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Manet-Ausstellung in Hamburg : Sehen und gesehen werden im Salon

  • -Aktualisiert am

Das Modische und das Ewige: Mit rund sechzig Werken aus internationalen Sammlungen und Museen ist Édouard Manets „Blick der Moderne“ in der Kunsthalle Hamburg hervorragend bestückt.

          Die Einsicht Édouard Manets war profund, und sie gilt uneingeschränkt noch heute: „Ausstellen ist die Lebensfrage, das sine qua non für den Künstler.“ Wer etwas auf sich hielt, musste im Paris des neunzehnten Jahrhunderts in den Salon drängen und versuchen, in der gigantischen Ausstellungsmaschine unter den Tausenden und Abertausenden Bildern die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Dabei galt es auch, all die Kritik, die Häme und das Hohngelächter von Publikum und Publizistik auszuhalten. Nun war Manet sensibel und durchaus verletzlich, aber eben auch ein genialer Provokateur. Niemand verstand sich in den sechziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts so treffsicher auf eine Kunst der akademischen Anspielung und des subtilen Affronts. Lange bevor sich in der Postmoderne die Appropriation Art – die Kunst der Besitzergreifung und Aneignung – als Genre etablierte, hat Manet Kompositionen von Raffael und Tizian adaptiert und sie ins zeitgenössische Paris übersetzt.

          So ließ er aus Tizians „Venus von Urbino“ die laszive „Olympia“ hervorgehen, verwandelte die Liebesgöttin in eine stadtbekannte Prostituierte – zwei Werke, die der Dogenpalast in Venedig im Jahr 2013 in einer bestechenden Ausstellung über die Früchte von Manets Italien-Reisen erstmals an einer Wand präsentieren konnte. Manet definierte damit auf seine Weise, was er unter Modernität verstand. Diese Vokabel hatte sein Freund und Fürsprecher Charles Baudelaire in die Debatte geworfen: Ein modernes Kunstwerk setzte sich ihm zufolge aus dem Zufälligen, Modischen und dem Ewigen, zeitlos Geltenden zusammen.

          Velázquez' Einfluss auf Manet

          Jene entblößte Victorine Meurent, die Manet als „Olympia“ Modell gelegen hatte (wie auch für das nicht minder umstrittene „Frühstück im Grünen“), taucht jetzt in einem kleinen Bild in der Hamburger Kunsthalle wieder auf. Die Atelierstudie von 1862 aus dem Museum of Fine Arts in Boston zieht schon von weitem in den Bann. Sie weist der jungen Proletarierin noch keine erzählerische Rolle zu, die damals achtzehn Jahre alte Frau blickt uns vielmehr von Angesicht zu Angesicht als sie selbst an – jedenfalls suggeriert das Bild einen solchen authentischen Charakter. Zugleich relativiert die pastose Faktur diesen Eindruck sofort wieder und stellt klar: Es ist Malerei, mit der wir es zu tun haben. Manet hat das Porträt nie ausgestellt.

          In kluger Fokussierung widmet sich die Hamburger Ausstellung dem Sehen und dem „Blick der Moderne“ im OEuvre Manets. Mit rund sechzig Werken aus internationalen Sammlungen und Museen ist die Schau zum Abschied des Direktors Hubert Gaßner hervorragend bestückt. Tatsächlich leben auffallend viele seiner Werke vom eindringlichen (wie häufig auch vieldeutigen) Blick. Es ist das Individuum, dessen Blick Manet in seiner gesellschaftlichen Funktion interessiert, bei einer Bierkellnerin oder einem Kritiker ebenso wie beim Modell, der Amazone oder schlicht der „Pariserin“. Introvertiert schaut der junge „Birnenschäler“, existenzgesättigt der Künstler Marcellin Desboutin, theatralisch und mit aufgerissenen Augen der Hamlet-Darsteller Jean-Baptiste Faure, ahnungsvoll gedrückt das Mädchen hinterm Tresen in einer Studie zur „Bar aux Folies-Bergère“.

          Auch die Hamburger Ausstellung hat ein eindrucksvolles Bilderpaar zu bieten: Sie vereint Velázquez’ „Menippus“ von 1640 und Manets „Philosoph“ als Bettler im Wintermantel von 1865 – die beiden Herren im vorgerückten Alter treten uns in Lebensgröße aus einem dunkeltonigen Ambiente entgegen, das bei dem spanischen Maler durch einige Requisiten wie Bücher und Papierrollen gekennzeichnet ist, während Manets Mann mit der Baskenmütze sich in einem ortlosen Farbraum an den Betrachter wendet. In verschlagener Überlegenheit schaut Velázquez’ antiker Satiriker über die Schulter auf uns herab; eindringlich, fast flehentlich bittet Manets Bedürftiger um ein Almosen. Schlagartig wird deutlich, wie stark sich Manet seit einem Besuch des Prado an Velázquez orientierte und was er seinem Idol verdankte.

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