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Malerin Cornelia Schleime : Mit den Augen der Eisvögelin

Maskierte Selbstfindung: Berlin zeigt anlässlich der Auszeichnung mit dem Hannah-Höch-Preises eine Werkschau der Malerin Cornelia Schleime. Eine Flucht vor dem DDR-Grau in den Kitsch.

          Auf einem Foto von 1983 sitzt die Malerin Cornelia Schleime in ihrem Atelier in der Invalidenstraße in Ost-Berlin. Sie trägt Netzstrümpfe, einen gepunkteten Rock und eine lange schwarze Jacke. Auf dem Tisch neben ihr liegen Blätter mit Aquarellen und ein weiblicher Gipskopf, an den Wänden hängen Gemälde und afrikanische Stammesmasken an Schnüren. Der Fluchtpunkt des Fotos aber ist das Gesicht der Malerin, das durch eine Lichtquelle hinter ihr konturiert wird. Ihr rechtes Auge ist offen, herausfordernd blickt es in die Kamera, das linke wird von einer Haarsträhne verdeckt. Es hält etwas zurück, wie das ganze Antlitz. Tränen vielleicht, eine Weichheit, die sich nicht zeigen will. Und doch zeigt sie sich in dieser Fotografie, die das, was sie verbirgt, zugleich enthüllt. Es ist das letzte Jahr vor der Ausreise der Malerin in den Westen, das Atelier existiert nur noch auf Abruf.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Dreißig Jahre später kehrt das verhängte Auge auf einem Gemälde zurück. Inzwischen ist Cornelia Schleime, die nach ihrem Abschied von der DDR in eine Lebenskrise geriet, in der deutschen Kunstszene etabliert, hat Stipendien und Preise gewonnen. „Die Argonautin“, entstanden 2015, ist ein Selbstporträt in Maskenform. Die Spuren des Alters hat Schleime aus ihren Zügen getilgt. Wie ein trotziges Mädchen schaut sie aus dem Bild. Aber nur mit dem rechten Auge; das linke dämmert im Farbschatten des Dreiviertelprofils. Der Oberkörper steckt in einem schwarzen Schutzanzug, der auch die Haare bedeckt. Über der Schläfe prangt ein hellbrauner Fleck: ein Hasenohr vielleicht oder ein Stück schmutziger Schnee. Im Hintergrund eine Winterlandschaft, versunken im Nebel aus Acryl- und Schellackfarben. Kein Atelier, ein Innenraum.

          Enthüllende Diskretion

          Cornelia Schleime, der die Berlinische Galerie anlässlich ihrer Auszeichnung mit dem Hannah-Höch-Preis eine Werkschau widmet, hat nicht vergessen, dass sie ein Opfer staatlicher Beobachtung war. Den Blicken der Stasi und ihrer Helfer – darunter Schleimes Freund Sascha Anderson alias IM „David Menzer“ – dem sie in den frühen achtziger Jahren teils durch Verhüllung, teils durch spielerische Entblößung trotzte, ist sie entronnen. Dem Blick des eigenen Ichs, das sich im Innenraum der Kunst selbst befragt, entgeht sie nicht. Die großformatigen Porträts, die sie seit den neunziger Jahren malt, nehmen den Impuls der Selbsterforschung auf, ohne ihn voyeuristisch zu überspitzen.

          Sie sind enthüllend und diskret zugleich; sie suchen die Wahrheit des hellen und das Geheimnis des verschatteten Auges. Ihre Figuren schauen aus dem Bild in sich hinein: die jüngst entstandene „Eisvögelin“, aus deren Harlekinskragen ein Vogel aufsteigt; der düster brütende Glatzkopf in „Schädelwind“; die Schlafende mit der Schlange in „Leise spricht die Zunge“; das Mädchen im Nachthemd in „Redrum“ von 2002. Andere scheinen aus Filmen zu stammen, in die sich die Phantasie der Malerin verguckt hat – das Mädchen mit den Vögeln in „Ein Wimpernschlag“, dem Gemälde, das der Ausstellung den Titel gibt, oder das Männerpaar in „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“, das nicht an den Roman von Musil, sondern an die Kinoversion von Schlöndorff erinnert.

          Wut wird zur Ironie

          Nach dem Fall der Mauer und der Wiedervereinigung nahm sich die Künstlerin ihre Stasi-Akte vor. Die Berichte, die sie darin fand, stellte sie mit eigenen Fotos zu einem Album zusammen. „Bis auf weitere gute Zusammenarbeit“ ist die Rückabwicklung einer Bespitzelung durch Bebilderung. Dass Schleime „die sozialistische Gesellschaft völlig ablehnt“, ist da etwa zu lesen. Auf dem Foto darüber steht die Malerin mit Schürze und Kopftuch unter einem Honecker-Porträt, dem sie den Mund mit Fäden zugeklebt hat. Ein anderes Blatt verkündet die „Abverfügung“ des Vorgangs Schleime ins Stasi-Archiv; darunter posiert die Malerin auf dem leeren Tagungstisch des SED-Zentralkomitees.

          So sehen Siegerinnen aus. Aber keine Befreiten. Zur selben Zeit, als die Stasi-Collagen entstehen, beginnt Cornelia Schleime eine Fotoserie, in der sie mit langen Zöpfen vor einen Kinderwagen gespannt ist. Mal schleppt sie den Wagen vor dem Haus eines Stasi-Offiziers, mal über ein Feld in Brandenburg oder den Strand bei Ahrenshoop. Im letzten Bild, 2015, steht sie in Livree und Perücke vor Schloss Putbus. Die Wut ist zur ironischen Pose zerfallen. Der Zopf hängt schlaff herab.

          Kitsch als Überwindung der DDR

          Ein ähnlicher Prozess läuft in den Zeichnungen ab. Auf den Blättern der Reihe „Rituale“ von 1996 wirken die geflochtenen Haare bedrohlich, einschnürend, tentakelhaft. Zwanzig Jahre später sind sie nur noch ein Requisit. Dazwischen liegen die Serien „Mutation“ und „Camouflage“, in denen die Malerin die Zoologie des Surrealismus durchspielt: Mädchen mit Fuchs- und Hasenköpfen, ein Männerhaupt auf einem Käferrumpf, ein Vogel mit Schlangenschwanz. In den jüngeren Arbeiten schweben Frauenkörper, nackt oder bekleidet, auf spiegelndem Untergrund. Das Ornamentale steckt jetzt nicht nur in den Haaren, es geht durch die ganze Figur.

          Kurz nach ihrer Ausreise, im Jahr 1985, hat Cornelia Schleime ihr ästhetisches Programm formuliert: Sie werde sich „an der Grenze des Kitsches bewegen“, um das Grau der DDR-Malerei zu überwinden. Dabei ist sie geblieben. Wobei die Grenze zum Kitsch, die ihre Zeichnungen häufig, ihre Gemälde nur selten und ihre Collagen fast nie überschreiten, auch die zur Beliebigkeit, zum bloßen Können ist. Was an diesen Bildern berührt, hat beinahe immer mit Autobiographischem zu tun. „Die Nacht hat Flügel“ heißt, 1996 entstanden, eins ihrer besten Werke. Man sieht ein Kind im grünen Kleid, die Arme zur Seite gestreckt, die Zöpfe zu überlangen Haarbögen erstarrt. Die Schwester des Ikarus, der bei Wolfgang Mattheuer ein abgestürzter Kosmonaut war, trägt ihre Flügel am Kopf, mit dem sie sich aus der Nacht ihres Daseins erhebt. Am Ende ist Cornelia Schleime die letzte große Malerin, die die sterbende DDR hervorgebracht hat.

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