New York Times“ rangierte. Aufgefallen war sie mit temperamentvollen Auftritten: etwa als sie auf das Stahlgerüst des von ihr bewohnten Chrysler Building hinaufstieg, um die unter ihr liegende Stadt zu fotografieren. Aber ihren Ruhm verdankte sie großartigen Reportagen: Nachdem sie eine erfolgreiche Karriere als Werbe- und Industriefotografin aufgegeben hatte, war Bourke-White 1930 die erste ausländische Fotojournalistin, die in der Sowjetunion fotografieren durfte, die einzige ausländische Fotografin in Moskau, als dort im Juli 1941 die ersten deutschen Bomben fielen, und die erste Frau, die als Mitglied der U.S. Air Force Schauplätze des Zweiten Weltkriegs in England, Tunesien, Italien und Deutschland dokumentierte.

Zahlreiche ihrer Fotos sind nun in einer beeindruckenden Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau zu sehen. Sie reichen von den frühen Aufnahmen der Stahlwerke in Cleveland/Ohio über die in der Sowjetunion entstandenen Fotografien bis hin zu den Bildern aus der Nachkriegszeit in den zerbombten Städten Deutschlands. Was die Ausstellung eindrücklich vor Augen führt, ist die ungeheure, thematische und ästhetische Spannbreite, die eine Fotografenkarriere im zwanzigsten Jahrhundert mühelos umfassen konnte.

Die Kamera schafft Distanz

Die Industrieaufnahmen der dreißiger Jahre erinnern in ihrer Konzentration auf den metallischen Glanz einer Turbine oder die graphische Struktur einer Stahlkonstruktion an die Formexperimente der Neuen Sachlichkeit. Die Menschen auf diesen Bildern treten hinter der Funktion der Maschinen zurück, aber weder das Pathos des Erhabenen noch Bedrohung sprechen aus diesen Bildern, vielmehr der Glaube an die Schönheit einer Technik, die als Verheißung begriffen wurde.

Daneben allerdings gibt es Aufnahmen, die jeden Gedanken an ästhetisches Raffinement zurücktreten lassen. Dazu gehören nicht zuletzt die Bilder von der Öffnung des Lagers Buchenwald, auf denen Weimarer Bürger mit verstohlenen Mienen an den Leichenbergen entlanggehen. Auf dem berühmtesten Foto dieser Serie blickt eine Gruppe von Männern in ihren gestreiften Sträflingshosen trostlos in die Kamera - und auch die tausendfache Wiederholung dieses Bildes kann den erschütternden Anblick nicht zum Verschwinden bringen. Damals, schrieb Margaret Bourke-White, sei ihr bewusst geworden, dass sie die Szenen vor ihren Augen erst dann wirklich glauben könne, wenn sie alles noch einmal auf ihren Fotos sehen würde. Die Kamera funktionierte als Filter, der das Gesehene auf Distanz hielt, um es später im Bild umso klarer erkennen zu können.

Aus dem Kontext gerissen?

Neben Walker Evans und William Eugen Smith gehört Bourke-White zu den Pionieren des Foto-Essays. Als 1930 die erste Ausgabe der Zeitschrift „Fortune“ erschien, lieferte sie die Bilder für die Titelgeschichte, sechs Jahre später gehörte sie zu den Gründungsmitgliedern des wöchentlich erscheinenden Magazins „Life“. Daneben entstanden zahlreiche Reportagen in Buchform. Gemeinsam mit dem Schriftsteller Erskine Caldwell dokumentierte sie die Armut der Farmpächter im Süden Amerikas, aber auch den Alltag in der Tschechoslowakei zur Zeit der Sudetenkrise. Insgesamt elf Bücher sind so entstanden.

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