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Marcel Brülhart im Gespräch : Wie die „Causa Gurlitt“ die Kunstwelt verändert

„Das Museum hat sich durch die Annahme der Erbschaft neu positioniert“, sagt Marcel Brülhart von der Stiftung des Kunstmuseums Bern. Bild: privat

In Bern und Bonn eröffnet die Ausstellung „Bestandsaufnahme Gurlitt“. Doch was bedeutet so eine Erbschaft wie die von Raubkunstfällen belastete Sammlung, wenn sie von einem Skandal begleitet wird?

          In wenigen Tagen eröffnen die Ausstellungen zum Kunstbestand von Cornelius Gurlitt, parallel in Bern und Bonn. Wird es bei dieser „Bestandsaufnahme Gurlitt“ Überraschungen geben?

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Es gibt keine großen Überraschungen, wir haben ja jeweils über die Fortschritte bei Forschung und Restaurierung informiert. Tatsächlich wird man sich aber in Bern das erste Mal einen Eindruck von der tatsächlichen Qualität des Bestands machen können. Es wird da spürbar, dass es eine private Sammlung ist, mit Schwerpunkten auf dem Deutschen Expressionismus und der Neuen Sachlichkeit.

          Am Beginn des Gurlitt-Skandals war von einem „Nazi-Schatz“ die Rede. Nach einigen Monaten jedoch standen nur noch wenige Werke unter klarem Verdacht, NS-Raubkunst zu sein. Hat sich daran etwas aus Ihrer Sicht geändert?

          Das ist in der Tat so. Die Forschung ist heute noch nicht abgeschlossen, aber von einem NS-Raubkunstverdacht gehen die Forscher nur bei einem sehr kleinen Teil der Werke aus. Dies entspricht unserer Einschätzung bei der Annahme der Erbschaft. Hätten wir damals von einem erheblichen Anteil ausgehen müssen, wäre eine Annahme der Erbschaft nicht in Frage gekommen.

          Wissen Sie inzwischen mehr darüber, warum Cornelius Gurlitt ausgerechnet dem Kunstmuseum Bern seine Sammlung, sein gesamtes Vermögen überhaupt, vermacht hat?

          Wir haben keine eindeutige Erklärung. Am wahrscheinlichsten ist eine Mischung aus seinen bekannten Bezügen zu Bern und zur Schweiz: die Geschäftsbeziehungen seines Vaters zu Kunsthändlern und Auktionshäusern, die Cornelius Gurlitt dann weiterführte. Die positiven Kindheitserinnerungen an Besuche bei seinem Onkel in Bern nach dem Krieg und ein Erholungsurlaub als Kind zusammen mit seiner Schwester Cornelia im Tessin. Cornelius Gurlitt hatte ein positiv besetztes Bild von der Schweiz. Möglicherweise haben auch die Umstände der Entdeckung des Kunstfunds dazu beigetragen.

          Wie hat sich das Kunstmuseum Bern seitdem verändert?

          Die Causa Gurlitt hat das Kunstmuseum Bern erheblichen Herausforderungen und Belastungen ausgesetzt, die teilweise an der Grenze des Leist- und Zumutbaren waren und sind. Andererseits hat sich das Kunstmuseum Bern durch die Annahme der Erbschaft neu positioniert. In der Schweiz hatte kaum jemand mit dieser Annahme gerechnet. Für Schweizer Verhältnisse ist es ungewöhnlich, sich in ein solches „Abenteuer“ zu begeben.

          Ist es denn schon sicher, dass das Kunstmuseum Bern sämtliche Werke, die jetzt in der Ausstellung dort gezeigt werden, auch behalten wird?

          Werke, bei denen die Beforschung abgeschlossen sind, übernehmen wir. Wir zeigen aber auch Werke, deren Beforschung beziehungsweise Beurteilung durch das internationale Projekt „Provenienzrecherche Gurlitt“ zwar noch nicht abgeschlossen ist, denen aber aktuell kein Raubkunstverdacht anhaftet. Bei diesen Werken entscheiden wir erst nach Abschluss der Recherchen. Zu ihnen gehört auch Cézannes „La Montagne Sainte Victoire“; bezüglich des Gemäldes stehen wir in Gesprächen mit der Familie Cézanne. Das Werk wurde im Zuge der Beforschung zwar nicht als Raubkunst eingestuft, weist aber eine Provenienzlücke auf. Wie es in den Besitz von Hildebrand Gurlitt kam, ist zurzeit nicht geklärt. Der Fall verdeutlicht, wie wichtig die Bereitschaft ist, sich offen mit allen möglichen Arten von Konstellationen auseinanderzusetzen.

          Was hat der Fall Gurlitt in den Schweizer Museen allgemein verändert?

          Der Fall Gurlitt hat faktisch dazu geführt, dass die Museen erstens ihre eigenen Bestände systematisch und umfassend auf allfällige Provenienzlücken zu untersuchen beginnen. Und zweitens wird die Frage einer zeitgemäßen Auslegung der Prinzipien des „Washingtoner Abkommens“ wieder diskutiert. Die Schweizer Restitutionspraxis ist bislang restriktiver als diejenige Deutschlands oder anderer Nachbarländer. Insgesamt ist das Bewusstsein dafür gestiegen, dass es einen historischen Aufarbeitungsbedarf gibt.

          Was hat der Fall Gurlitt für den Schweizer Kunsthandel verändert?

          Nicht nur in der Schweiz hat der Fall Gurlitt die Bedeutung korrekter Provenienznachweise im Kunsthandel verstärkt. Wieweit sich dies in der Praxis tatsächlich auswirken wird, kann ich nicht beurteilen.

          Was würden Sie sich für die Zukunft wünschen?

          Für die Schweiz: den Mut, diesen Teil unserer Geschichte gründlich und abschließend aufzuarbeiten. Generell: den Verzicht auf Extrempositionen. Die heutigen Akteure sind weder Täter noch direkt Opfer. Unserer Generation sollte es eigentlich nicht allzu schwerfallen, jeweils für alle Beteiligten faire Lösungen zu finden. Dazu braucht es nicht in jedem Fall zwingend Anwälte.

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