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Malerei Prestigeauftrag für Michelangelo

 ·  Plötzlich stand die missliebige Tätigkeit doch auf der Agenda: Ein Dokument aus der Berliner Staatsbibliothek wirft neues Licht auf Michelangelos Tätigkeit als Maler.

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Über Mangel an Aufträgen konnte sich Michelangelo zu keinem Zeitpunkt seines Lebens beklagen. Schon gar nicht im Sommer 1519. Bis dahin hatte der Künstler Projekte in nie zuvor gekannten Größenordnungen an Land gezogen. Darunter große Skulpturenprogramme, die er jedoch gar nicht oder erst viel später und in reduziertem Umfang vollendete. Dazu zählten beispielsweise die bereits 1503 in Auftrag gegebenen zwölf überlebensgroßen Apostel für den Chorbereich des Domes von Florenz, von denen Michelangelo lediglich den „Matthäus“ begonnen hatte. Das außerordentlich ambitionierte Projekt wurde wenig später ad acta gelegt.

In noch größere Dimensionen stieß Michelangelo mit dem Grabmal für Papst Julius II. vor. Es sollte ihn vierzig Jahre lang, von 1505 bis 1545, beschäftigen und quälen. Eine „Tragödie“, wie Michelangelos Sprachrohr Ascanio Condivi später beklagte. Das ursprünglich mehr als vierzig Skulpturen umfassende Programm wurde im Laufe der Jahre mehrfach und erheblich zusammengestrichen. Zähe Verhandlungen mit den Erben von Julius II. brachten bis zum Jahr 1516 eine Reduzierung auf insgesamt achtzehn Skulpturen, wovon der Künstler bis zum Sommer 1519 drei eigenhändig und halbwegs vollendete. Viel mehr sollten es nicht werden.

Noch während seiner Verhandlungen mit den Erben hatte sich Michelangelo um einen Auftrag bemüht, der mit einem kalkulierten Geldwert von 40 000 Golddukaten mehr als doppelt so teuer und mithin auch doppelt so profitabel zu werden versprach wie das Papstgrab: die Gestaltung der Fassade der Florentiner Kirche San Lorenzo einschließlich eines ambitionierten Skulpturenprogramms. Initiator war wahrscheinlich die Florentiner Künstlerschaft, Papst Leo X. wohl der Auftraggeber. Michelangelo bekam den Zuschlag für dieses Großprojekt, doch er hatte dabei seine Florentiner Künstlerkollegen rüde aus dem Rennen geworfen und darüber so manchen guten Freund verloren. Schon 1520 wurde der Auftrag für San Lorenzo trotz erheblicher Vorarbeiten und Investitionen storniert. All die Mühe, all das böse Blut - vergebens.

Angesichts dieser - man kann es nicht anders nennen - Gier nach Großprojekten im Bereich der Skulptur konnte man sich bislang kaum vorstellen, dass Michelangelo im Sommer 1519 noch einen weiteren Auftrag angenommen hätte, und zwar nicht als Bildhauer, sondern als Maler. Doch das war der Fall, wie ein bislang nicht beachtetes Dokument unmissverständlich belegt. Es handelt sich um eine Quittung vom Juni 1519, die Lionardo de Bartolinis Bestellung eines großformatigen Madonnenbildes bei Michelangelo dokumentiert. Trotz der Veröffentlichung dieses Dokuments im Jahr 2008 in einem Ausstellungskatalog mit Autographen aus der Kollektion des Berliner Sammlers Ludwig Darmstaedter hat es bislang nicht die gebührende Würdigung gefunden. Irgendwie ist die Quittung zu Michelangelos Bartolini-Madonna im Grundrauschen der allgemeinen Publikationsflut untergegangen. Auch mögen leise Zweifel an der Echtheit des Dokuments, wie sie der Berliner Katalog andeutet, eine Rolle gespielt haben. Aber für Zweifel in diese Richtung gibt es keinen Anlass.

Malerei sei nicht sein Metier

Der Text der Quittung für Bartolini lautet in freier Übertragung folgendermaßen: „Ich, Michelangelo, Sohn des Lodovico Simoni, Florentiner Bildhauer hier in Rom, habe am heutigen Tag, dem 5. Juni, von dem ebenfalls aus Florenz stammenden Lionardo de Bartolini zur Bezahlung eines Gemäldes Unserer Frau, das ich zu machen übernommen habe, 100 Kammerdukaten empfangen. Und zur Beglaubigung, dass es wahr sei, habe ich dies mit meiner eigenen Hand geschrieben. 1519.“

Gemeint ist wahrscheinlich Lionardo di Zanobi de Bartolini, der Bankier Papst Leos X. und damit nicht nur in Rom ein sehr wichtiger Mann. Ein Auftrag aus dieser Ecke der florentinisch-mediceischen Klientel am päpstlichen Hof kann nicht überraschen, ebenso wenig der hohe Rang des Auftraggebers. Überraschend ist der Vorgang an sich. Denn die besagte Quittung belegt nicht allein eine weitere Facette von Michelangelos Akquise von Projekten, sondern sie korrigiert auch ein verbreitetes Vorurteil über seine Prioritäten. Wenn Michelangelo sich überhaupt zu einem Metier, einem Beruf im landläufigen Sinne bekannte, dann zur Bildhauerei. So zeichnete er jahrelang seine Briefe mit „Michelangelo, Bildhauer“. Gleichzeitig betonte er selbst während der Freskierung der Sixtinischen Decke in Rom, dies nur widerwillig zu tun - Malerei sei nicht sein Metier. Auch die späteren Freskenaufträge für das „Jüngste Gericht“ in der Sixtinischen Kapelle und für die Cappella Paolina stellte der Künstler als päpstliche Zwangsmaßnahmen dar, denen er sich nolens volens habe beugen müssen. Michelangelo sah also die bedeutendsten Aufträge, die ein Maler in jenen Tagen überhaupt bekommen konnte, als lästige Ablenkung von seiner geliebten Bildhauerei. In dieselbe Kerbe schlagen auch die frühen Biographen, allen voran Ascanio Condivi und Giorgio Vasari.

Der kompetente Ideengeber

Diesem Vorurteil begegnet die jüngere Michelangelo-Forschung mit wachsender Skepsis, insofern kommt die Quittung für Lionardo de Bartolini gerade recht. Das Dokument bestätigt den Verdacht, dass Michelangelo doch mehr Maler war, als er selbst zugeben wollte. Tatsächlich erhielt er schon ganz zu Beginn seiner Karriere eine solide Ausbildung in der Werkstatt Domenico Ghirlandaios, des produktivsten Freskomalers seiner Generation, der, nota bene, für die prompte Erfüllung seiner Aufträge bekannt war. Dieses Lehrverhältnis hat Michelangelo gern unter den Tisch fallen lassen. Er sah sich lieber als unmittelbar von Gott mit dem Genius der Bildhauerei begnadeter Ausnahmekünstler und nicht als Maler. Die vergleichsweise profan anmutende Schulung in Ghirlandaios Werkstatt passte nicht zu diesem Selbstbild.

Michelangelo im Jahr 1519, das ist auch die Geschichte eines gründlich ausgebildeten Malers, der malt, ohne selbst wirklich zu malen: Zu diesem Zeitpunkt ging in Rom ein bedeutender Künstlerwettstreit zu Ende, in den auch Michelangelo verwickelt war. Auf der einen Seite stand Raffael mit seiner „Verklärung Christi“, auf der anderen dessen Rivale Sebastiano del Piombo mit der „Erweckung des Lazarus“. Beide arbeiteten schon seit 1516 an diesen großformatigen Altarbildern für Giulio de' Medici, den Cousin des Papstes. Michelangelo stand auf Seiten Sebastiano del Piombos, half mit Entwürfen oder kompositorischen Hinweisen. In der Rolle des kompetenten Ideengebers war Michelangelo demnach durchaus als Maler tätig, allerdings ohne dieses Metier in einem handwerklichen Sinne auszuüben. Das wollte er offenbar mit dem Auftrag vom Juni 1519 ändern.

Ein unvollendetes Original Michelangelos?

Wahrscheinlich hat Michelangelo die Bartolini-Madonna nie gemalt. Oder das Gemälde ist verlorengegangen. Aber es gibt noch eine andere, wenngleich hypothetische Möglichkeit. Schon seit Jahrzehnten geistert die sogenannte „Manchester Madonna“ der National Gallery in London durch die Forschung. Sie gilt bei nicht wenigen Experten als unvollendetes Original Michelangelos. Diese Zuschreibung ist jedoch ebenso strittig wie die Datierung des Gemäldes. Bekanntlich sind Datierungen und Zuschreibungen im OEuvre Michelangelos ein ebenso notwendiges wie fragiles Konstrukt der Forschung. Das ist auch hier der Fall. Ursprünglich galt die Londoner Madonna als eine Arbeit aus dem Umkreis Michelangelos, datierbar auf die Zeit zwischen 1494 und 1530. Propagiert wurde etwa die Autorschaft Antonio Minis.

Mit der Zuschreibung an Michelangelo einigte man sich schließlich auf 1497 als Entstehungsjahr und Rom als Entstehungsort. Tatsächlich verweisen Indizien in zeitgenössischen Quellen darauf, dass Michelangelo ungefähr zu diesem Zeitpunkt in Rom ein Tafelgemälde anfertigen wollte. Dass er zu Beginn seiner Karriere Tafelbilder malte, belegt zudem sein um 1504 entstandener „Tondo Doni“, dessen Aktdarstellungen die „Manchester Madonna“ vorwegzunehmen scheinen. Als vorläufiger Höhepunkt dieser Stilentwicklung gilt Michelangelos Deckenfresko in der Sixtinischen Kapelle, entstanden zwischen 1508 und 1512.

Zurück zu den Ursprüngen seiner Ausbildung

Wäre die Londoner Madonna aber identisch mit dem 1519 von Lionardo de Bartolini bestellten Gemälde, bereitete sie nicht die athletischen Akte des „Tondo Doni“ und auch nicht ähnliche Motive der Sixtinischen Decke vor, sondern folgte ihnen nach. Dafür spräche in jedem Fall die unverkennbare Monumentalisierung der Aktdarstellung der „Manchester Madonna“, die sich erst während der Arbeiten Michelangelos in der Sixtinischen Kapelle abzeichnet. Auch die statuenhafte Figurenauffassung des Londoner Tafelbildes könnte auf einen Entstehungszeitraum um 1520 hinweisen.

Wie dem auch sei, selbst ohne diese Hypothese wirft die Berliner Quittung aus der Sammlung Darmstaedter ein neues Licht sowohl auf die hochrangige Klientel als auch auf das berufliche Selbstverständnis Michelangelos. Er fand sich im Jahr 1519 offenbar dazu bereit, mit einem Tafelbild wieder an die Ursprünge seiner handwerklich-künstlerischen Ausbildung anzuknüpfen. Diese Wendung ist im Übrigen gar nicht sehr überraschend. Michelangelo war zwar immer darauf erpicht, sich über den gesellschaftlichen Status des Handwerkers zu erheben, aber mit der körperlichen und damit handwerklichen Seite künstlerischen Schaffens hat er sich zeitlebens identifiziert.

Frank Zöllner lehrt Kunstgeschichte an der Universität Leipzig.

Quelle: F.A.Z.
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