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Veröffentlicht: 16.06.2012, 20:00 Uhr

„Made in Germany Zwei“ in Hannover Dann untersucht mal schön

Solide, verlässlich und funktional wie ein Audimotor: In Hannover will die Ausstellung „Made in Germany Zwei“ zeigen, was Künstler in Deutschland umtreibt.

von Anna Prizkau

Die Stadt Hannover gilt weithin als ein Ort, der jeglicher Sehenswürdigkeit entbehrt, als somnambul und leidend am Image der Ödnis. Was kann man also von einer großen Kunstausstellung dort erwarten? Eine Erholungskur, wie sie die Gegenwartskunst in Deutschland seit Beginn der Berlin-Biennale dringend nötig hat? Bis zum 19. August versucht Hannover, die Kunstwelt von ihrem fiebrigen Leiden, von musealisierter Provokation und platter Politisierung, zu befreien.

Dem neunköpfigen Kuratorenteam geht es um einen Überblick über den Kunstproduktionsstandort Deutschland. Der Titel lautet „Made in Germany Zwei“, die erste Ausgabe fand 2007 statt. Die meisten hier gezeigten Künstler leben in Berlin, viele von ihnen kommen aus dem Ausland - was sie eint, ist, dass sie in Deutschland produzieren. Die Kunst, die Hannover zeigt, meidet Nationales, spielt nicht mit Klischees und deutscher Tugend.

Filigran trotz Tonnenschwere

Dass es um eine Art ärztlicher Behandlung geht, lässt sich den Texten zur Ausstellung entnehmen. Gern beschreiben die Kuratoren dort Werkprozesse ihrer Künstler mit dem Verb „untersuchen“. Es handelt sich offenbar um das neue Lieblingswort des Kunstbetriebs - schon in Kassel auf der Documenta darf keiner mehr nur Kunst herstellen, er muss „untersuchen“ und heilen (F.A.Z. vom 9. Juni).

In der Hannoveraner Heilstätte Kunstverein behandeln Direktor René Zechlin und Kuratorin Ute Stuffer das Formfieber der Kunstwelt mit einer überdimensionalen Max-Frisinger-Installation: Im Eingang unter der Decke bietet Frisinger verrostete Stahlträger als Spinnennetz. Der Schrott, der schwerelos zwischen den Bögen des alten Kunstverein-Gebäudes schwebt, wirkt trotz der Tonnenschwere wie filigrane Malerei. Beachtenswert ist auch „Blame it on Morandi“, eine Arbeit der Berlinerin Kathrin Sonntag. Mit Feinsinn und illusionistischen Gesten zeigt sie in einer Diashow Fotografien ihres Ateliers. Die Bilder gleiten von links nach rechts durch den Arbeitsraum der Künstlerin und deuten - wie es der Titel ahnen lässt - auf kunsthistorische Stillleben und Sujets. Untermalt wird das von einer leichten Melodie, die Sonntag komponierte.

Ohne Provokation und Spektakel

Zwar haben die Kuratoren für ihr Konzept Schwerpunktbegriffe definiert (Vernetzung, Medium als Material, Räume, Gestern im Heute, Narrativität und Übersinnliches), dennoch franst ihre Ausstellung mancherorts aus. Die hochtrabenden Begriffe, die Sortierung behaupten, scheinen ohne einen roten Faden durch die ausgestellten Kunstwerke zu latschen.

Natürlich ist die Auswahl nicht repräsentativ, sondern ganz und gar subjektiv. Sie will auf einige junge Positionen verweisen - was im Großen und Ganzen auch gelingt; solide, ohne Provokation und Spektakel, verlässlich und funktional wie der deutsche Audimotor - ganz und gar Made in Germany. Aber eben auch mit seltsamen Begriffsgirlanden, die so sinnlos wie Lichterketten am Audi ins Nichts funkeln.

Versehentlich sich selbst erschossen

Der zweite Teil der Schau findet in der Kestnergesellschaft statt. Dort prägen Raumspiele die Ausstellung. Sehenswert ist der Installationsraum von Reynold Reynolds, eine Art Museum im Museum. Sein Restaurationsprojekt „The Lost“ widmet sich einem Film, der 1933 angeblich als kommerzieller Horrorfilm im Nazi-Deutschland gedreht wurde, noch während seiner Produktion der Zensur zum Opfer fiel und nie fertiggestellt wurde. Neben Filmprojektionen werden Requisiten, Zensurbescheinigungen und alte Kameras ausgestellt. Zudem erzählt Reynolds in neu gedrehten Szenen, wie es wohl weitergehen könnte. Ob es jemals einen solchen Film gegeben hat, verrät er den Besuchern nicht.

Ein ähnliches Spiel mit Glaubwürdigkeit und Authentizität erlaubt sich der Hannoveraner Dirk Dietrich Hennig. Für seine Installation erdachte er sich einen fiktiven Fluxus-Künstler namens Jean Guillaume Ferrée. Hennig zeigt zwei Räume, die sein Ferrée erschaffen haben soll. Zudem erzählt er mittels manipulierter Zeitschriften die Biographie des geisteskranken Künstlers, der sich bei einem Interview aus Versehen erschossen haben soll.

Genesungsurlaub für die Kunst

Dritter Spielort der hannoverschen Kunstheilkur ist das Sprengel Museum am Maschsee. Dort werden die wunderbar auratischen Arbeiten von Jan Paul Evers präsentiert, grobkörnige Fotografien, die zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit schweben. Mal lassen sich architektonische Gebilde erahnen, ein anderes Mal zeigt Evers einen Pfau, der sich in eine Halbkugel verwandelt.

Arbeiten wie von Evers fehlen in den großen Ausstellungen Berlins; sie sind zu tief und vielleicht auch zu leise für die berlinerische Kunstszene. Gleich neben Evers’ Arbeiten hängt die Werkgruppe von Natalie Czech. Sie lässt die Betrachter „Il pleut“, ein Figurengedicht von Guillaume Apollinaire, neu sehen. Czech hat das Originalgedicht an mehrere Autoren geschickt, die den Text in verschiedenen Sprachen interpretieren. Mit bunten Markierungen macht sie Apollinaires Gedicht im neuen Text sichtbar. Lyrisch und leicht wird Text zu Bild und Bild zu Text.

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Unter die neuen, spannenden Positionen mischen die Kuratoren gern etablierte Stars wie Cyprien Galliard, Ulla von Brandenburg oder Omer Fast. Andere Arbeiten wie die großartige Video- und Soundinstallation „Toga“ von Marcellvs L. oder das eindrucksvolle Archiv „The Personal Effects of Theo Grünberg“ von Simon Fujiwara sind zwar schon in Berlin und Hamburg ausgestellt worden, aber nicht weniger interessant. „Made in Germany Zwei“ ist alles in allem dann doch ein wohltuender Genesungsurlaub für die Kunst - der obendrein Niedersachsens Hauptstadt zumindest für drei Monate von ihrer Ödnis befreit. Ein fairer Handel, sehenswert zugleich.

Glosse

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