22.01.2009 · Als Formen politisiert und die Wirklichkeit ignoriert wurde: Die Frankfurter Schirn stellt das umstrittene Spätwerk von Ernst Wilhelm Nay aus. Zu entdecken ist eine großartige Malerei, die in die Mühlen einer Stellvertreterdiskussion geriet.
Von Julia VossErnst Wilhelm Nays Malmaschine steht noch immer mitten in Köln, ein Haus aus Backstein, Beton und Glas. Die letzten zehn Jahre seines Lebens arbeitete er hier, er, der deutsche Wirtschaftswundermaler und Exportkünstler.
Ein breites Treppenhaus führt hoch in den ersten Stock zum Atelier, Nay hatte es sich bauen lassen, um die großformatigen Bilder, wenn sie schnell waren, einfach abtransportieren zu können; es gibt ein nüchternes Atelier mit modernem Mobiliar und geriffelten Fenstern, so dass der Garten hinter nebelweißen Scheiben verschwindet. Gearbeitet wurde in einem festen Takt: Malen von neun bis dreizehn Uhr während der Wintermonate, die Sommermonate fuhr man nach Griechenland. Gezeichnet wurde am Abend, farbig aquarelliert auf Reisen. Ein Atelier wie ein Labor, hell, funktional, ohne Ausblick und mit geregelten Arbeitszeiten. Noch heute wirkt es wie der Arbeitsort von jemanden, bei dem alles am Schnürchen lief - bis 1964 jedenfalls.
Seit vierzig Jahren bewohnt Elisabeth Nay-Scheibler nun dieses Haus ohne ihren Mann, der 1968 starb. Aus der Malmaschine ist ein Archiv geworden und aus der Ehefrau eine Archivarin, die eine der erstaunlichsten Künstlerkarrieren der Bundesrepublik verwaltet.
Farbgewaltige große Bilder
„Er malte sie auf die drängende Bitte von Arnold Bode“, sagt Elisabeth Nay-Scheibler und meint damit das Ereignis, das zu einem Wendepunkt in der Rezeption von Nays Malerei werden sollte. An der Wand lehnen die beiden Gemälde „Rot-Gelb-Violett“ von 1967 und „Sinus“ von 1966, bereitgestellt für den Abtransport in die Ausstellung der Frankfurter Schirn.
Gezeigt werden dort zum ersten Mal nur die Bilder der sechziger Jahre. Es sind farbgewaltige große Bilder; während es draußen schneit, stellt man sich vor, dass diese Kunst Ausstellungsbesuchern in den sechziger Jahren bestimmt ausgesprochen gute Laune gemacht haben muss. „Nayrotisch“ nannte Nay aber selbst die Reaktionen, die 1964 in Folge der Documenta III losbrachen, Angriffe, von denen er sich in den vier Jahren, die ihm bis zu seinem Tod blieben, nicht mehr erholen sollte.
Bis dahin schien Nays Erfolg durch nichts aufgehalten werden zu können, eine Bilderbuchkarriere, die bis in die Vereinigten Staaten ausstrahlte: Geboren 1902 in Berlin arbeitete der junge Nay zuerst als Angestellter im Kaufhaus des Westens, später als Komparse und Hilfsarchitekt beim Film. Das Malen brachte er sich selbst bei, 1923 besuchte einen Aktkurs, es folgten die ersten Ausstellungen. Mit den Nationalsozialisten kommt ein Riss in die Biographie, als 1937 die Ausstellung „Entartete Kunst“ in München gezeigt wird, befinden sich unter den ausgestellten Werken auch zwei Bilder von Nay. Mit Kriegsende schließt sich die Lücke jedoch wieder. Schon 1946 organisiert die Münchner Galerie Günther Franke eine große Ausstellung mit Nays Gemälden.
Sprung nach New York
Seine spätere Frau Elisabeth arbeitet für Franke, sie treffen sich dort und werden ein Paar. Kein deutscher Künstler schafft in diesen Jahren den Sprung nach New York - keiner außer Ernst Wilhelm Nay. Emil Schumacher schließt 1959 etwa mit dem Galeristen Sam Kootz einen Fünfjahresvertrag, den Kootz wieder kündigt, als 1961 die Eichmann-Prozesse beginnen. Nay malt groß und bunt wie die Amerikaner; zugleich schützt ihn das Malverbot unter den Nationalsozialisten rückblickend davor, als einer von „den Deutschen“ wahrgenommen zu werden, den kein Amerikaner der Nachkriegszeit gerne in seiner Sammlung sehen wollte.
Und in diesem Moment lohnt es sich einen genauen Blick auf Deutschland zu werfen: In der angeblichen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit wird zur gleichen Zeit eine der unglaublichsten Stellvertreterdebatten erfunden, die als Hintergrundsgeräusch die Kunstproduktion über Jahrzehnte begleitet. Der Kunsthistoriker Hans Sedlmayr prägt gegen die abstrakte Kunst die Wendung vom „Verlust der Mitte“ - Völkermord und Krieg, in der Tat ein Verlust der Mitte, verantwortet von der Politik einer Partei, der Sedlmayr angehörte, kommen in dieser Analyse nicht vor. Und Theodor W. Adorno bejaht den Verlust, mit dem Argument allerdings, „dass die Harmonie des modernen Kunstwerks darin besteht, dass es das Zerrissene, selber unversöhnt, unversetzt zum Ausdruck bringt“. Von da an tobt die Auseinandersetzung, ob abstrakt oder figürlich gemalt werden soll. Gefragt wird nicht, ob die Museumsdirektoren, die unter den Nationalsozialisten Karriere machten, weiter ihre Posten behalten sollen. Gefragt wird auch nicht, was mit dem enteigneten jüdischen Eigentum in deutschen Museumsdepots passieren soll. Gefragt wird: Besser abstrakt oder figürlich? Deutschland machte es sich in einer Debatte gemütlich, die Formen politisierte und Wirklichkeiten ignorierte.
So etwas wie ein Verbrechen
In diese Mühlen geriet das Spätwerk von Ernst Wilhelm Nay. Als Arnold Bode 1964 auf der Documenta drei hundertfünfzig Kilo schwere Gemälde bei Nay in Auftrag gab und diese in den Kasseler Ausstellungshallen horizontal an der Decke aufhing, lautete der Vorwurf des Kunstkritikers Platschek: Diese Formen seien „nicht zerstört“, Farben und Linien „nicht beschädigt“ und die Wirklichkeit „nicht zerrüttet“. Zu bunt, zu groß, zu geometrisch. In der Logik damaliger Kunstkritik war das so etwas wie ein Verbrechen; um Nay wurde es still.
Die Frankfurter Schirn hat nun unter der Leitung der Kuratorin Ingrid Pfeiffer den ehemaligen Documenta-Raum rekonstruiert. Wer sich nahe genug unter die Bilder stellt, kann noch die Fußabdrücke von Nay auf der Leinwand sehen, Zehen und Ballen, die der Künstler hinterließ, als er auf dem Boden seines Ateliers die prächtigen Gemälde malte. „Augenbilder“ heißt diese Schaffensphase in seinem Werk und auf den Betrachter blicken von der Decke dutzendfach bunte Augen hinunter. In Deutschland sind die Stellvertreterdebatten um Figuration und Abstraktion inzwischen abgeflaut. Es gibt eine wirkliche Auseinandersetzung um die Rolle von Kunst- und Kulturschaffenden in den Nachkriegsjahren. Und damit ist auch der richtige Zeitpunkt gekommen, sich Nays großartige Malerei endlich in Ruhe anzusehen.